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Drei Fragen an...

Wolfgang Büscher

Im Gespräch mit dem Autor und Reisejournalisten Wolfgang Büscher – über Europa, das Gehen und die Suche nach Besonderheiten.

Portrait Autor Wolfgang Büscher

© Robert Albrecht / BDEW

 

Herr Büscher, Europa hat viele Grenzen – politische, sprachliche, landschaftliche, historische. Welche hat Sie auf Ihren Reisen am meisten berührt?
Das war 2004, bei meiner Deutschlandreise, die imaginäre Grenze zwischen der lateinischen und nichtlateinischen Welt. Diese Zeit war noch sehr von den Nachwirkungen der Wiedervereinigung gekennzeichnet – also von der ganzen Ost-West-Diskussion, die jetzt gerade unter anderen Vorzeichen wieder hervorkommt. Mit diesem Ost-West-Bild im Kopf bin ich losgezogen – und angekommen bin ich mit der Erkenntnis, dass nicht die Mauer, sondern der Limes der wahre „Andreasgraben“ Deutschlands ist.

Die Spannung zwischen dem lateinischen und nicht-lateinischen Einfluss zeigt sich immer wieder: Reformation versus Gegenreformation, süddeutscher Barock versus norddeutsche Backsteingotik, Katholizismus gegen Protestantismus. Preußen gegen den Rest. Dieses deutsche Identitätstheater wurde auf meiner Reise in  Varianten aufgeführt.

In Ihren Büchern spielt die Erfahrung des Gehens eine zentrale Rolle. Lässt sich Europa besser verstehen, wenn man es zu Fuß erlebt, statt darüber zu reden?
Ich bin nicht nur in Europa unterwegs gewesen, sondern auch in Asien, in der Sahara, den USA. Europa unterscheidet sich durch seine Feinteiligkeit und Durchgegliedertheit. Europa ist wie ein Haus mit vielen Zimmern: Hinter jeder Tür tut sich ein neues Interieur auf, eine neue Kultur, eine neue Landschaft oder Sprache – und damit entstehen stets neue Bilder. Schon in der Kunstgeschichte kann man das sehen: Im Mittelalter oder der frühen Neuzeit sind Maler und Bildhauer herumgezogen; von Sachsen nach Böhmen, von Böhmen nach Norditalien und an den Niederrhein, haben voneinander gelernt.

Anderswo ist die Landschaft oft riesig und dabei gleichartig - die Wüsten, die Great Plains, Russland, der mittlere Westen der USA. Wenn ich dort unterwegs war, dann ging ich durch eine einzige Landschaft, die zwei Monate lang gleich bleibt. Europa hingegen verändert sich ständig. Hinter jeder Straßenbiegung gibt es etwas Neues zu entdecken – und genauso  viele Sprachen. Mein Fazit: Die Monotonie wohnt nicht in Europa.

Europa steht heute zwischen dem Drang nach Vereinheitlichung und dem Bedürfnis, regionale Eigenarten zu bewahren. Wie erleben Sie diesen Zwiespalt?
Als Reisender und Erzähler faszinieren mich immer die  Besonderheiten. Ich gehe ja nicht los, um Allgemeines zu beschreiben, sondern um das Besondere zu finden – so wie man am Strand entlang geht und nach schönen Steinen sucht. Natürlich gibt  es die Vereinheitlichung, eine allgemeine Benutzeroberfläche Europas, die Globalität, die gemeinsame Währung – Vereinfachungen, die den Alltag leichter machen.

Trotzdem bin ich überzeugt: Der Mensch bleibt der Mensch – und er wird immer das Besondere suchen. Deswegen ist das Bewahren des Regionalen und der Identität der Länder unverzichtbar.

 

Wolfgang Büscher

ist Reiseschriftsteller und Journalist, bekannt für seine weiten Reisen zu Fuß und literarischen Reportagen. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er mit seiner Wanderung von Berlin nach Moskau („Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß“, erschienen 2003). Seine Texte erscheinen in verschiedenen Medien und wurden mehrfach ausgezeichnet. Büscher gilt als Grenzgänger zwischen Literatur und Journalismus - dessen Reisen immer auch Erkundungen der Seele der durchwanderten Gebiete sind.

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