08. April 2013, Hannover

BDEW veröffentlicht zur Hannover Messe neue Kraftwerksliste:

Müller: Beim Kraftwerksbau droht eine neue Eiszeit

76 Anlagen mit 38.000 Megawatt Leistung geplant / Aber bei fast einem Drittel ist Inbetriebnahme unklar / Investitionsbedingungen sind unsicher

"Beim Kraftwerksbau droht eine neue Eiszeit. Insbesondere die Planungen für Anlagen, die nach 2015 umgesetzt werden sollen, sind auf Eis gelegt worden, auch wenn teilweise bereits notwendige Genehmigungen vorliegen. Inzwischen ist bei fast einem Drittel aller Projekte der Zeitpunkt der Inbetriebnahme unklar. Die Investitionsbedingungen sind zurzeit schlichtweg zu unsicher." Das erklärte Hildegard Müller, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), zu Beginn der Hannover Messe. Der Branchenverband stellte auf seiner Pressekonferenz die neue BDEW-Kraftwerksliste vor, die Anlagen von mindestens 20 Megawatt Leistung enthält. Müller führte die Unsicherheit bei Investoren auf drei wesentliche Gründe zurück: unklare politische Rahmenbedingungen für ein zukunftsfähiges Marktdesign, die fehlende Wirtschaftlichkeit für Gas- und teilweise auch Steinkohlekraftwerke sowie Akzeptanzprobleme beim Bau.

Laut der BDEW-Kraftwerksliste sind insgesamt 76 Anlagen mit einer installierten Leistung von rund 38.000 Megawatt in Planung, im Genehmigungsverfahren, genehmigt, im Bau oder im Probebetrieb. Allein 50 Projekte davon sind Erdgaskraftwerke oder Offshore-Windanlagen. Allerdings sind nur 24 der insgesamt 76 geplanten Kraftwerke konkret in der Umsetzung. Drei Kraftwerke befinden sich bereits im Probebetrieb, 21 Anlagen sind im Bau. Für 22 weitere Projekte wurden die erforderlichen Genehmigungen erteilt. 16 Kraftwerke sind im Genehmigungsverfahren und 13 weitere Projekte sind in der Planung.

"Besonders auffällig ist, dass die konkrete Investitionsentscheidung häufig noch aussteht. Inzwischen gibt es bei 22 Kraftwerksprojekten keine Angaben zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme", sagte Müller. Immer öfter werde trotz vorliegender Genehmigungen angegeben, dass das Projekt unter dem Vorbehalt einer Wirtschaftlichkeitsprüfung stehe. "So erfreulich also auf den ersten Blick die Gesamtzahl der geplanten Kraftwerke erscheint: Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich derzeit viele Investoren die Entscheidung zum Bau der Anlage bis zum Schluss vorbehalten oder die Entscheidung vertagen", betonte Müller.

Laut der BDEW-Kraftwerksliste sollen allein in diesem und im nächsten Jahr 27 große Anlagen in Betrieb gehen. Bis zum Jahr 2015 sollen nach jetzigem Planungsstand rund 16.000 Megawatt neue Kraftwerksleistung installiert sein. Müller: "Kurzfristig werden zwar mehrere neue konventionelle Kraftwerke und Offshore-Windparks ans Netz gehen. Dadurch sieht die Kapazitätssituation vorübergehend besser aus. Aber ab 2016 lassen die Kraftwerksplanungen deutlich nach. Dies wird also keinen dauerhaften Entspannungseffekt für den Markt und die Versorgungssicherheit bringen. Wir brauchen aber weiter gesicherte Leistung, um die schwankende Einspeisung aus Erneuerbaren Energien bei Bedarf ausgleichen zu können."

Außerdem müsse in diesem Zusammenhang auch bedacht werden, dass aufgrund des vorgezogenen Kernenergieausstiegs und altersbedingter Stilllegungen erhebliche Kraftwerkskapazitäten vom Netz gehen werden. In der Zeit zwischen 2013 und 2022 würden mindestens 16.000 Megawatt Kraftwerksleistung stillgelegt. "Wir werden also in Deutschland mittelfristig nicht ausreichend gesicherte, neue Kraftwerksleistung hinzubekommen, um diese Abgänge zu ersetzen, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen nicht ändern", unterstrich Müller. "Erschwerend kommt noch hinzu, dass die zunehmende Unwirtschaftlichkeit konventioneller Kraftwerke nicht nur Neubauten, sondern immer mehr Bestandsanlagen betrifft." Das bestehende Marktsystem sorge dafür, dass zunehmend Gas-, aber auch Steinkohlekraftwerke wirtschaftlich unter Druck kommen. "Daher ist nicht ausgeschlossen, dass unerwartet noch weitere Stilllegungen von Kraftwerken in den nächsten Jahren hinzukommen", erläuterte Hildegard Müller.

"Die Politik muss sich mit den Fragen des künftigen Marktdesigns auseinandersetzen, um die notwendigen Rahmenbedingungen für den Bau von neuen, effizienten Kraftwerkskapazitäten insbesondere für die Zeit nach dem Jahr 2020 zu klären. Die Koalitionsvereinbarung der nächsten Bundesregierung muss den verbindlichen Auftrag zur zügigen Entwicklung eines neuen Marktdesigns enthalten. Bis 2015 sollten wir Klarheit darüber haben, wie ein solches neues Marktdesign, das konventionelle und Erneuerbare Energien schrittweise verbindet, aussehen kann. Dieses Design sollte rechtzeitig feststehen, damit es ab 2020 funktionieren kann. Denn die milliardenschweren Investitionen für neue Kraftwerke benötigen einen entsprechenden zeitlichen Vorlauf. Der BDEW wird seine Vorschläge hierzu rechtzeitig vorlegen", erklärte die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung.

Die BDEW-Kraftwerksliste beinhaltet Anlagen mit mehr als 20 Megawatt Leistung. Die Bauvorhaben werden von Stadtwerken, großen Energieunternehmen, verschiedensten Verbünden und privaten Investoren durchgeführt. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von kleinen, dezentralen Projekten, die insbesondere von den Stadtwerken umgesetzt werden und die in dieser Liste nicht erfasst sind.

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