19. Dezember 2012

Brücke zum neuen Marktdesign

Eine Strategische Reserve könnte vorübergehend Engpasssituationen in der Stromversorgung vermeiden helfen. Alternativen, um einen Blackout zu vermeiden, werden in der Wissenschaft diskutiert. Die Entscheidung für eine Lösung muss möglichst bald fallen.

Dr. Christian Growitsch und Dr. Christoph Maurer (v. l.) (BDEW/ R. Horn)

Gehen in Deutschland demnächst die Lichter aus?

Dr. Growitsch: Ich glaube, dass die Übertragungsnetzbetreiber die Lage im Griff haben. Und mit der Kaltreserve ist jetzt Kraftwerkskapazität kontrahiert worden, die im Ernstfall für Redispatch­Maßnahmen zur Verfügung stünde. Dennoch ist die Gefährdungslage grundsätzlich vorhanden.

Dr. Maurer: Ich glaube auch nicht, dass die Lichter ausgehen. Es bleibt natürlich immer ein Restrisiko. Aber ich glaube, dass wir inzwischen die Maßnahmen ergriffen haben, die nach den Regeln der Technik notwendig sind, mit den zu erwartenden Belastungssituationen in den nächsten Monaten umzugehen.

 

Meinen Sie damit die Maßnahmen, die die Bundesregierung mit der Novellierung des EnWG ergriffen hat – Stilllegungsverbot etc.?

Maurer: Die Kaltreserve war eine eher auf dem regulatorischen Weg ergriffene Maßnahme der Bundesnetzagentur, die im vergangenen Winter und auch vermutlich für diesen Winter einzig praktikabel war und ist. Wir hatten in der zur Verfügung stehenden Zeit einfach keine Möglichkeit, etwas anderes zu machen. Das ist aber etwas anderes als das, was die Bundesregierung jetzt plant.

 

Was ja wohl auch kaum noch etwas mit Markt zu tun hat.

Growitsch: In Bezug auf die Kaltreserve stimme ich dem Kollegen Maurer voll zu. Es gab wohl kurzfristig keine andere Möglichkeit. Was allerdings den aktuellen Gesetzentwurf der Bundesregierung angeht, bin ich der Ansicht, dass es auch andere, ökonomisch sinnvollere Maßnahmen gibt, um ausreichend Kraft­werkskapazitäten im Markt zu halten.

 

Welche Maßnahmen meinen Sie?

Growitsch: Es sollten mehr marktwirtschaftliche Elemente zum Zug kommen. Man sollte beispielsweise regionale Preissignale zulassen. Wenn Übertragungsnetzkapazitäten knapp sind, dann kommt es zu verschiedenen Preissignalen in Deutschland und der zentralwesteuropäischen Region und damit temporär zu zwei oder mehreren Preiszonen. Denkbar sind daneben Alternativen zum bisherigen Redispatch­System, bei denen auch die Betriebs­ und Instandhaltungskosten der Kraftwerkseigner vergütet werden.

 

Herr Dr. Maurer, in Ihrem Gutachten schlagen Sie dagegen auch für die kurze Frist eine Strategische Reserve vor.

Maurer: Ich glaube nicht, dass solche Maßnahmen, wie sie Dr. Growitsch vorgeschlagen hat, in der kurzen Frist durchführbar sind. Die Teilung in zwei Preiszonen wirft andere Probleme auf. Wir haben keine Knappheitsprobleme, sondern eher regionale Netzprobleme. Wir haben keinen Mangel an Kraftwerksleistung, wir haben einen Mangel an bestimmten Systemdienstleistungen insbesondere in Süddeutschland. Wir sind uns einig, dass wir zur Lösung marktwirtschaftliche Ansätze brauchen. Das, was die Bundesregierung plant, ist jedoch ein Einstieg in eine Regulierung der Erzeugung. Das ist für mich kein adäquater Lösungsansatz. Ich sehe da auf lange Sicht sogar kontraproduktive Entwicklungen.

 

Bedeutet die Strategische Reserve aber nicht auch etwas weniger Marktwirtschaft?

Maurer: Unser Konzept der Strategischen Reserve ist der Versuch, mit einem marktwirtschaftlichen Instrument eine von der Physik her äquivalente Wirkung zu erreichen. Sie ist auch nicht als Dauereinrichtung gedacht, sondern als Brückenlösung, damit die Diskussion um eventuell notwendige Kapazitätsmechanismen mit der notwendigen Sorgfalt und Tiefe geführt werden kann.

 

Herr Dr. Growitsch, Sie haben vermutlich andere Vorstellungen, wie man den Übergang bewältigen sollte.

Growitsch: Ich hatte schon ein, zwei Möglich­keiten angedeutet. So sollte man die Möglichkeit der zwei Preiszonen wenigstens einmal durchrechnen, um die Anreizwirkung zu ermitteln. Einfach zu sagen, es würde nicht funktionieren, halte ich für voreilig. Mein Problem mit der Strategischen Reserve ist, dass dort im Rahmen einer regionalen Ausschreibung unter Umständen nicht ausreichend Wettbewerb induziert werden kann. Die geringe Anzahl potenzieller Anbieter könnte die Ausübung von Marktmacht ermöglichen. Es geht offensichtlich bei dem Konzept ja nicht um neue Kraftwerksinvestitionen, sondern um den Erhalt vorhandener.

Maurer: Das ist ja auch das primäre Ziel, weil es kurzfristig erreichbar ist. Für den nächsten Winter können wir so schnell keine neuen Kraftwerke bauen. Aber da hilft auch die Einführung von Preiszonen nicht viel weiter, weil sie auch so schnell nicht durchführbar ist. Die Frage der Marktmacht ist aber in der Tat einer der ganz kritischen Punkte. Deshalb muss man sich auch davor hüten, die Regionalisierung zu übertreiben. Es hilft nicht, eine Strategische Reserve bundesländerweise  auszuschreiben, weil man dann keinen richtigen Wettbewerb mehr bekommt. Mit einer vorsichtigen, am tatsächlichen Bedarf orientierten Dimensionierung der Strategischen Reserve und einer Ausweitung des potenziellen Anbieterkreises auf die südlichen Anrainerländer Süddeutschlands kann man meines Erachtens die Marktmachtproblematik so weit überwinden, dass sie nicht mehr die Rolle spielen wird, die andere da sehen. Dann kann die Strategische Reserve ein kurzfristig wirksames, den Markt nicht verzerrendes Instrument darstellen.

Growitsch: Kurzfristig wirksam – dem würde ich nicht widersprechen. Ob aber der Markt nicht verzerrt wird, da bin ich nicht ganz der Meinung von Herrn Maurer. Es besteht die Möglichkeit, je nach Technologie, die dort zum Zuge kommt, dass zumindest in Spitzenlastsituationen der Dispatch verzerrt werden könnte.

 

Nun kommt aus der Industrie selbst der Vorschlag, dass Anbieter von EE-Strom sichere Kapazitäten erwerben sollen, die dann einspringen, wenn es mit den Erneuerbaren Probleme gibt.

Growitsch: Ich kann diese Lösung aus ökonomischer Perspektive nur schwer nachvollziehen. Mir scheint es da eher um eine Verteilungsdebatte zu gehen. Was wäre denn die Konsequenz? Wenn erneuerbare Energien sichere Leistung zur Verfügung stellen sollen, müssen sie sich entsprechende Backup­Kapazitäten beschaffen. Dann aber sollte man auf den in die­sem Fall untertägigen Spotmarkt zurückgreifen. Ansonsten würde hier eine Aufgabe dezentral verteilt, die man zentral viel besser lösen kann.

Maurer: Das ist im Grunde die Verpflichtung zur dezentralen Leistungsvorhaltung, die in den USA ausgiebig ausprobiert worden ist, aber dort krachend gescheitert ist. Es ist ein Modell, das ökonomisch nicht tragfähig ist.

 

Schauen wir mal über 2020 hinaus. Wie könnte ein langfristig effizientes Marktdesign aussehen, wobei ich von Ihnen nicht erwarte, dass Sie es schon in allen Einzelheiten parat haben?

Maurer: Ich habe es auch nicht. Wir schlagen die Strategische Reserve ja gerade aus dem Grund vor, weil die Bausteine, die wir bis heute haben, unseres Erachtens noch nicht ausreichen, um daraus ein Konzept für ein langfristig gültiges, zukunftsfähiges Marktdesign zusammensetzen zu können. Es macht auch wenig Sinn, jetzt ein langfristiges Marktdesign zu beschließen und im nächsten Jahr die Grundsatzfrage zu klären, wie die Förderung der Erneuerbaren künftig aussehen soll. Wir müssen diese beiden Fragen gemeinsam lösen. Wir müssen darüber hinaus auch einige energiepolitische Grundsatzentscheidungen treffen. Die Diskussion, die wir hier auf unserer nationalen Insel führen, hat eine europäische Komponente, die auch diskutiert werden muss.

 

Vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln stammt ein Vorschlag, der über 2020 hinausreicht.

Growitsch: Wir haben einen Vorschlag gemacht, der sogar erst mit dem Jahr 2020 beginnt, nämlich Versorgungssicherheitsmärkte zu schaffen. Unser Vorschlag befasst sich gegenwärtig nur mit dem Strommarkt. Er beinhaltet noch nicht die künftige Ausgestaltung der EE­-Förderung, die Interrelation zwischen beiden Märkten sowie die Verknüpfung mit dem Zertifikatehandel. Und er muss, damit er zu einem umfassenden Konzept wird, auch um eine europäische Komponente erweitert werden. Für die Entwicklung dieses Konzepts haben wir nicht mehr allzu viel Zeit. In einigen europäischen Nachbarländern werden schon Änderungen im Marktdesign angeschoben. Deshalb müssen wir bald zu klaren Vorstellungen über das künftige Marktdesign kommen, damit wir es rechtzeitig mit den Nachbarländern, ins­besondere in Zentralwesteuropa, abstimmen können.

Maurer: Da stimme ich Ihnen voll zu. Es darf nicht sein, dass wir in Frankreich einen bestimmten Mechanismus haben, in Belgien einen anderen, in Großbritannien noch einen anderen. Dann haben wir in der Tat das Problem, dass wir selbst in dem relativ stark integrierten westeuropäischen Markt ein buntes Durcheinander der Mechanismen haben mit kaum absehbaren Wechselwirkungen.

 

Im Kern scheint die EU-Kommission die Meinung zu vertreten, nationale Kapazitätsmechanismen seien nicht notwendig, wenn es einen wirklichen europäischen Energiebinnenmarkt gäbe.

Growitsch: Ich bin nicht so optimistisch wie Kommissar Oettinger. In einem größeren Markt könnte man sicherlich den Bedarf an gesicherter Kraft­werksleistung im Verhältnis zur Spitzenlast reduzieren. Aber bei einem hohen Anteil an erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung wird man immer einen gewissen Umfang an Kapazitätsreserve benötigen.

Maurer: Ich bin da ein wenig optimistischer, ohne jetzt gleich zu sagen, ein europäischer Markt löst das Problem. Wenn man allerdings nur national über gesicherte Leistung nachdenkt, wird es ohne Kapazitätsmechanismen nicht gehen. Bei einer Behandlung von Versorgungssicherheitsfragen im Kontext des europäischen Binnenmarktes hängt die Notwendigkeit von Kapazitätsmechanismen unter anderem davon ab, inwieweit die Politik bereit ist, die Frage der notwendigen Erzeugungsleistung an die Märkte zu delegieren.

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Dr. Christoph Maurer ist Geschäftsführer der Consentec – Consulting für Energiewirtschaft und -technik GmbH.

Dr. Christian Growitsch ist seit September 2010 Direktor für Anwendungsforschung und Mitglied der Geschäftsleitung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln.

Artikel aus dem aktuellen BDEW-Magazin "Streitfragen!" 04/2012