Die Stadtwerke Konstanz zeigen eindrucksvoll, dass die Wärmewende nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich gelingen kann – mit einem innovativen Finanzierungsmodell, das bundesweit neue Maßstäbe setzt. Während der Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung in Deutschland in den vergangenen Jahren stark vorangekommen ist, steckt die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung noch in den Anfängen. Rund 50 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs in Deutschland entfallen auf den Wärmesektor, etwa 30 Prozent der CO₂-Emissionen entstehen durch die Erzeugung von Raumwärme, Warmwasser und Prozesswärme. Gerade deshalb gilt die Wärmewende als einer der entscheidenden Hebel, um die Klimaziele bis 2045 zu erreichen.
Mit dem sogenannten Konstanzer Modell haben die Stadtwerke Konstanz ein Konzept entwickelt, das kommunale Verantwortung mit privatem Kapital verbindet – und so die Umsetzung beschleunigt, ohne die öffentlichen Haushalte zu überlasten. Das Prinzip ist einfach, aber wirkungsvoll: Private Investoren beteiligen sich gezielt an einzelnen Wärmenetzprojekten. Zudem bringt jeder Partner auf Basis eines kompetenzbasierten Ansatzes sein Know-how bestmöglich ein. Während die Stadtwerke beispielsweise Aufgaben mit Kundenkontakt und den Betrieb vor Ort übernehmen, bringen die Partner insbesondere ihre Erfahrung bei der technischen Planung ein. Dieses Modell ermöglicht, dass Kapitalflüsse aus der Privatwirtschaft zielgerichtet in kommunale Infrastrukturprojekte gelenkt werden – ein bisher selten genutzter Ansatz im Wärmesektor.
Erster Partner des Modells ist die Iqony Energies GmbH. Gemeinsam mit Iqony wollen die Stadtwerke in einem ersten Projekt rund 20 Millionen Euro investieren. In den kommenden Jahren sind weitere Projekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt rund 550 Millionen Euro für den Aufbau von bis zu acht neuen Wärmenetzen geplant. Bereits das erste Projekt – der Wärmeverbund Bodensee-Therme – soll ab 2029 Wärme liefern. Bis 2030 soll ein weiteres Netz im Neubaugebiet Hafner gemeinsam mit der Solarcomplex AG fertiggestellt sein, und 2035 strebt Konstanz die weitgehende Klimaneutralität der städtischen Wärmeversorgung an.
Die künftigen Wärmenetze sollen verschiedene erneuerbare und lokale Energiequellen kombinieren. Zum Einsatz kommen unvermeidbare Abwärme aus der Kehrichtverwertungsanlage Weinfelden (Schweiz), die thermische Nutzung des Bodensees, der Außenluft sowie von Abwärme der Kläranlage über Großwärmepumpen und grüne Stromüberschüsse für den Betrieb der Anlagen. Die Versorgung wird dadurch nicht nur klimafreundlich, sondern auch resilient gegenüber Preisschwankungen auf den fossilen Energiemärkten. Gleichzeitig profitieren Bürgerinnen und Bürger von stabilen und langfristig kalkulierbaren Wärmepreisen, einer sicheren Versorgung und einer deutlichen Reduktion der CO₂-Emissionen.
Aus Sicht der Stadtwerke ist das Modell ein Beispiel für verantwortungsvolle Energiewende-Politik. Es stärkt die regionale Wertschöpfung, schafft Arbeitsplätze und fördert Innovation. Machbarkeitsstudien für zwei weitere Wärmenetze (Paradies und Berchengebiet) wurden bereits abgeschlossen, so dass auch für diese im Jahr 2026 die Partnersuche beginnen kann.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Kommunen behalten die Steuerungshoheit, erhalten aber gleichzeitig Zugang zu privatem Kapital. Investoren profitieren von stabilen Renditen, die an reale Infrastrukturprojekte gekoppelt sind. Bürgerinnen und Bürger wiederum gewinnen Versorgungssicherheit, Preisstabilität und einen spürbaren Beitrag zum Klimaschutz.
Mit dem neuen Ansatz setzen die Stadtwerke Konstanz ein deutliches Signal: Die Wärmewende ist finanzierbar, wenn neue Wege gegangen werden. Das Modell zeigt, dass Energiewende und Wirtschaftlichkeit kein Widerspruch sind – sondern sich gegenseitig befördern können. Was in Konstanz beginnt, könnte zum Vorbild für viele Städte in Deutschland werden, die ihre Wärmeversorgung auf eine nachhaltige Basis stellen wollen.