01. Oktober 2012

Strategische Reserve - BDEW legt Vorschlag für eine Brückenlösung vor

Quelle: Amprion

Der BDEW schlägt der Politik zur Sicherung der Versorgungssicherheit vor, eine Strategische Reserve einzuführen und bis 2015 verbindliche Klarheit zu schaffen, ob nach 2020/22 ein Kapazitätsmarkt gebraucht wird, und wie dieser ggf. aussehen muss. Die Strategische Reserve soll schnellstmöglich eingeführt werden. Wegen der netztechnischen Probleme, insbesondere in Süddeutschland, soll sie eine Regionalkomponente Süddeutschland besitzen. Damit soll die bisherige Kaltreserve abgelöst werden.

BDEW direkt 9/2012 berichtete über die intensive politische Debatte über das Für und Wider von Kapazitätsmechanismen. Anknüpfungspunkt war u.a. das Gutachten "Untersuchungen zu einem zukunftsfähigen Strommarktdesign", welches das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) erstellt hatte und mit dem sich der BDEW kritisch auseinander gesetzt hatte.

Auf der Basis langer und intensiver Vorarbeiten hat der Vorstand des BDEW in einer Sondersitzung am 21. September 2012 ein konkretes Konzept zur Absicherung der Versorgungssicherheit in den kommenden Jahren verabschiedet. Kern dieses Konzeptes ist die zügige Schaffung einer strategischen Reserve. Zugleich erteilte der Vorstand den Auftrag, Vorschläge für das Ob und Wie einer langfristigen Lösung und damit eines neuen Marktdesigns einschließlich des möglichen Beitrags erneuerbarer Energien auszuarbeiten.

Grundgedanke - Markt plus Versicherung
In einer transparenten, diskriminierungsfreien und marktbasierten Auktion soll ab 2013 ein Pool von ansonsten aus wirtschaftlichen Gründen stillzulegenden Kraftwerken ermittelt werden, die als Strategische Reserve außerhalb des Marktes vorgehalten werden. Eingesetzt werden sollen sie in Fällen ausgesprochen hoher Nachfrage, die das Angebot an Stromerzeugungskapazitäten übersteigt, und so die Versorgungssicherheit bzw. die Leistungsbilanz in Deutschland absichern.

Es gibt Extremsituationen z.B. an sehr kalten Wochentagen im Winter, an denen der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. In einem solchen Fall ist nicht auszuschließen, dass nicht genug konventionelle Kraftwerke für diesen Extrembedarf da sind. Das liegt daran, dass u.a. durch immer weniger Laufzeitstunden der Druck auf Kraftwerke wächst, aus dem Markt auszuscheiden. Die Strategische Reserve kann man sich als eine Art Versicherung vorstellen. Wenn sich zeigt, dass die Nachfrage durch die konventionellen Kraftwerke - ausnahmsweise - nicht zu decken ist, dann - und nur dann - wird die Strategische Reserve abgerufen.

Die Strategische Reserve lässt den Markt unangetastet. Der Preis bildet sich dort weiterhin nach Angebot und Nachfrage. Im Gegensatz zu anderen Kapazitätsmechanismen ist es den Kraftwerken, die sich in der Strategischen Reserve befinden, nicht erlaubt, außerhalb der eindeutig und vorab definierten Einsatzfälle am Markt teilzunehmen.

Strategische Reserve gibt es schon - In Schweden
Schweden hat seit 2003 eine Strategische Reserve. Finnland ist gefolgt. In beiden Ländern funktioniert der Mechanismus reibungslos. Und vor allem: Er funktioniert für verhältnismäßig wenig Geld.

Die Erfahrungen in Schweden und Finnland zeigen, dass die Strategische Reserve nur unter seltenen klimatischen Bedingungen zum Einsatz gebracht wurde. In beiden Ländern sind keine negativen Auswirkungen auf den Energiemarkt und seine Investitionssignale zu sehen.

Zusätzlich: Regionalkomponente Süd
Genau genommen haben wir es in Deutschland mit zwei Problemen zu tun. Mit dem beschriebenen Problem, dass es deutschlandweit zunehmend zu wenig Kraftwerkskapazitäten geben könnte, um einen besonders hohen Spitzenbedarf zu decken. Egal, wo die Kraftwerke stehen. Daneben gibt es aber auch ein zweites, besonders dringliches Problem. Dieses ist auf Süddeutschland beschränkt. In Süddeutschland sind aufgrund politischer Entscheidungen mit einem Schlag besonders viele Kernkraftwerke vom Netz gegangen. Dadurch ist es für die Betreiber der Übertragungsnetze sehr schwer geworden, die Stabilität des Netzes zu gewährleisten. Und zu dieser Stabilisierung des Netzes können u.a. aufgrund von Netzengpässen nur Anlagen helfen, die auch in Süddeutschland liegen.

Deshalb schlägt der BDEW vor, die von den Übertragungsnetzbetreibern im Auftrag der BNetzA kontrahierten "Kaltreserve-Kraftwerke" in die Strategische Reserve zu integrieren. Hierfür ist ein Kernanteil in Süddeutschland als Teil der Strategischen Reserve zu schaffen. Die Anlagen dieses Kernanteils haben neben der Absicherung der Leistungsbilanz Deutschlands die zusätzliche Funktion, von den ÜNB zur Sicherstellung der Systemstabilität in Süddeutschland eingesetzt zu werden.

Strategische Reserve verbaut nicht die Zukunft
Die Strategische Reserve lässt alle Optionen offen. Sie stärkt den Markt, wie wir ihn kennen (sog. Energy Only-Markt). In Schweden und Finnland lässt man die Strategische Reserve bis zum Ende des Jahrzehnts auslaufen. Eine Versicherung scheint dann verzichtbar zu werden.  Auch in Deutschland könnte sich zeigen, dass der zusammenwachsende Binnenmarkt und die zunehmende Flexibilisierung der Nachfrage dafür sorgen, dass auf einen dauerhaften Kapazitätsmechanismus verzichtet werden kann.

Die Strategische Reserve eröffnet aber ebenso die Möglichkeit des Übergangs zu einem marktbreiten Kapazitätssystem, sofern dieser langfristig erforderlich wird. Mit einer Strategischen Reserve können außerdem die erforderlichen langen Vorlaufzeiten für einen solchen Mechanismus abgesichert werden, zudem ist sie europatauglich.

Die Strategische Reserve verschafft Zeit, herauszufinden, wie die Regeln des Strommarkts künftig aussehen. Wegen der Vorlaufzeiten für Investitionen besteht aber nicht unbegrenzt Zeit. 2015 muss klar sein, wohin die Reise nach 2020 gehen soll. Der Vorstand hat deshalb den Folgeauftrag für ein neues, langfristiges Marktdesign erteilt.

Wissenschaftliche Begleitung der Projektgruppe Kapazitätsmechanismen
Angesichts der herausragenden Bedeutung dieser Debatte für die Energieversorgung und für den Wirtschaftsstandort Deutschland hatte der BDEW wissenschaftliche Akteure mit unterschiedlichen Arbeiten beauftragt.

  • ECOFYS hat für den BDEW verschiedene Studien zu Kapazitätsmechanismen sowie die Funktionsweise des Energiemarktes analysiert. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass es derzeit keinen zwingenden Grund für die Einführung eines umfassenden Kapazitätsmechanismus gibt, der zudem zeitaufwändig und risikobehaftet wäre. Wegen der doppelten Umbruchsituation aus Integration der erneuerbaren Energien sowie fortschreitender Integration in den EU-Binnenmarkt erscheint es jedoch angebracht, die Versorgungssicherheit in Deutschland mittels einer Strategischen Reserve abzusichern. Vieles von dem, was sich derzeit an den Märkten beobachten lässt, ist fundamental erklärbar. Und was noch wichtiger ist: Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass der Markt funktionieren würde, wenn man ihn nur ließe - anstatt ständig neue Regulierungsvorschläge zu verbreiten. Eine Strategische Reserve gibt ihm die Chance dazu.
  • Consentec hat für und mit dem BDEW Elemente einer praktikabel umsetzbaren Strategischen Reserve entwickelt, die zusätzlich zur Absicherung der Versorgungssicherheit in Deutschland die Probleme mit der Systemstabilität in Süddeutschland adressiert, den Bedarf durch eine transparente und marktbasierte Auktion ermittelt und schnell gesetzgeberisch umsetzbar wäre, um bereits im Winter 2013/14 einsetzbar zu sein.
  • Aufbauend auf diesen Ausarbeitungen erstellt Prof. Hartmut Weyer von der TU Clausthal für den BDEW derzeit ein Rechtsgutachten, in dem Optionen einer gesetzgeberischen Umsetzung einer Strategischen Reserve diskutiert werden. Dieses Gutachten wird in Kürze fertiggestellt sein und belegt u.a. dass die Umsetzung der Strategischen Reserve noch im laufenden Gesetzgebungsverfahren zum EnWG möglich ist.



Weitere Informationen

Dr. Stephan Krieger
Geschäftsbereich Strategie und Politik
Telefon 0 30/300 199-1061
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Anlagen und Materialien

zum Thema "Kapazitätsmechanismen"