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Länderportrait Singapur:

Energiewende auf engem Raum

Kaum Platz, viel Erdgas – Singapurs Weg zur Klimaneutralität bis 2050.

Illustration von Singapur mit Merlion im Wasser, Skyline mit Marina Bay Sands im Hintergrund und Solarpaneelen im Vordergrund unter Mondsichel und Sternen.

© Robert Albrecht / BDEW

 

Das Klima in Singapur ist tropisch und feucht. Schon frühmorgens steigen die Temperaturen auf über 30 Grad und die Menschen kommen ins Schwitzen, wenn sie zu den Bus- und U-Bahnstationen eilen. Durch den Klimawandel wird es immer heißer und schwüler in den dicht bebauten Hochhausvierteln staut sich die Hitze. Um Wohnungen und Büros zu kühlen, laufen ständig Klimaanlagen. Sie verbrauchen knapp ein Drittel des Stroms, der zu 95 Prozent aus fossilen Energien gewonnen wird, vor allem aus Erdgas. Über Pipelines fließt es von Malaysia und Indonesien nach Singapur. Ein Teil wird als LNG importiert, zum Beispiel aus Australien und Katar. Die Energieversorgung ist dadurch teuer und krisenanfällig. Das ist die Ausgangslage.

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Die jüngsten Pläne des Landes indes bedeuten eine energiewirtschaftliche Herausforderung, die in ihrer Zuspitzung weltweit nahezu einzigartig ist: Der Stadtstaat verfügt weder über nennenswerte erneuerbare Ressourcen noch über relevante eigene Energieträger. Gleichzeitig zählt er zu den wohlhabendsten, dichtest besiedelten und energieintensivsten Volkswirtschaften Asiens. Das Ziel: Klimaneutralität bis 2050. Kann das funktionieren? Auf den ersten Blick: kaum vorstellbar.

Singapur ist etwa so groß wie Hamburg, aber dort leben dreimal so viele Menschen. Die dichte Bebauung – fast sechs Millionen Menschen leben auf engstem Raum – bietet wenig Platz für erneuerbare Energien. Für große Windparks sind nicht nur die Flächen, sondern auch die Windgeschwindigkeiten zu gering. Wasserkraft ist nicht nutzbar, weil es keine Flusssysteme gibt. Dafür ist die Sonneneinstrahlung sehr hoch. Die Regierung setzt deshalb auf Photovoltaik, CO2-arme Technologien und den Import von grünem Strom. Geplant ist die Anbindung an regionale Netze der Nachbarländer und der Bau einer 4.300 Kilometer langen Stromleitung nach Australien, das Projekt „Sun Cable“.

Solarstrom aus Australien per Untersee-Kabel

Hierbei soll der Solarstrom zunächst über eine rund 800 Kilometer lange Leitung nach Darwin transportiert werden. Von dort ist ein etwa 3.700 Kilometer langes Hochspannungs-Gleichstrom-Unterseekabel nach Singapur vorgesehen. Insgesamt würde die Verbindung damit über mehr als 4.000 Kilometer verlaufen und zu den längsten Stromtrassen der Welt zählen.

Allerdings handelt es sich bislang um ein Projekt in Entwicklung. Die Investitionsentscheidung wird für das Jahr 2027 erwartet, Finanzierung und Umsetzung gelten als anspruchsvoll. Für den Anfang planen die Projektentwickler mit sechs GW Strom, von dem ein Teil Darwin, ein anderer Teil Singapur versorgen soll.

Die Importe von grünem Strom sollen bis 2035 etwa ein Drittel des Strombedarfs decken. Erdgas bleibt vorerst aber die wichtigste Energiequelle. Im Hafen der Insel Jurong ist ein schwimmendes LNG-Terminal in Bau, 2026 geht auf der Insel ein neues Kraftwerk in Betrieb, das auch mit Wasserstoff betrieben werden kann. Weitere sind im Bau. Jedes Kraftwerk hat eine Leistung von 600 Megawatt und kann etwa 864.000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen. In Singapur gibt es gut 1,4 Millionen Haushalte. 

Ausbau der Solarenergie und Fernkälte

Solarenergie soll die wichtigste heimische Energiequelle werden. Die dichte Bebauung des Stadtstaates erweist sich hier als Vorteil. Unzählige Wohn- und Bürogebäude, Schulen oder Krankenhäuser bieten Flächen für PV-Anlagen. „Unser Ziel ist es, jeden verfügbaren Raum, der für Solarpanels geeignet ist, optimal zu nutzen. Jedes verfügbare Dach, jeder ungenutzte Platz, an Stauseen und sogar am Meer“, erklärt Puah Kok Keong, Geschäftsführer der Energy Market Authority. Da fast alle Gebäude und Flächen dem Staat gehören, lassen sich Projekte schnell umsetzen.



Und die Verdichtung hat  einen weiteren Vorteil. Sie ermöglicht zentrale Kühlsysteme, die viel weniger Energie verbrauchen als Klimaanlagen. In einigen Vierteln wurden bereits unterirdisch Rohre verlegt, die mit kaltem Wasser gefüllt sind. Durch Wärmetauscher sollen sie angenehme Temperaturen in den angeschlossenen Gebäuden schaffen. Dieses unterirdische Fernkältesystem wird weiter ausgebaut. Durch verschiedene Maßnahmen ist der Energieverbrauch in mehr als einer Million Wohnungen bereits um 10 Prozent gesunken, bis 2030 soll er um 25 Prozent sinken. 

Der Green Plan 2030

2021 wurden die Ziele im Green Plan 2030 festgelegt. Alle öffentlichen Gebäude werden mit Solaranlagen ausgestattet. Die Leistung sollte 2030 zunächst bei 2 Gigawatt Peak liegen. Damit können etwa 350.000 Haushalte versorgt werden. Da dieses Ziel bereits Anfang 2026 erreicht wurde, soll die Leistung bis 2030 auf 3 Gigawatt Peak erhöht werden. 60.000 neue Ladepunkte für E-Autos und -Busse werden errichtet, eine Million Bäume gepflanzt und mehr Grünflächen geschaffen: neue Parks, Pflanzen an den Fassaden, Stadtfarmen in Gebäuden, Bäume auf Dachgärten. Das viele Grün spendet Schatten und senkt die Außentemperatur um einige Grad. 80 Prozent des Gebäudebestands sollen bis 2030 mit dem grünen Siegel „Green Mark“ zertifiziert sein. Neubauten müssen hohe Effizienzstandards erfüllen. Das Radewegenetz und der öffentliche Nahverkehr werden massiv ausgebaut.

Für die Entwicklung der Infrastruktur werden digitale Zwillinge genutzt. Diese Technologie ermöglicht, den künftigen Energieverbrauch, den Verkehr, die Wasser- oder Stromversorgung zu simulieren. Damit lassen sich Projekte besser planen, Ressourcen effizienter nutzen, die Lebensqualität der Menschen verbessern. In Singapur soll der digitale Zwilling des nationalen Stromnetzes dazu beitragen, die Versorgung zu verbessern und beim Übergang hin zur sauberen Stromerzeugung  unterstützen.

Vorbild Singapur?

Am Tengeh-Stausee ging 2023 ein schwimmender Solarpark in Betrieb. Mit einer Fläche von 45 Fußballfeldern erwirtschaftet er im Betrieb eine Leistung von 60 Megawatt Peak. Mit dem Strom wird in fünf Anlagen Wasser aufbereitet. Auf der Insel Jurong steht einer der größten Batteriespeicher in Südostasien. Im Neubauviertel Tengah steuert eine KI das Stromnetz und die Bewohner können über eine App ihren Energieverbrauch sehen.  Regenwasser wird auf Dächern aufgefangen, gereinigt und recycelt. Es dient auch dazu, die Grünflächen zu bewässern.

Singapur ist seit 1965 unabhängig und hat bereits erfolgreich eine Transformation hinter sich: Die ehemalige britische Kolonie entwickelte sich von einem der ärmsten zu einem der reichsten Länder der Welt. Für die grüne Transformation gibt es einen klaren Plan und eine langfristige Strategie. Der Stadtstaat ist allerdings auch für seine strengen Gesetze und sein hartes Vorgehen gegen die Opposition bekannt. Deshalb taugt er nur bedingt als Vorbild. Die nachhaltige Stadtentwicklung und die innovativen Lösungen könnten aber durchaus ein Beispiel für andere Metropolen sein.  

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