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Gastbeitrag Christian Schuldt:

Das Zeitalter der Krisen

Wie kann sich die vernetzte Gesellschaft gegen Unvorhergesehenes wappnen? Ein Auszug aus der Studie „Zukunftskraft Resilienz“.

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© Daria Fürst/BDEW

In einer Welt, die sich in vielerlei Hinsicht inmitten von historischen Veränderungsprozessen befindet, ist der Modus der Krise zum festen Bestandteil einer neuen Normalität geworden. Schon lange vor der Coronakrise hat sich die hoch vernetzte und globalisierte Welt zum Schauplatz einer beispiellosen Vielfalt an komplexen Krisen und Herausforderungen entwickelt. Die „Risikogesellschaft“, die der Soziologe Ulrich Beck bereits vor 35 Jahren beschrieb, hat eine neue, global vernetzte Dimension erreicht: Die Welt ist komplexer, dynamisierter und unvorhersehbarer denn je – und erzeugt damit vielschichtigere Problemlagen und neue Dimensionen von Gefährlichkeit.

Das Spektrum der Herausforderungen reicht von Wirtschafts-, Finanz- und Migrationskrisen, von Kriegen, (Cyber-)Terrorismus und gesellschaftlichen Umwälzungen – sei es durch technologische Disruptionen, durch wachsende soziale Ungleichheit oder die Effekte des demografischen Wandels – bis hin zu den massiven ökologischen Problemen unserer Zeit wie Naturkatastrophen, Artensterben, Ressourcenknappheit und dem fortschreitenden Klimawandel als einer Art chronischer Superkrise. Parallel dazu erhöht die hochkomplexe Bedürfnisstruktur heutiger Gesellschaften auch das Risiko sozialer und psychischer Krisen. Seit Anfang 2020 ist dieses Krisenkonglomerat zusätzlich überlagert von der Coronapandemie als größter globaler Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Es ist legitim, von einer „Ära der Krise“ zu sprechen.

Zwar haben die vergangenen Jahrzehnte auch viele positive Entwicklungen vorangetrieben, etwa die Zunahme des weltweiten Wohlstands oder eine höhere Sensibilisierung für menschenverursachte Risiken und Nachhaltigkeitsfragen. Generell jedoch vergrößert die globale Vernetzung auch die strukturellen Voraussetzungen für neue Dimensionen der gesellschaftlichen Selbstgefährdung, insbesondere durch menschenverursachte Krisen. Allen Katastrophenerfahrungen zum Trotz treten somit immer wieder Ereignisse ein, die vorhandene Puffer überstrapazieren und dysfunktionale Gefüge hinterlassen – so etwa die Fukushima-Katastrophe 2011, Jahrzehnte nach den Reaktorkatastrophen in Sellafield und Tschernobyl, um nur ein Beispiel zu nennen. Die neuen Risikopotenziale, denen Gesellschaften im 21. Jahrhundert ausgesetzt sind, machen den Umgang mit Unsicherheit zum zentralen Thema unserer Zeit.

Die Krise als Turning Point

Die Coronakrise hat drastisch vor Augen geführt, wie globale Pfadabhängigkeiten in einer komplex vernetzten Welt unser gewohntes Leben plötzlich aus den Fugen werfen können. Die Pandemie betrifft die ganze Welt und wirft die Frage nach einem zukunftsfähigen Zusammenspiel von Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft und Natur auf. Die Tatsache, dass die gesamte Menschheit erstmals eine derartige Tiefenkrise erlebt, die sämtliche Lebensbereiche berührt und unsere Normen und Werte infrage stellt, lenkt zugleich den Blick auf die konstruktiven Potenziale von Krisen. Denn echte Krisen verändern uns grundlegend und dauerhaft. Sie führen an einen Wendepunkt, der eine Entscheidung erfordert: festhalten am alten Status quo – oder den Aufbruch in die Neuerfindung wagen.

Im Kontext der Coronakrise heißt das vor allem: Wollen wir zurück in eine unerbittliche Wachstumsgesellschaft, die persönliche, soziale und planetare Grenzen übersteigt? Oder kann es uns gelingen, die Welt besser, sozialer und regenerierbarer zu gestalten? Indem die Pandemie viele der Selbstverständlichkeiten und strukturellen Logiken, die bislang den Status quo gebildet hatten, gleichzeitig ins Wanken gebracht hat, öffnet sie auch neue Möglichkeitsräume für den Abschied vom „Business as usual“.

Dass der Mythos vom ewigen Wachstum die planetaren Grenzen angreift und die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt, war schon vor der Pandemie immer klarer geworden. Die Coronakrise ist nun ein Weckruf, der nicht ignoriert werden kann – und die Frage nach der gesellschaftlichen Zukunftssicherung ins Zentrum stellt. Das neue pandemische Zeitalter erfordert ein radikales Umsteuern in allen gesellschaftlichen Aspekten. Und es treibt ein neuartiges, evolutionär-dynamisches Verständnis von Sicherheit voran.

Von Unsicherheit zu Resilienz

Die Netzwerkgesellschaft bietet keine langfristig stabilen oder verlässlich berechenbaren Strukturen mehr. Die Vorstellungen von Eindeutigkeit und Steuerbarkeit, die noch bis ins späte 20. Jahrhundert galten, sind endgültig passé. Beständigkeit ist unter vernetzten Vorzeichen immer nur punktuell oder phasenweise gegeben. Das enorm hohe Maß an Nichtwissen, die Fülle der „unknown unknowns“, stellt die interdependente, hyperkomplexe Welt des 21. Jahrhunderts vor die Frage: Wie sieht ein produktiver Umgang mit Krisen aus, die nicht prognostiziert werden können – oder noch nicht einmal gedacht sind?

Das erfordert auch ein neues, ein ganzheitlicheres und systemischeres Verständnis von Sicherheit. Je mehr sich Bedrohungen und Risiken ständig verändern, umso mehr muss Sicherheit verstanden werden als ein dynamischer, kontinuierlicher Prozess, als eine Variable, die ständig neu ausgehandelt und aufgebaut werden muss, individuell, organisational und gesellschaftlich. Bei der Suche nach Strategien, die eine permanente Annäherung an diese flüchtige Sicherheit ermöglichen, kann die Coronakrise hilfreich sein.

Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer bezeichnet sie sogar als „Lehrstück, um Leben mit der Ungewissheit zu üben“. Tatsächlich macht die kollektive Erfahrung der Verwundbarkeit klar: Jetzt ist die Zeit gekommen für ein Umschwenken auf Adaption und den Ausbau systemischer Schutzfaktoren.



Eine zentrale Voraussetzung dafür ist der endgültige Abschied vom alten, linearen Denken, das in viele Sackgassen geführt hat, sowie ein erweitertes Verständnis für die Entwicklungsdynamiken komplexer Systeme. Je mehr die hochkomplexen Herausforderungen der vernetzten Gesellschaft Ungewissheit und Unsicherheit steigern, umso wichtiger werden kluge systemische und intersektorale Kompetenzen und Konstellationen.

Die neuen Zukunftsfragen lauten: Wie können sich individuelle und soziale Systeme gegen Unvorhergesehenes wappnen? Was stärkt die Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten? Und was stiftet systemischen Zusammenhalt? Antworten finden sich im paradigmatischen Umschalten auf Komplexität und Adaption. Die 2020er-Jahre werden zum Jahrzehnt der Resilienz.

Christian Schuldt

ist für das Zukunftsinstitut als Studienleiter, Autor und Referent tätig. In seinen Publikationen erkundet der Soziologe den Kultur- und Medienwandel sowie die neuen Gesetzmäßigkeiten der vernetzten Gesellschaft. Als Experte für Systemtheorie ist sein Blick geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.

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