08. Juli 2013

Merkel will neues Strommarktdesign mit grundlegender EEG-Reform verbinden und würdigt Rolle des BDEW bei Konzessionsvergaberichtlinie

Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer Rede auf dem BDEW-Kongress am 12. Juni in Berlin, Quelle: BDEW/Horn

Auf dem BDEW-Kongress vom 12. bis 13. Juni 2013 in Berlin betonten sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und Bundesumweltminister Peter Altmaier, dass nach der Bundestwagswahl im Herbst 2013 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zeitnah grundlegend reformiert und Teil eines neuen Strommarktdesigns sein müsse. Dieses Marktdesign müsse zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit auch wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen für konventionelle Kraftwerke schaffen. Merkel machte dabei deutlich, dass es keine rückwirkenden Eingriffe in das EEG geben und der Einspeisevorrang erhalten bleiben solle. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück lobte den BDEW-Vorschlag für eine sog. Strategische Reserve. Jürgen Trittin, Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen, betonte auf dem Kongress die wichtige Rolle von Erdgas auf dem Weg in eine nachhaltige Energieversorgung. Sowohl Merkel als auch Rösler hoben auf dem Kongress darüber hinaus die konstruktive Rolle hervor, die der BDEW bei der Diskussion um die EU-Konzessionsvergabe-Richtlinie spiele, die für die Wasserwirtschaft besondere Bedeutung hat. Zu den weiteren prominenten Rednern - neben BDEW-Präsident Ewald Woste, Vizepräsident Wulf Abke und Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller - gehörte u.a. EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Alle Beiträge sind auf bdew.de als Podcasts verfügbar.

Bei ihrer Rede vor den insgesamt etwa 1.500 Teilnehmern des BDEW-Kongresses machte Bundeskanzlerin Merkel am 12. Juni 2013 zunächst mit Blick auf die von Brüssel geplante Konzessionsvergaberichtlinie deutlich, dass die Bundesregierung dafür eintrete, "die spezifischen und bewährten Strukturen der Wasserversorgung in Deutschland [zu] bewahren". Wörtlich Merkel weiter: "Ich glaube, wir können eine Lösung finden, die für alle Beteiligten akzeptabel ist. Ich danke dem BDEW dafür, dass er seinen Sachverstand in diesen Prozess eingebracht hat. Uns hat das als Bundesregierung sehr geholfen." Auch Wirtschaftsminister Rösler hob die Rolle des BDEW hervor: Dass es überhaupt noch einmal Bewegung in der Diskussion auf EU-Ebene gegeben habe, sei auch dem Engagement des BDEW zu verdanken. Inzwischen ist die EU-Kommission von ihrer ursprünglichen Position abgerückt und hat sich in den Trilogverhandlungen mit dem Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament am 27. Juni 2013 darauf verständigt, die Wasserwirtschaft - wie vom BDEW gefordert - komplett vom Geltungsbereich dieser neuen Richtlinie auszunehmen (siehe BDEW extra Wasserwirtschaft 3/2013). 

Als diese Kernforderung des BDEW noch zu Jahresanfang unerreichbar schien, hatte der Verband auf europäischer Ebene den Vorschlag für ein passgenaues sog. Wasserausnahmepaket vorgelegt, das die bewährten Strukturen der deutschen Wasserwirtschaft zum Beispiel mit Mehrspartenunternehmen, Zweckverbänden und interkommunaler Zusammenarbeit für die Zukunft sicherstellen sollte. Dieser Vorschlag wurde von der Kommission und dem EU-Parlament aufgegriffen. Im Zuge der Beratungen gewann EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier dann auch Dank intensiver Diskussionen mit dem BDEW offensichtlich den Eindruck, dass eine Komplettausnahme der Wasserwirtschaft von der geplanten Richtlinie letztlich doch die bessere Regelung und sei und davon sein Kernanliegen nicht berührt werde, EU-weit die Vergabe von Dienstleistungskonzession transparent und rechtssicher zu gestalten. Wulf Abke, BDEW-Vizepräsident Wasser/Abwasser, machte auf dem Kongress noch einmal deutlich, dass aus seiner Sicht die geplante Konzessionsrichtlinie für den Wasserbereich ohnehin nur "eine Lösung für ein bisher nicht vorhandenes Problem" darstelle.

Merkel: "Förderung der erneuerbaren Energien ist das notleidendste unter den Themen der Energiewende"
In ihrer Redepassage zu energiewirtschaftlichen Themen hob Bundeskanzlerin Merkel u.a. die Probleme hervor, die der sehr schnelle Ausbau der Erneuerbaren mit sich gebracht habe. Ihr Ausbau müsse besser mit dem Netzausbau harmonisiert werden. Dazu sei auch eine Änderung des EEG notwendig. Es solle aber keine rückwirkenden Einschnitte geben, weil dann Investoren verunsichert würden. Gleichzeitig solle der Einspeisevorrang für Strom aus Erneuerbaren Energien erhalten bleiben.

Merkel machte zugleich deutlich, dass ein Netzausbau unverzichtbar sei: "Wer eine Energiewende will und wer die Energieversorgung der Zukunft auf die Basis erneuerbarer Energien stellen will, der muss auch bereit sein, die dafür notwendige Infrastruktur zu akzeptieren. Daran führt kein Weg vorbei."

Die am Morgen des 12. Juni 2013 vom Bundeskabinett beschlossene Reserverkraftwerksverordnung mit Abschaltverboten für systemrelevante Kraftwerke verteidigte Merkel, auch wenn ihr deren Unzulänglichkeiten durchaus bewusst sind: "Die Verordnung ist ein erster Schritt. Sie muss im Laufe der Zeit durch transparentere Mechanismen, durch ein vollständiges Marktdesign und Kapazitätsmechanismen, die gut ineinandergreifen, ersetzt werden. Wir müssen hierbei aufpassen, dass wir nicht zu schnell Entscheidungen fällen, die wir dann später bereuen. Insofern brauchen wir noch ein bisschen Zeit. Die heute verabschiedete Verordnung hat eine Gültigkeitsbegrenzung bis 2017. Das heißt, darauf können wir uns nicht einfach ausruhen, sondern wir müssen weiterarbeiten."

Der Bundeskanzlerin sprach auch dass Problem an, dass sogar neuerrichtete, moderne Gaskraftwerke unter den aktuellen Rahmenbedingungen unrentabel sind. Der Preisverfall bei den Kohlendixidzertifikaten habe zu Verzerrungen an der Strombörse geführt - mit der Folge "dass Kohlekraftwerke sehr viel besser als neu gebaute Gaskraftwerke dastehen. Das kann auf Dauer nicht richtig sein."

Merkel betonte zum Schluss, es müsse jetzt bald gehandelt werden: "Denn das Thema Förderung der erneuerbaren Energien ist aus meiner Sicht das notleidendste unter den Themen der Energiewende."

Rösler: "Das EEG ist ein planwirtschaftliches Gesetz, aus dem wir aussteigen müssen."
Bundeswirtschaftsminister Rösler stellte zunächst nicht die noch zu lösenden Probleme der Energiewende in den Vordergrund, sondern wies auf das hin, was bereits geschafft sei. Rösler verwies dabei u.a. auf die neuen Haftungsregelungen im Offshore-Bereich sowie die neuen gesetzlichen Regelungen für den die Grenzen von Bundesländern überschreitenden Ausbau des Stromübertragungsnetzes, wobei jetzt die Bundesnetzagentur für die Planung zuständig ist. Rösler räumte allerdings auch ein, dass es im Bereich der Verteilnetze noch Defizite gebe. "Wir müssen jetzt auch die Verteilnetze angehen." Die Rahmenbedingungen müssten verbessert werden.

Die vom Bundeskabinett verabschiedete Reserverkraftwerksverordnung verteidigte Rösler, auch wenn die darin festgelegten Möglichkeiten für staatliche Eingriffe wie Stilllegungsverbote für systemrelevante Kraftwerke normalerweise "nicht zum Instrumentenkasten der sozialen Marktwirtschaft" gehörten. Die Vorschriften seien deshalb auch zeitlich befristet bis 2017. Diese Verordnung gebe aber allen Beteiligten Zeit, um ein neues tragfähiges Marktdesign zu entwickeln. Derzeit sei die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit wichtiger als das Festhalten an Prinzipien. Rösler machte darüber hinaus deutlich, ein neues Strommarktdesign müsse auch in Bezug auf die Vorhaltung von ausreichender Reservekapazität den Wettbewerbsgedanken in sich tragen. 

Das EEG in seiner bisherigen Form bezeichnete Rösler als "planwirtschaftliches Gesetz", aus dem Deutschland "aussteigen" müsse. "Wenn wir effizient vorgehen wollen, geht an einem Wettbewerbsmodell kein Weg vorbei." Man müsse auch darüber diskutieren, ob der Einspeisevorrang erhalten bleiben könne. Absolute Priorität habe eine grundlegende Reform des EEG. Erst danach sei ein neues Marktdesign möglich.

Altmaier: "EEG-Reform muss 2014 abgeschlossen sein."
Bundesumweltminister Peter Altmaier betonte in seiner Rede auf dem BDEW-Kongress ebenso wie Merkel und Rösler die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform des EEG. Das EEG müsse marktwirtschaftlicher werden, gleichzeitig sei eine bessere Verzahnung des Ausbaus Erneuerbarer Energien mit dem Netzausbau und den Rahmenbedingungen für konventionelle Kraftwerke notwendig. Konventionelle Kraftwerke seien weiterhin zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit unverzichtbar. Wenn die Diskussion über eine Neugestaltung des EEG 2014 konkreter werde, dann werde es auch heftige Diskussionen wegen der damit verbundenen Interessenkonflikte geben. 

Altmaier bezeichnete die Energiewende als Chance für Innovationen und als Chance für ländliche Räume wegen der Möglichkeiten für dezentrale Energieerzeugung. Gleichzeitig müsse die Energiewende aber bezahlbar und volkswirtschaftlich verkraftbar bleiben. Eine Kostendegression beim EEG sei unbedingt nötig. Die Erneuerbaren Energien seien weiterhin nicht wettbewerbsfähig - was allerdings auch mit einem veränderten Marktumfeld und den gesunkenen Preisen für Gas (Fracking) und Kohle zu tun habe. Altmaier erklärte, dass er an seinem Vorschlag für eine "Strompreisbremse" festhalte. 2014 müsse man den "den Sack zumachen und die Gesetzgebung abschließen".

Altmaier machte - wie andere Redner vor ihm - deutlich, dass die Reform des EEG eng verbunden sei mit dem künftigen Strommarktdesign; das Bundesumweltministerium unterstütze die Ideen des BDEW für eine Strategische Reserve. Altmaier würdigte an dieser Stelle, dass der BDEW sich hier gegen "vorschnelle Rezepte" ausgesprochen und auf eine sorgfältige Analyse der künftigen Erfordernisse setze und eine breite Diskussion dazu eröffnet habe. 

Oettinger: "Energiepolitik darf nicht nur Anhängsel der Klimaschutzpolitik sein."
EU-Energiekommissar Günther Oettinger warb auf dem BDEW-Kongress dafür, dass Deutschland seine Energiepolitik noch konsequenter europäisch ausrichten müsse. Das sei allein schon aus Gründen der Versorgungssicherheit notwendig. Oettinger warnte vor einem Rückfall in Kleinstaaterei und sagte u.a. mit Blick die immer wieder kritisierte fehlende Koordination zwischen Bund und Ländern bei der Energiewende: "16 mal Legoland"- das könne nicht gutgehen. In gleicher Weise mahnte Oettinger eine bessere Zusammenarbeit bei der Energiepolitik zwischen allen 27 EU-Staaten an.

Oettinger betonte weiter, die europäische Energiepolitik dürfe nicht nur ein Anhängsel der Klimaschutzpolitik sein. Das habe er geändert. Der Energiekommissar forderte, Deutschland müsse in Europa der Nukleus für eine integrierte Klima- und Energiepolitik sein. Oetttinger warnte davor, neue Hindernisse für einen integrierten europäischen Strommarkt aufzubauen. "Wenn wir 27 Kapazitätsmechanismen haben, dann gibt es keinen EU-Binnenmarkt mehr." Die EU-Kommission werde Vorschläge für eine europaweite Regelung zur Sicherstellung der notwendigen Reservekraftwerkskapazitäten vorlegen. Oettinger machte dabei auch deutlich, dass die sog. Interkonnektoren, also die grenzüberschreitenden Stromübertragungsleitungen, ausgebaut werden müssten.
 
In Deutschland ist aus Oettingers Sicht eine Generalrevision des EEG vordringlich. Das sei nach der Bundestagswahl im Herbst die wichtigste Baustelle. Es sei ein Irrsinn, dass 40 Prozent der weltweit installierten Kapazität für die Erzeugung von Solarstrom im - nicht gerade sonnenverwöhnten - Deutschland installiert sei. "Entweder sind die anderen Länder nicht bei Trost oder wir." 

Steinbrück: "BDEW-Konzept für Strategische Reserve ist ein kluger Vorschlag."
Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück machte deutlich, das aus seiner Sicht dass EEG schnell geändert werden müsse. "Das EEG muss fundamental reformiert reformiert werden, damit es an seinem Erfolg nicht erstickt." Der Ausbau der Erneuerbaren und der Netzausbau müssten aufeinander abgestimmt werden. Spätestens wenn die Erneuerbaren einen Anteil am Strommarkt von mehr als 35 Prozent hätten, müssten diese in "vollständige Marktreife" überführt werden. Das BDEW-Konzept für die sog. Strategische Reserve zur Bereitstellung der notwendigen Reservekapazitäten in einer Übergangsphase bezeichnete Steinbrück als klugen Vorschlag. Das notwendige neue Strommarktdesign müsse allerdings zunächst sorgfältig geprüft werden. Man dürfe hier nicht leichtfertig agieren. 

Im Bereich des Stromübertragungsnetzes plädierte Steinbrück für die Zusammenfassung in einer "Deutschen Netz AG". Die Stromsteuer will Steinbrück deutlich reduzieren, um die Privathaushalte zu entlasten. Mit einem Energieministerium will der SPD-Kandidat die Energiewende besser koordinieren. Steinbrück machte auch deutlich, dass die Energiewende erhebliche Verteilungskonflikte mit sich bringe, die gelöst werden müssten. Reiche könnten sich wahrscheinlich höhere Energiepreise leisten, Arme nicht; während Hausbesitzer vom EEG profitieren könnten, müssten Mieter die Lasten tragen; wer eigenerzeugten Strom selbst verbrauchen könne, profitiere; wenn die energieintensive Industrie von den EEG-Lasten befreit werde, hätten die Haushalte um so mehr zu schultern. Die Herausforderung der Energiewende könne die deutsche Mondlandung werden, aufgrund der Untätigkeit der Bundesregierung drohe jedoch eher eine Bruchlandung. 

Trittin: "Wir brauchen eine stärkere Rolle von Gas."
Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, der auch Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl ist, räumte ebenfalls ein, dass eine Reform des EEG notwendig sei. Trittin will aber vor allem die Entlastung energieintensiver Verbraucher begrenzen, damit der Anstieg der EEG-Umlage abgemildert werde. Im Übrigen sei der starke Anstieg der EEG-Umlage auf Überkapazitäten bei konventionellen Kraftwerken und dem Versagen des EU-Marktes für CO2-Zertifikate zurückzuführen: "Es ist einfach zuviel billiger Kohlestrom im Netz." Trittin will außerdem die Marktprämie im EEG verändern, weil diese in der gegenwärtigen Form zu Rosinenpickerei führe. Die Vergütungssätze müssten kontinuierlich den technischen Entwicklungen und Marktgegebenheiten angepasst werden. Wie auch Steinbrück schlug Trittin die Bildung einer Deutschen Netzgesellschaft vor, um den notwendigen Stromnetzausbau voranzubringen. Als Fernziel proklamierte Trittin 100 Prozent Erneuerbare. Allerdings müssten bereits in der Übergangsphase auf dem Weg dorthin auch Ökostromanlagen Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit übernehmen; Biogas und Biomasse sollten dafür genutzt werden. Aber auch Erdgas misst er eine erhebliche Bedeutung bei: "Wir brauchen eine stärkere Rolle von Gas." Trittin setzt auf flexible Gas-Kraftwerke, die zudem kohlendioxidarm seien.

Zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit schlägt Trittin Kapazitätsmärkte vor. Der Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen will dabei auch sog. abschaltbare Lasten einbeziehen. Allerdings müssten die Kapazitätsmärkte wettbewerblich und kostengünstig organisiert werden. Im Strommarkt sieht Trittin langfristig die Flatrate kommen, weil die Kosten künftig vor allem bei die Bereitstellung der Infrastruktur anfielen: "Wir müssen für Versorgungssicherheit zahlen."

BDEW-Präsident Woste: Wettbewerb oder 100 Prozent Regulierung im Energiemarkt?
BDEW-Präsident Ewald Woste hatte bereits zu Beginn des BDEW-Kongresses darauf hingewiesen, dass Deutschland am Scheideweg stehe. Deutschland müsse sich entscheiden, ob es im Strommarkt Wettbewerb geben solle oder zu 100 Prozent Regulierung. "Wir selbst müssen den Nachweis erbringen, dass die Marktwirtschaft auch im Bereich Energie die bessere Lösung ist und nicht die Regulierung. Die Energiewende braucht ein gutes Projektmanagement. Ein Bundesenergieministerium wäre wünschenwert."

Woste versprach, der BDEW werde nach der Bundestagswahl einen Vorschlag für ein neues Strommarktdesign vorlegen, das den von Bundeskanzlerin Merkel skizzierten Herausforderungen gerecht werde - auch wenn in den vom BDEW dazu eingesetzten Arbeitsgruppen noch viele Facetten bedacht werden müssten. Dabei müsse es sich allerdings um ein lernendes System handeln.


Müller: "EEG-Reform und neues Marktdesign sind Pflichtprogramm für die kommende Legislaturperiode."
Das Spektrum der Diskussionen hatte Hildegard Müller bereits bei der Eröffnung des BDEW-Kongresses umrissen. Die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung machte dabei deutlich, dass nach der Bundestagswahl endlich gehandelt werden müsse: "Es geht um eine neue Grundstruktur, einen neuen Rahmen für das Zusammenwirken von fluktuierenden Erneuerbaren Energien, den noch für lange Zeit benötigten konventionellen Kraftwerken - und zwar die mit Gas und die mit Kohle befeuerten - und den Ausbau der dazugehörigen Netze. In Deutschland und in Europa."

Erneuerbare Energien müssten sich mit ihrem Angebot stärker am Markt, an der Nachfrage, orientieren. Der BDEW wolle das Prinzip der Direktvermarktung ausbauen, sie verpflichtend machen und die Höhe der ihr zu Grunde liegenden Prämie wettbewerblich ermitteln lassen, damit die Kosten nicht weiter aus dem Ruder liefen. Bei der Energiewende dürften nicht möglichst hohe Renditen für eine Vielzahl von Kleinanlegern im Vordergrund stehen. Es gehe um Klimaschutz, Versorgungssicherheit und um Bezahlbarkeit.

Müller wörtlich: "Wir brauchen Erneuerbare Energien, aber wir brauchen keinen EEG-geförderten Strom, wenn die Preise an der Börse negativ sind. Wir brauchen keinen Bauboom von Erneuerbare-Energien-Anlagen in Gegenden, in denen die Synchronisation von Netzausbau und Erneuerbare-Energien-Anlagen nicht hinterherkommt. Was wir brauchen sind kluge Steuerungselemente bei der Förderung der Erneuerbaren, die das System als Ganzes in den Blick nehmen und nicht nur die Maximierung des Profits derjenigen, die über Dächer und Wiesen verfügen. Wir müssen das, was wir ökologisch wollen, nun volkswirtschaftlich effizient umsetzen."

Müller machte auch deutlich, dass es keine deutsche Energiewende geben werde, wenn diese nicht eingebettet sei in eine vorwärtsweisende, ambitionierte europäische Energiepolitik. "Wir, der BDEW, stehen für ambitionierte CO2-Reduktionsziele, auch für das Jahr 2030. Als Wirtschaftsverband haben wir intern sehr ausführlich darüber diskutiert und unsere Position ist eindeutig. Wir appellieren an alle, in Politik und Wirtschaft, sich hier einer zukunftsfähigen Lösung nicht zu widersetzen. Wir wollen diesen eingeschlagenen Weg weitergehen und wir wissen, dass es keine Alternative zu einem europäischen Vorgehen zu dieser Frage gibt."

Müller weiter: "Eine grundlegende Reform der Förderung der Erneuerbaren Energien und eine Überarbeitung der gegenwärtigen Marktstrukturen sind das Pflichtprogramm für die Energiepolitiker der kommenden Legislaturperiode. Hier geht es um das Fundament der Energieversorgung, um verlässliche Grundstrukturen, ohne die auch die Energiewende am Ende nicht gelingen wird. Lassen Sie also bitte, sehr geehrte Damen und Herren aus der Politik in Bund und Ländern, nach der Bundestagswahl keine Zeit mehr verloren gehen. Es gibt keine Schonfrist. Beenden Sie die destruktive Konfrontation - egal wer im Herbst im Bund regiert -, denn verteilt über die Bundesländer sind alle Parteien irgendwo mit dabei. Planungssicherheit und Zuversicht wird nur durch Handeln wieder in die Energie- und Wasserwirtschaft zurückkehren können."

Müller hob darüber hinaus hervor, dass auch die Frage, "wie wir in Zukunft gedenken, mit dem Thema Selbstverbrauch - manche sagen auch Eigenverbrauch - umzugehen", für die zukünftige Ausrichtung der Energiewende, die Verteilung der Kosten, aber vor allem natürlich auch für die zukünftigen Geschäftsmodelle der Unternehmen eine dominierende Rolle spiele. "Hier geht es um Themen wie soziale Schieflage oder Entsolidarisierung. Und es geht uns vor allem eben auch um das klassische Geschäftsmodell von Stadtwerken und Energieversorgern vor Ort. Ist es richtig, wenn der klassische Energieversorger in einer Gemeinde Einbußen hinnehmen muss, weil immer mehr Wirtschaftsbetriebe und private Haushalte sich auf Kosten der Allgemeinheit privat optimieren und die Beschwerden über die Konsequenz daraus - nämlich höhere Preise für alle anderen - wieder bei unseren Mitgliedsunternehmen ankommen?"

Müller wies auch auf die besonderen Herausforderungen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hin: "Für viele kleine und mittelgroße Unternehmen ist nicht das neue Marktdesign das dominierende Thema. Vielmehr ist es die dauernd wachsende Komplexität der Rahmenbedingungen und die sprunghafte Gesetzgebung zu den unterschiedlichsten Themen. Die neuen SEPA-Regelungen, das IT-Sicherheitsgesetz, REMIT, MiFID, die Zukunft von "smart metering" oder die permanenten, aber nie wirklich befriedigenden Eingriffe in die Netzentgeltsystematik und die Rahmenbedingungen, insbesondere für die Verteilnetze."

Der BDEW sehe seine Aufgabe auch darin, die Vielfalt aus Großen und Kleinen am Markt zu erhalten. "Wir haben einen unserer besonderen Schwerpunkte darauf gelegt, dass die Herausforderungen und die Lösungen, die wir anbieten und in den Gremien erarbeiten, für Unternehmen aller Größenordnung gangbar sind. Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen, auch weil wir von der volkswirtschaftlichen Vernunft unserer Positionen überzeugt sind … Dieses gemeinsame Vorgehen gilt bei der Entwicklung eines neuen Marktdesigns genauso wie bei der weiteren Entwicklung der Rolle des Smart Meter, bei dessen Gateway-Administrator es keine Markteintrittsbarrieren geben darf, die es den KMU erschweren, diese Aufgabe wahrzunehmen. Es soll auch in Zukunft diesen kleineren Akteuren im Markt überlassen sein, ob sie allein oder in Kooperation mit Dienstleistern ihren Weg finden."

Müller betonte darüber hinaus, in der Politik werde zudem die Bedeutung des Wärmemarktes auch für das Gelingen der Energiewende noch nicht richtig gewürdigt. "Hier liegen große Herausforderungen für unsere Mitgliedsunternehmen, aber hier haben wir auch eine Menge anzubieten. Wir können mit unserem Wissen und der Unterschiedlichkeit unserer Unternehmen neue Wege aufzeigen, wie klimapolitische Ziele möglichst kosteneffizient erreicht werden können. Wenn es um CO2-Vermeidungskosten bei der weiteren Entwicklung des Wärmesektors geht, dann ist das, was zum Beispiel unsere Gasunternehmen im Portfolio haben, genau die richtige Antwort. Wir werben für das Zusammenwachsen von Strom- und Wärmenetzen und vor allem natürlich für die Kraft-Wärme-Kopplung. Gemeinsam mit der AGFW werden in Kürze die Ergebnisse einer Studie vorlegen können, die den wichtigen Beitrag von KWK und Fernwärme im zukünftigen Energieversorgungssystem genauer herausarbeitet, um dann mit konkreten Vorschlägen auf die politischen Entscheidungsträger zuzugehen."

Alle Beiträge auf dem BDEW-Kongress stehen als Podcasts auf der BDEW-Website zur Verfügung.


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Bernd Uhlmannsiek
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