Im Südosten Spaniens brennt die Sonne besonders stark. Die Region ist eine der heißesten in Europa und ideal, um Energie zu gewinnen. Immer neue und immer größere Solarparks entstehen. Landwirte verpachten ihr Land an die Betreiber, weil sich das für sie mehr lohnt als der Anbau von Oliven. Spanien baut die Solarenergie massiv aus – mit Fördergeldern und Darlehen der Europäischen Union (EU). Mehr als 5 Milliarden Euro hat die Europäische Investitionsbank 2024 für Energieprojekte vergeben, 3,3 Milliarden Euro fließen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung nach Spanien und über 150 Milliarden Euro aus dem Konjunkturpaket „Next Generation EU“ – für Investitionen in die Infrastruktur, erneuerbare Energien und Digitalisierung. Zum Vergleich: Deutschland erhält aus dem Paket 30,3 Milliarden Euro.
Energie aus Wind, Sonne und Wasser
Etwa 60 Prozent des Strombedarfs deckt Spanien aus erneuerbaren Energien, an manchen Tagen sind es sogar bis zu 100 Prozent. Grüner Strom wird vor allem aus Sonne und Wind erzeugt sowie aus Wasserkraft. Über 300 Sonnentage und windreiche Küsten sind perfekte Bedingungen für Windkraft und Photovoltaik. Seit der Jahrtausendwende wird ihr Ausbau massiv vorangetrieben. 2004 startete eine Solaroffensive und Agrarflächen wurden zu Solarstromfeldern. Durch die globale Finanzkrise und den Sparzwang einige Jahre später stockte der Ausbau zwar; ab 2018 nahm er wieder Tempo auf. Bis Mitte 2023 haben sich die Kapazitäten der Solarkraftwerke fast verfünffacht. An den Küsten und im Landesinneren entstanden kleine und große Windparks. 2022 lag die installierte Leistung bei knapp 30.000 Megawatt. Bis zum Jahr 2030 soll sie auf 62.000 Megawatt ausgebaut werden. Die installierte Leistung der Windkraft ist nach Deutschland die zweithöchste in Europa.

Doch viel grüner Strom fließt nicht ins Netz und geht verloren, weil er nicht gespeichert werden kann. Dennoch sind die Strompreise deutlich niedriger als in Deutschland: im ersten Halbjahr 2025 um 12 Cent. Das ist ein wichtiger Kostenvorteil für die spanische Wirtschaft, die seit Jahren wächst. Die Gründe für die niedrigeren Preise sind vielfältig: In Deutschland sind Steuern und Abgaben für Netzentgelte höher, eine Sonderregelung der EU erlaubt Spanien und Portugal, die Stromkosten vom Gaspreis abzukoppeln. Dafür ist Deutschland besser an das europäische Stromnetz angebunden und kann bei Störungen auf Strom aus den Nachbarländern zurückgreifen.
Pläne für die Zukunft
Spanien will bis 2050 klimaneutral sein. Dieses Ziel strebt auch die Europäische Union an. Um die CO2-Emissionen zu reduzieren, sind im Norden des Landes 23 neue Kleinwasserkraftwerke mit einer Leistung von 175 Megawatt geplant. Rund zehn Milliarden Euro werden in zwei neue Zentren investiert, um grünen Wasserstoff herzustellen. In der Provinz Kastilien steht bereits die größte Produktionsanlage für grünen Wasserstoff in Europa mit einer Kapazität von 3.000 Tonnen pro Jahr. Künftig soll auch mehr Energie aus Biogas gewonnen werden. Spanien hat reichlich davon, nutzt es aber nicht. Mit milliardenschweren Förderungen aus der EU soll der Sektor schnell ausgebaut werden. Für deutsche Biogas-Unternehmen eröffnen sich neue Chancen. „Der spanische Markt ist ein schlafender Riese“, sagte Luis Puchades vom spanischen Biogasverband AEBIG Ende 2024.
Welche Herausforderungen gibt es?
Spanien steht jedoch vor einigen Herausforderungen. Es fehlt an Speichermöglichkeiten und einer modernen Netzinfrastruktur. Durch die rasante Zunahme von kleinen Solar- und Windanlagen ist das Stromnetz schwerer zu steuern, Spannung und Frequenz sind schwieriger zu stabilisieren. Hier muss nachgerüstet werden. Ein weiteres Problem ist die Wasserknappheit. Sie könnte die Produktion von grünem Wasserstoff gefährden und den Ausbau der Wasserkraft.

Das Land ist außerdem kaum an das europäische Stromverbundnetz angeschlossen und nur mit Portugal gut vernetzt. Bisher gibt es nur vier Hochspannungsleitungen über die Pyrenäen nach Frankreich und damit in den Rest der EU. Bei Störungen können andere Länder nicht aushelfen.
April 2025: Spaniens Blackout
Am 28. April 2025 kommt es auf der iberischen Halbinsel zu einem massiven Stromausfall. Innerhalb von fünf Sekunden fallen etwa 60 Prozent der Leistung weg. Ab 12:33 Uhr geht nichts mehr: kein Strom, kein Licht, kein Internet, kein Mobilfunk. 60 Millionen Menschen in Spanien und Portugal sind davon betroffen. Erst am nächsten Morgen ist die Versorgung wiederhergestellt.
Was war die Ursache? Schnell machten Spekulationen die Runde, schuld seien die Erneuerbaren Energien. Der Zwischenbericht einer internationalen Expertengruppe bestätigt das nicht; die genaue Ursache wird noch untersucht. Fakt ist: Es gab Schwankungen, Überspannungen, Abschaltungen von Anlagen, Fehlentscheidungen der Anlagenbetreiber und ein Abfallen der Frequenz. Schutzvorrichtungen funktionierten nicht.
Was sind die Folgen? Die spanische Regierung sieht keinen Grund für einen Kurswechsel. "Wir werden keinen einzigen Millimeter von der Energie-Roadmap abweichen, die wir seit 2018 geplant haben. Erneuerbare Energien sind nicht nur die Energiezukunft unseres Landes, sie sind unsere beste Option. Sie sind der einzige Weg, Spanien zu reindustrialisieren," sagte Premierminister Pedro Sanchez. Seitdem ist die Nachfrage nach Erdgas jedoch gestiegen und Spanien setzt auf den Import von Flüssiggas.
Ausstieg aus der Atomenergie
Zum Kurs gehört auch, aus der Atomenergie auszusteigen. Sieben Reaktoren sind noch in Betrieb und müssen schnell ersetzt werden. 2024 wurde fast ein Fünftel des Stroms noch aus Kernkraft erzeugt. Bereits 2027 soll der erste Reaktor vom Netz gehen, der letzte spätestens 2035. Der Stromausfall im April 2025 (siehe Infokasten) hat die Debatte über Kernkraft wieder angefacht.
Nachdem es Anfang Oktober 2025 im Stromnetz erneut zu Spannungsschwankungen kam, werden die Stimmen lauter, die einen Weiterbetrieb oder zumindest eine Verschiebung der Stilllegung fordern. Dafür treten nicht nur die Betreiber, sondern auch konservative Parteien, das Unterhaus, regionale Regierungen und Wissenschaftler ein. Atomkraftwerke seien als Puffer und Sicherheitsreserve notwendig, um schwankende Stromeinspeisungen auszugleichen.
Das System muss krisenfest werden
Spanien hat die erneuerbaren Energien massiv ausgebaut. Das Netz ist aber an vielen Orten nicht mitgewachsen und die Modernisierung wurde verschleppt. Investitionen in eine moderne Infrastruktur, in Speicherlösungen und intelligente Laststeuerung sind notwendig. Die „Energieinsel“ Spanien braucht außerdem Verbindungsleitungen in andere EU-Staaten, Regularien für Erzeuger und Netzbetreiber, klare Zuständigkeiten und bessere Koordination.

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