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Entdeckt eure Start-up-DNA wieder!

Die Innovationszyklen werden immer schneller. Niemand weiß, wie der Energie­markt 2050 aussehen wird. Für Deutschland ist das eine Chance, sich gegenüber anderen Ländern wie den USA und China gut aufzustellen. Großes Potenzial also für Investoren, findet Frank Thelen

Die gesamte Energiebranche steht auf nahezu allen Ebenen vor großen Umwälzungen und Herausforderungen. Angefangen bei neuen Vertriebswegen und -konzepten, über den Ausbau der Netze bis hin zu neuen Formen der Energieerzeugung, deren grundlegende Umstellung politisch gerade stark forciert wird – Stichworte Atomausstieg und Kohleausstieg. Sicher ist: Der gesamte Energiemarkt wird 2050 ganz anders aussehen als heute. Wie genau, kann jedoch angesichts der immer schnelleren Innovationszyklen niemand sicher voraussagen.

Entscheidend ist, dass wir diesen Umbruch nicht als Gefahr, sondern ganz im Gegenteil als Chance begreifen. Deutschland erhält so die Möglichkeit, technologisch in diesem Sektor wieder ganz vorne mitzuspielen und Energietechnologien »Made in Germany« zu einem weltweiten Exportschlager zu machen. Fehler, wie die Solarindustrie mehr oder weniger komplett an China zu verlieren, dürfen nicht wiederholt werden.

Einer der großen Trends wird aus meiner Sicht die Dezentralisierung der Energieerzeugung sein. Großkraftwerke sind bekanntermaßen hierzulande nicht nur politisch nicht mehr gewollt, sondern angesichts von Protesten und Klagen von Bürgern und auch vieler betroffener Kommunen ohnehin immer schwerer durchsetzbar. Stattdessen lassen sich Photovoltaikanlagen, Mini-Windkraftwerke oder Blockheizkraftwerke zu virtuellen Kraftwerken zusammenschalten, die untereinander sicher und automatisiert, unter anderem per Blockchain, kommunizieren. Fahrplanmanagement, Bilanzierung und Abrechnung könnten in Zukunft gleichfalls automatisiert und über Smart Contracts abgewickelt werden. Smart Contracts sind Verträge, die mit Hilfe der Blockchain-Technologie aufgesetzt werden und automatisch beispielsweise Zahlungen abwickeln, sofern gewisse Faktoren erfüllt sind.

Vorbild für Schwellen- und Industrieländer

Damit kann Deutschland nicht nur ein Modell für Entwicklungs- und Schwellenländer sein, die noch nicht über eine gewachsene Infrastruktur verfügen und für die ein solches Versorgungskonzept wesentlich günstiger und schneller umsetzbar ist als herkömmliche Kraftwerke. Es kann auch Vorbild für andere Industrienationen sein, die gleichfalls den Weg in eine umweltverträglichere, dezentrale Energieversorgung der Zukunft beschreiten wollen.

Eine große Herausforderung in diesem Zusammenhang sind die Schwankungen bei der Energieerzeugung, die den Erneuerbaren Energien immanent sind. Wenn Kohle- und Atomkraftwerke schrittweise als Reserve wegfallen, müssen Lösungen geschaffen werden, Strom in Zeiten der Überproduktion effizient zu speichern und bei Bedarf wieder schnell an die Netze abzugeben. Im Privatbereich können hier natürlich Batterielösungen zum Einsatz kommen und so für mehr Energieautonomie im Haushalt sorgen, wobei auch ein Rückgriff auf die Kapazitäten von Elektroautos als Speicher denkbar ist. Aus Kosten-, Umwelt- und Kapazitätsgründen ist der Einsatz solcher herkömmlichen Batterie­lösungen aber beschränkt. Besonders für die Industrie sind sie ungeeignet.

Mein Investment: Speicher im Containerformat

Pumpspeicherkraftwerke hingegen können wichtige Bausteine einer Speicherinfrastruktur sein, ebenso wie neue thermische Verfahren. Mit Kraftblock hat meine Investmentgesellschaft Freigeist Capital in ein Start-up-­Unter­nehmen investiert, das eine innovative Form der Speicherung von Wärme und Strom (Power-to-Heat, Heat-to-Power) in Containerform entwickelt hat. Kraftblock verwendet ausschließlich unbegrenzte Ressourcen und bis zu 85 Prozent recycelte Materialien, unter anderem Schlacken, ein Abfallprodukt aus der Stahlindustrie, das momentan nicht weiterverwendet wird. Der Energiespeicher hat zudem eine quasi unendliche Lebensspanne, getestet sind bis zu 15.000 Zyklen. Die Energiedichte liegt bei bis zu 1.200 Kilowattstunden pro Kubikmeter (kWh/m³). Zum Vergleich: Lithium-Ionen-Batterien verwenden endliche Ressourcen und haben eine Lebensspanne von 6.000 Zyklen. Die Energiedichte liegt bei durchschnittlich 300 kWh/m³. Zudem liegen die Anschaffungskosten für einen Kraftblock bei nur einem Zehntel des Investments pro Kilowattstunde und die Energiegestehungskosten liegen im Vergleich zur Lithium-Ionen-­Batterie bei weniger als einem Drittel. Dank der Containerbauform lassen sich die Kraftblöcke auch einfach transportieren und können damit dort für Strom sorgen, wo sonst keiner verfügbar ist.

Start-ups wie Kraftblock, das auch vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird, zeigen, welche Möglichkeiten sich durch die Energiewende für unsere Wirtschaft ergeben – wenn wir nur bereit sind, die Herausforderungen anzunehmen. Deshalb ist der Energiesektor für uns zu einem so spannenden Investmentcase geworden. Dank des Gründerpaars Martin und Susanne, die an der Universität des Saarlandes den ersten ökologisch und ökonomisch sinnvollen Energiespeicher entwickelt haben, sind wir auf das große Potenzial in der Energiewirtschaft aufmerksam geworden und wollen hier zukünftig noch weitere Investments in disruptive Start-ups tätigen.  

In neuen Erzeugungstechnologien steckt Zukunftspotenzial

Doch dürfen wir uns nicht nur auf neue und junge Unternehmen und deren Innovationskraft verlassen, auch die großen deutschen Energie- und Industrieunternehmen müssen alles daran setzen, ihre eigene Start-up-DNA wiederzuentdecken und die Energiewende aktiv und konstruktiv zu begleiten und zu gestalten. So gibt es zahlreiche vielversprechende Technologien zur Energieerzeugung, die großes Potenzial für die Zukunft bieten – synthetische Kraftstoffe, Brennstoffzellen (sowohl für den Privatgebrauch als auch im großen Maßstab), auf lange Sicht möglicherweise Fusionskraftwerke. In all diesen Bereichen könnten deutsche Unternehmen brillieren, wenn sie die Herausforderungen annehmen.

Lasst uns die Energiewirtschaft daher als Chance entdecken und diesen vielversprechenden Wachstumsmarkt mit herausragenden Innovationen für uns gewinnen. Wir haben die richtigen Leute, um uns hier gegenüber anderen Ländern wie den USA und China gut aufzustellen. Wir haben kluge Köpfe, starke Unternehmen und disruptive Start-ups in diesem Bereich. Was uns jetzt noch fehlt, sind mutige, progressive Entscheidungen aus der Energiewirtschaft und der Politik.

Ein Gastbeitrag von Frank Thelen

Magazin_2-2019-Frank-Thelen
Quelle: Joseph Ruben

Mit 18 Jahren gründete er 1994 sein erstes Unternehmen, sechs weitere folgten. Allein für sein letztes Start-up erhielt er 10 Millionen US-Dollar Wagniskapital. Heute konzentriert sich Frank Thelen als Gründer von Frei­geist Capital vor allem auf Frühphasen-Investitionen im Tech-Bereich. Seit 2014 ist er Juror der Sendung »Die Höhle der Löwen«.

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