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Energiewende: grandios unterschätzte Komplexität

Die Zustimmung zur Energiewende ist da – immer noch. Doch die Umsetzung erweist sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Eine Annäherung.

Es war einmal, so könnte man hier beginnen, in weiten Teilen der Gesellschaft eine Zeit der Begeisterung für die Energiewende: Wir ersetzen Kernkraftwerke durch Windräder und Solaranlagen, benzin- und dieselgetriebene Automobile durch Elektrofahrzeuge, wir schaffen eine Effizienzrevolution in der Wärmeversorgung. Dann erreichen wir die Klimaziele und schaffen dauerhaft so eine saubere, wirtschaftliche und sichere Energieversorgung. Die Kurzversion: Wir ersetzen alte fossile und nukleare durch effiziente und innovative Technik, und alles wird gut.

Wenn auch seit dieser Zeit erst wenige Jahre vergangen sind, liegt sie "gefühlt" in der tiefen Vergangenheit. Die Aufbruchsstimmung ist dahin. Wir sind in den "Mühen der Ebene" (Bert Brecht) angekommen. Akzeptanzkrisen beim Ausbau der erneuerbaren Energieträger und im Bau neuer Stromtrassen, das Wegbrechen der Solarindustrie in Deutschland, unklare Entscheidungslagen in der Politik, Unsicherheiten um die Zukunft des Verbrennungsmotors, der verschleppte Kohleausstieg – und dann noch die paradoxen Effekte, die man kaum jemandem erklären kann: Der CO2-AusstoßDeutschlands steigt, obwohl der Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung steigt und steigt. Klimaziele werden trotz aller Anstrengungen verfehlt. Das ist der Bevölkerung nun wirklich schwer zu vermitteln.

Da ist es fast erstaunlich, dass die Zustimmung zur Energiewende nach wie vor prinzipiell recht groß ist.

Allerdings scheint die Politik zu verzagen. Schon die vormalige Bundesregierung wirkte in den letzten Jahren nicht gerade motiviert in Sachen Energiewende. Im zurückliegenden Bundestagswahlkampf hat die Energiewende dann kaum eine Rolle gespielt. Scheinbar hat niemand geglaubt, sich mit diesem schwierigen Thema profilieren zu können. Immerhin, der langfristige Ausstieg aus der Kohle und den Verbrennungsmotoren war zumindest ein Streitthema in den gescheiterten Sondierungsgesprächen zwischen Union, FDP und Grünen. Ob er in der zukünftigen Regierung oben auf der Agenda stehen wird, bleibt abzuwarten.

Es geht nicht nur um Technik

Wie konnte es dazu kommen, dass die Energiewende in wenigen Jahren aus einer Welle der Begeisterung in tiefe Unlust abgestürzt ist? Meine These ist: Ihre Komplexität wurde dramatisch unterschätzt. Wir haben uns ein viel zu einfaches Bild vom Energiesystem Und seiner Transformation gemacht. Wir haben uns die Energieversorgung als ein technisches System vorgestellt, bestehend aus Kraftwerken verschiedenster Art, Hochspannungsleitungen, Verteilnetzen, Umspannstationen, Regelungs- und Überwachungsanlagen, Speicherkraftwerken, Erdölraffinerien, Pipelines, Großtankern, Förderanlagen für Öl, Gas und Kohle, Braunkohletagebau et cetera. Das Energiesystem war – und ist vielfach noch – für uns all das, was ‚hinter der Steckdose‘ oder auch ‚hinter der Zapfsäule‘ liegt: technische Infrastrukturen, die dafür sorgen, dass wir Steckdosen und Zapfsäulen zu jeder Zeit Strom oder Treibstoff in der gewohnten Qualität entnehmen können. So gesehen würde sich die Energiewende nur hinter den Steckdosen und Zapfsäulen abspielen und von Ingenieuren und Managern betrieben. Die Verbraucher würden sie gar nicht groß bemerken. Des Weiteren war die Annahme, man stelle Bereitstellungstechnologien auf erneuerbar um, ansonsten könne alles beim Alten bleiben.

Dieses Verständnis von Energiewende ist jedoch naiv. Denn das Energiesystem besteht nicht nur aus Technik hinter Steckdose und Zapfsäule, sondern ist ein sozio-technisches System. Als Infrastruktur funktioniert es nur, wenn auch die wirtschaftliche und die soziale Einbettung geregelt sind. Im Zuge der Energiewende müssen neue Player hinsichtlich Regeln, Verträgen, Abmachungen über Rechte und Pflichten, Haftungsfragen et cetera sozial und rechtlich eingebunden werden. Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten müssen neu verteilt werden. Verbraucher werden als so genannte Prosumer zu Produzenten und speisen Energie ins Netz ein. Andere werden vielleicht Autonomie abgeben müssen, um der fluktuierenden Angebotsseite besser begegnen zu können (Demand Side Management). Neue Infrastrukturen wie Hochspannungstrassen und Windparks verändern ganze Landschaften und betreffen das Heimatgefühl vieler Menschen. Eine starke Ausbreitung der Elektromobilität würde den Alltag verändern, da sich E-Mobile nicht in wenigen Minuten betanken lassen und auch vollgetankt nicht 600 oder 1.000 Kilometer weit fahren können. An vielen Stellen werden die Karten neu gemischt.

Wir brauchen eine ehrliche Debatte

Das Energiesystem ist eben nicht einfach Technik, sondern eine Infrastruktur. Sie prägt in vielem unser Leben, in Freizeit und Arbeit, in Wertschöpfung und Gewohnheiten. In vielem haben wir uns an die traditionelle Energieversorgung angepasst und auch gewöhnt. Die Transformation einer Infrastruktur ist immer auch mit einer Transformation dieser menschlichen und gesellschaftlichen Anteile verbunden. Genau deswegen ist die Energiewende so schwierig. Nicht nur neue Technik wird benötigt, sondern es werden sich auch gesellschaftliche Regeln und Gesetze, Machtverhältnisse und Einflussmöglichkeiten, Gewohnheiten und Lebenswelten, Landschaften und lieb gewordene Annehmlichkeiten verändern müssen. Es wird Gewinner und Verlierer geben und es gibt sie bereits heute.

Hier sind vor allem Ehrlichkeit und offene Analyse gefragt. Es muss klar gesagt werden, dass die Energiewende etwas kostet und auch etwas kosten darf. Wir brauchen eine ehrliche Debatte, was uns eine saubere und sichere Energieversorgung wert ist. Dumpingpreise der Vergangenheit können hier nicht der alleinige Maßstab sein. Es muss aber auch darüber gesprochen werden, wie diese Kosten auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen und über die Zeit verteilt werden sollen. Soziale Ungerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten in der Verteilung von Belastungen müssen zur Sprache kommen und angegangen werden statt hinter einer Wohlfühlrhetorik von erhofften Win-Win-Situationen zu verschwinden. Das gleiche gilt für die ökonomische Dimension und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.

Die Energiewende ist kein Projekt, sondern ein komplexer Prozess, in dem ein langer Atem erforderlich ist.

Ein derartiger Prozess steht vor erhebliche Herausforderungen – nicht nur im Hinblick auf eine effiziente Prozessgestaltung, sondern auch im Hinblick auf Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit und transparenter Kommunikation. Hier wäre es oft schon ein großer Gewinn, wenn offen gesagt würde, wie komplex die Energiewende ist, dass es keinen Masterplan gibt und es wegen der Komplexität auch keinen geben kann. Es geht darum, durch Kommunikation, Information und Partizipation Vertrauen in die Prozessgestaltung aufzubauen. Widersprüche und Ungereimtheiten, Meinungsänderungen und Umsteuerungen lassen sich nicht vermeiden. Sie lassen sich aber erklären und es lässt sich aus ihnen lernen. Darauf käme es an: statt vermeintlich fertige Lösungen zu präsentieren, unser Gemeinwesen auf einen Weg des Lernens mitzunehmen.

Ein Gastbeitrag von Armin Grunwald

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Prof. Dr. Armin Grunwald studierte Physik, Philosophie und Mathematik. Heute leitet er das Büro für Technikfolgen- Abschätzung beim Deutschen Bundestag sowie das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Karlsruher Institut für Technologie. Dort hat er zudem einen Lehrstuhl für Technikphilosophie und Technikethik inne.

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