01. Juni 2012

Risikostudie Fracking: Trinkwasserschutz vor Energiegewinnung

Prof. Borchardt erläuterte am 25. April in Osnabrück die Fracking-Studie seines Expertenkreises, Quelle: ExxonMobil/Rosenthal

Im Rahmen des von ExxonMobil angestoßenen Informations- und Dialogprozesses zum Thema Fracking hat ein 38-köpfiges renommiertes Wissenschaftler-Team ("Neutraler Expertenkreis") die Sicherheit und Umweltverträglichkeit dieser Technologie für die Erdgasgewinnung aus unkonventionellen Lagerstätten umfassend analysiert und bewertet. Die Studie zeigt Risiken und Handlungsbedarf auf. Sie votiert für den Ausschluss des Frackings an bestimmten Standorten und Gebieten (u.a. Trinkwasserschutzgebiete, Zonen I und II) und den Vorrang für Trinkwasser- und Gewässerschutz vor der Energiegewinnung. Sie bestätigt damit die wesentlichen Forderungen des BDEW. Der Expertenkreis sieht allerdings keinen Grund, Fracking grundsätzlich zu verbieten, und plädiert für Demonstrationsvorhaben.

Angesichts der vielen Fragen zum Thema Sicherheit und Umweltauswirkungen stellte ExxonMobil einem neutralen Expertenkreis aus renommierten und unabhängigen Umweltwissenschaftlern Anfang 2011 die Mittel zur Verfügung, um in einem Projekt die Risiken des Frackings zu untersuchen. Für die Risikostudie betrachtete der Expertenkreis das gesamte Bild: die Einrichtung und den Betrieb einzelner Bohrplätze, die Durchführung von "Fracks", die Förderung von Erdgas mit anschließender Schließung und Langzeitbetrachtung und die rechtliche Einordnung. Der wissenschaftliche Leiter des  Expertenkreises, Prof. Dr. Dietrich Borchardt (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Magdeburg) betonte bei der Vorstellung der Studie vor politischen Meinungsmittlern am 26. April 2012 in Berlin, dass mit der Erdgasförderung aus unkonventionellen Erdgaslagerstätten im Vergleich zur herkömmlichen Erdgasgewinnung eine neue Dimension von Risiken verbunden sei. Im Hinblick auf den Gewässerschutz können dabei nach Ansicht der Experten die Umweltrisiken erheblich sein. Daher empfiehlt der Expertenkreis: "Trinkwasser- und Gewässerschutz gehen vor Energiegewinnung". Für die Sicherstellung des Vorrangs von Trinkwasser- und Gewässerschutz hat er die Anwendung von Fracking und die Abwasserentsorgung an bestimmten Standorten oder Gebieten wie den Trinkwasserschutzgebieten (Zone I und II) und Heilquellenschutzgebieten ausgeschlossen.

Fracking nicht generell verbieten
Für ein generelles Verbot der Fracking-Technologie sieht der Expertenkreis jedoch keine sachliche Begründung, er hält die Technik für kontrollierbar, wenn entsprechend den Empfehlungen vorgegangen wird. Für einen flächendeckenden Einsatz der Technologie hält er folgende Voraussetzungen für nötig: einen Stand der Technik zu definieren und weiterzuentwickeln, eine der neuen Risikodimension angemessene rechtliche Basis festzulegen sowie weitere wissenschaftliche Erkenntnisse mit Forschungsvorhaben zu den Wirkungen an der Oberfläche und im Untergrund (Klimabilanz, Methanausgasung) durchzuführen. Er spricht sich dabei auch für eine "gute Praxis" der Beteiligung und Risikokommunikation sowie einen intensiven gesellschaftlichen Dialog aus. An den beiden Lagerstättentypen Schiefer- und Kohleflözgas sollte die Durchführung einzelner großtechnischer Demonstrationsvorhaben mit einem umfassenden Monitoringprozess und standortbezogener Risikoanalyse ermöglicht werden können.

Experten fordern gesellschaftlichen Dialog und Monitoring
Für den gesellschaftlichen Dialog bei Erkundungs- und Demonstrationsvorhaben empfehlen die Experten die Begleitung mit regionalen Foren. Aus Sicht des Expertenkreises ist es eine Bringschuld der aufsuchenden Unternehmen und beteiligten Behörden, Transparenz über alle wichtigen Informationen zu gewährleisten. Die Monitoringprozesse sollten für die Demonstrationsvorhaben im gesellschaftlichen Dialog abgestimmt werden und sowohl kurzfristige Reaktionen als auch eine langfristige Steuerung ermöglichen, gegebenenfalls mit regionalen Schlichtungsstellen wie beim rheinischen Kohlebergbau.

Bei der Weiterentwicklung der Technik standen insbesondere der Ersatz der für das Fracking eingesetzten Chemikalien durch umweltverträglichere Stoffe, die Klärung und Behandlung der Abwässer sowie die Vermeidung von Leckagen bei Bohrlöchern im Vordergrund.

Im Rahmen der Diskussion um eine Weiterentwicklung von rechtlichen Regelungen empfiehlt der Expertenkreis die konsequente Anwendung des geltenden Rechts. Hierbei sollte ein Einvernehmen der Wasserbehörden sichergestellt und konsequent umgesetzt werden. Für den einzelnen Bohrplatz sollte eine standortbezogene Risikoanalyse erfolgen, in die bei Bedarf eine standortspezifische Umweltverträglichkeitsprüfung einbezogen werden kann. Für potenziell geschädigte Anwohner sollte klargestellt werden, dass die Bergschadensvermutung nach Bundesberggesetz auch für die Erdgasförderung gilt. Der Expertenkreis hat mit der Bilanzierung wichtiger Umweltwirkungen begonnen, die auf Grundlage einer verbesserten Datenlage weitergeführt werden sollten. Diese sollte regionale Stoffströme sowie Klima- und Energiebilanzen umfassen.

Diskussion in Berlin
In der engagierten Podiums- und Plenumsdiskussion zeigte Gernot Kalkoffen, Vorstandsvorsitzender der ExxonMobil Central Europe, die Bedeutung und die Zukunft der Erdgasförderung in Deutschland auf. Kalkoffen hält Fracking bei Berücksichtigung der vom Expertenkreis erarbeiteten Vorgaben für verantwortbar und technisch beherrschbar. Er unterstützte die Forderungen der Experten für die weitere Vorgehensweise. Kalkoffen verwies auf die BDEW-Position zum Gas aus unkonventionellen Lagerstätten, die gemeinsam von der Energie- und der Wasserwirtschaft erarbeitet worden ist. Er sicherte zu, dass Exxon nicht in bestimmten Gebieten fracken und die Fragen der Umweltverträglichkeit der Frac-Flüssigkeiten sowie der Abwasserentsorgung offensiv angehen werde. Die anwesenden Bundestagsabgeordneten begrüßten die Studie und das Engagement und den offenen Dialog von ExxonMobil. Oliver Krischer (Bündnis 90/Die Grünen) hob hervor, dass die Studie einen wichtigen Beitrag leiste, indem sie Kritikpunkte bestätigt und Fragen aufgezeigt habe, die noch zu lösen seien. Er unterstrich die von den Experten betonte Bedeutung einer breiten Akzeptanz der Technologie durch die Öffentlichkeit. Michael Paul (CDU) bestätigte die wichtige Rolle des Erdgases für Deutschland und hob hervor, dass es dabei "nicht um jeden Preis" gehen könne. Er bewertet die Studie als wichtigen Anstoß für einen weiteren Prozess und regte an, den rechtlichen Rahmen anzupassen.

Wie geht es weiter?
Die vom Expertenkreis erstmals am 25. April 2012 in Osnabrück vorgestellte Risikostudie gibt den Stand von Wissenschaft und Technik auf hohem wissenschaftlichen Niveau wieder. Die Bundesregierung hat sich aktuell darauf verständigt, dass vor einer Erdgasförderung aus Schiefergestein in Deutschland zunächst die offenen Fragen geprüft werden sollen. Die vom Bund und dem Land NRW hierzu in Auftrag gegebenen Studien werden für das zweite Halbjahr 2012 erwartet. Die BDEW-Arbeitsgruppe "Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten" wird die Ergebnisse dieser Studien prüfen.

Im Rahmen der europäischen Debatte zum Thema Fracking finden derzeit die Beratungen im Industrie- und Umweltausschuss des Europäischen Parlamentes statt (siehe "Schiefergas: Europäisches Parlament debattiert Auswirkungen und Chancen"). Der BDEW hat seine Positionierung dort eingebracht und wird über den weiteren Verlauf der politischen Diskussion zeitnah informieren.


Weitere Informationen

Dr. Michaela Schmitz
Geschäftsbereich Wasser und Abwasser
Telefon 0 30 / 300 199-1200
E-Mail michaela.schmitz@bdew.de

Dr. Anke Tuschek
Geschäftsbereich Vertrieb, Handel und gasspezifische Fragen
Telefon 0 30 / 300 199-1080
E-Mail anke.tuschek@bdew.de

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