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"Die Jahre 2018 und 2019 waren ein Weckruf"

Der Klimawandel stellt die Wasserwirtschaft vor große Herausforderungen, warnt Wissenschaftler Fred Fokko Hattermann. Ein Interview

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© Foto: Adobe Stock

Die letzten beiden Sommer in Deutschland waren extrem heiß und trocken, im vergangenen Winter gab es so gut wie keinen Schnee. Woran liegt das? 
Das liegt daran, dass wir uns mitten im Klimawandel befinden. Die Temperaturen in Mitteleuropa sind jetzt schon im Durchschnitt 1,5 Celsius höher als im Jahr 1881, global liegen sie 1 Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Dadurch ist zwar natürlich nicht jeder einzelne Tag wärmer – aber in der Summe macht sich das deutlich bemerkbar. 

Sind Sie als Klimafolgenforscher von der Entwicklung des Wetters auch manchmal überrascht? 
Wir Klimafolgenforscher haben schon lange davor gewarnt, was auf uns zukommt. Aber mit welcher Wucht es eintritt, ist dann doch manchmal überraschend. Nehmen Sie zum Beispiel den Hitzesommer 2018: Den hatten wir so nicht auf dem Schirm. Das liegt auch daran, dass es sehr komplexe Wetterbedingungen waren, die nicht so einfach von Klimamodellen wiedergegeben werden können. Es herrschte sogenanntes Blockadewetter. Einfach gesagt bedeutet das, dass die Bewegung der riesigen Luftströme hoch oben in der Atmosphäre, die normalerweise dafür sorgen, dass sich die Wetterlagen recht schnell ändern, infolge der Erderwärmung verlangsamt werden. Das Wetter bleibt sozusagen "hängen" und aus ein paar heiteren Tagen wird eine fatale Hitzewelle.

Wird es auch in Zukunft mehr langfristige Wetterlagen geben?  
Ja, wir sehen das schon als Trend, dass es mehr stabile Wetterlagen geben wird. Diese müssen aber nicht trocken und heiß sein. Sie können auch zu lang anhaltendem Regen führen. Kurz gesagt nehmen also die Extreme zu. Auch Starkregenereignisse sehen wir häufiger. Im Sommer gibt es fast nur noch Gewitterniederschläge, also kurze und intensive Schauer. Die sind für die Pflanzen gar nicht so vorteilhaft, da der Boden zu trocken ist, um sie aufzunehmen. Der für Boden und Pflanzen ergiebige Landregen, der sich über Tage zieht – so einen haben wir im Sommer immer seltener, besonders in Ostdeutschland.

2018 und 2019 haben gezeigt, dass unsere Infrastruktur nicht auf die derzeitigen Wetterbedingungen ausgelegt ist.

Welche Folgen des Klimawandels sind besonders für die Wasserwirtschaft relevant?  
Zum einen natürlich die Dürre: 2018 und 2019 haben gezeigt, dass unsere Infrastruktur nicht mehr auf die derzeitigen Wetterbedingungen ausgelegt ist. Es hat sich zum Beispiel geändert, wie viel Wasser in die Wasserspeicher läuft. Wir bekommen in den letzten Jahren immer häufiger Rückmeldungen von Wasserwirtschaftsunternehmen wie "Uns ist ein Brunnen trockengefallen". Und das hat es früher so nicht gegeben.

Also ist Wassermangel das größte Problem? 
Nicht nur. Für die Siedlungswasserwirtschaft sind auch die Starkniederschläge problematisch. Das Wasser muss ja auch abgeführt werden. Abhilfe können hier Konzepte wie Entsiegelung und Speicherhaltung schaffen. Auf der anderen Seite können auch Flusshochwasser zur Herausforderung für die Wasserwirtschaft werden: wenn zum Beispiel alte Öltanks oder Klärwerke überflutet werden und das verschmutzte Wasser wieder in den Fluss fließt. An Talsperren wiederum müssen sowohl die Trockenheit als auch die Möglichkeit von häufigeren Hochwassern in Betracht gezogen werden. Das führt manchmal zu schwierigen Abwägungen – bis hin zur Überlegung, die Dämme anzupassen.

Gibt es innerhalb Deutschlands Unterschiede? Also Landstriche, die stärker von den Veränderungen betroffen sind? 
Es ist sehr schwer, regionale Aussagen zu treffen, was Trends in der mittleren jährlichen Niederschlagssumme betrifft. Denn wenn wir uns Europa anschauen, sehen wir deutlich: In Nord- und Westeuropa nehmen die Niederschläge eher zu, in Süd- und Osteuropa werden sie eher weniger. Und wir in Deutschland liegen eben genau dazwischen und müssen uns daher im Grunde an beide Szenarien anpassen. Was man sagen kann, ist, dass Bereiche, die Böden mit schlechter Wasserspeicherfähigkeit haben, härter getroffen werden. So können die Böden in Teilen von Ostdeutschland, zum Beispiel in Brandenburg, nur wenig Wasser speichern. Das sind Regionen, die haben einfach zu wenig Puffer. Aber auch in den meisten anderen Teilen Deutschlands hat die Bodenfeuchte in den letzten Jahrzehnten besonders im Sommer abgenommen. 

Gefährdet der Klimawandel auch die Versorgung der Menschen in Deutschland mit Trinkwasser? 
Nein. 120 Liter pro Kopf pro Tag – das werden wir in Deutschland auch weiterhin haben. Trotzdem: Die Infrastruktur, wie sie jetzt ist, ist noch nicht ausreichend angepasst. Das muss sich ändern.

Kann jeder einzelne Akteur diese Herausforderung für sich bewältigen? 
Ja, einige Dinge können auch einzelne Akteure gut machen: Oberflächen entsiegeln, mehr auf Vorratshaltung setzen und Ähnliches. Aber für viele Unternehmen ist auch ganz entscheidend zu wissen, wie viel Wasser mehr oder weniger kommen wird – und wann es kommen wird. Deshalb ist es gut und richtig, wenn sich Wasserwirtschaftsunternehmen, aber auch die Politik und Stadtplanung, externe Beratung von Fachleuten holen. Denn die Datenmengen und die Komplexität der Zusammenhänge können Laien oft nicht bis ins Detail durchblicken. Wer sich im Netz informieren will, kann dies zum Beispiel auf dem PIK-Portal tun. Ein weiteres Onlineangebot ist das des Climate Service Center in Hamburg.  Aber es gibt so viele Szenarien und Modelle – da hilft es, sich mit Experten auszutauschen, die auch individuelle betriebliche Fragestellungen beantworten können.


Hattermann

Ihre Einschätzung: Ist die Wasserwirtschaft sich des Ausmaßes der Veränderung ausreichend bewusst? Oder werden die Folgen des Klimawandels unterschätzt? 
Die Jahre 2018 und 2019 waren ein Weckruf für viele. Auch diejenigen, die bis dahin noch die Folgen des Klimawandels bezweifelt haben, beauftragen uns jetzt mit Studien. 

Bisher ging es in unserem Gespräch vor allem um Strategien, wie die Wasserwirtschaft sich an den Klimawandel anpassen kann. Gibt es denn auch Maßnahmen, die sie ergreifen kann, um den Klimawandel aufzuhalten?  
Natürlich kann die Wasserwirtschaft mit Energiesparen einen Beitrag leisten. Und: Der Wasserkreislauf gehört zum Klimakreislauf und Gewässer haben einen kühlenden Effekt. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, Oberflächengewässer zu erhalten und sauber zu halten.

Die Corona-Krise hat das Bewusstsein geschaffen, dass wir große Aufgaben meistern, wenn wir wirklich wollen.

Wie wird sich die Corona-Krise aufs Klima auswirken? 
Es wird eine kleine Delle geben, aber es wird eben einfach nur "weniger mehr" emittiert werden – und das werden wir leider sicher wieder schnell aufholen. Was die Corona-Krise aber aus meiner Sicht Positives bewirken könnte: Sie hat gezeigt, wie globalisiert wir leben, und dass wir eben nicht allein auf einer Insel existieren. Und sie hat das Bewusstsein geschaffen, dass wir gemeinsam etwas erreichen können. Dass wir große Aufgaben meistern, wenn wir wirklich wollen.

Zum Schluss eine Prognose, bitte: Welches Wetter erwartet uns im Sommer und Winter 2020? 
Genaue Wettervorhersagen, die über sieben Tage hinausgehen, sind schwierig – das Wetter ist einfach zu chaotisch. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir wieder mehr Sonnenstunden haben, dass es ein warmer Sommer wird und dass wir viele Tage ohne Niederschlag erleben werden. Dasselbe gilt für den Winter: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es wieder ein warmer, schneearmer Winter. Aber auch beim Wetter gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel. 

Interview: Kathrin Lohmann


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