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Energiewende in Zypern:

Eine Insel sucht Anschluss 

Bei seinen Klimazielen hat Zypern einen umstrittenen Etappensieg errungen. Bis zur Klimaneutralität ist es aber noch weit.

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© Illu: Robert Albrecht/BDEW

Hätte Zypern einen Beziehungsstatus, er müsste „kompliziert“ lauten: Die ehemalige britische Kronkolonie gehört seit 2004 zur EU – zumindest rechtlich. Faktisch gilt das nur für den Süden der Insel, hier liegt die „Republik Zypern“. Der Norden ist unter der Kontrolle der „Türkischen Republik Nordzypern“. Völkerrechtlich anerkannt wird diese aber nur von der Türkei, die das Gebiet seit 1974 besetzt hält. Zwischen Nord und Süd verläuft die 180 Kilometer lange und bis zu mehrere Kilometer breite „Grüne Linie“ mit Mauern und Stacheldraht, bewacht von einer UN-Truppe. Außerdem gibt es zwei britische Militärbasen, die exterritorial als britische Überseegebiete gelten – ein Erbe der kolonialen Vergangenheit.

Zypern ist vor Malta und Luxemburg das drittkleinste Mitglied der Union, in der Republik leben etwa 850.000 Menschen als EU-Bürger, das ist weniger als ein Viertel der Einwohner Berlins. Der Energieverbrauch lag 2019 bei etwa 32 Terrawattstunden und damit unter 0,9 Prozent des Verbrauchs in Deutschland. Einen Spitzenplatz in der EU belegt Zypern aber, wenn es um den Import fossiler Brennstoffe geht. Knapp 90 Prozent seiner Energie kommen flüssig per Schiff auf die Insel, über 90 Prozent des zyprischen Stroms wird mit Schweröl in drei Kraftwerken erzeugt, die zusammen etwa 1.500 Megawatt leisten.

Abhängig von Energieimporten

Die Energieversorgung Zyperns ist typisch für eine Insel in der EU: isoliert von den Netzen auf dem Festland, abhängig von importiertem fossilen Treibstoff und Erneuerbare, deren Potenzial kaum ausgeschöpft wird. Neben einem hohen CO2-Ausstoß hat das auch hohe Energiepreise zur Folge. 2018 wurden vor Zypern bedeutende Erdgasvorkommen entdeckt, die potenziell eine autarke Energieversorgung bei günstigen Kosten versprechen. Allerdings sind auch die Ansprüche auf das Gas kompliziert. Dazu kommt, dass Zypern beschlossen hat, bis 2050 klimaneutral zu werden. Spätestens ab dann dürfte die Insel ihr Gas also gar nicht mehr verwenden. Wie bekommen die Zyprer Klimaziele, das Versprechen auf Erdgasreichtum und die Versorgungssicherheit unter einen Hut?

Etappenziel erreicht

Bereits 2010 hat sich Zypern der EU gegenüber zu einem ersten „National Renewable Energy Action Plan“ (NREAP) verpflichtet: Der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch sollte von 2,9 Prozent im Jahr 2005 auf mindestens 13 Prozent 2020 steigen. Zum Vergleich: Über die gesamte EU sollte der Anteil auf 20 Prozent wachsen. Für die einzelnen Sektoren hatte sich Zypern vorgenommen, 23,5 Prozent der Energie für Wärme und Kühlung, 16 Prozent der elektrischen Energie und 10 Prozent der Energie im Transportwesen aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen.



Schon 2018, zwei Jahre früher, konnte Zypern das Gesamtziel übererfüllen: Der Anteil der erneuerbaren Energien betrug da schon 13,9 Prozent. Dieser vermeintliche Erfolg beruhte aber zum großen Teil auf der ohnehin hohen Beliebtheit von Solarthermie in Zypern: Auf vielen Dächern sieht man entsprechende Anlagen, 46,84 Prozent des Warmwassers auf Zypern werden so erhitzt. Den Anteil Erneuerbarer an der Stromerzeugung verpasste Zypern knapp und bei der Mobilität scheiterte die Insel krachend: Mit etwa zwei Prozent ist Zypern das Schlusslicht der EU.
 

Solarenergie auf dem Vormarsch

Ob das Zwischenergebnis insgesamt eher ein Grund zum Feiern oder zum Klagen ist, darüber ist sich die zyprische Presse nicht einig. Das nächste Zwischenziel ist aber schon gesteckt, der neue nationale Plan  ist bereits mit der EU abgestimmt. Bis 2030 soll der Anteil der Erneuerbaren insgesamt auf mindestens 23 Prozent wachsen, bei der Stromerzeugung sollen es 26 Prozent sein. Eine Hauptrolle wird dabei die Photovoltaik spielen: Mit einer Einstrahlung von 2.000 Kilowattstunden pro Quadratmeter und 2.700 Sonnenstunden im Jahr ist Zypern ideal für Sonnenstrom. Aktuell sind etwa 380 Megawatt an Photovoltaik installiert, bis 2030 soll die Leistung auf 750 Megawatt steigen. Insgesamt könnte Solarenergie laut Experten bis zu 40 Prozent des Strombedarfs der Insel decken.

Bildergalerie: Zyperns Energieversorgung 

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Die Pläne für Windenergie sind weniger ehrgeizig. Erst 2010 wurde der erste Windpark der Insel in Betrieb genommen, heute gibt es fünf, zusammen leisten sie etwa 158 Megawatt. Bis 2030 sollen es 198 Megawatt sein. Damit beim Ausbau der Erneuerbaren die Versorgung gesichert bleibt, spielt der Anschluss Zyperns an kontinentale Stromnetze eine wichtige Rolle. Dafür sind gleich zwei Projekte in der Planung, zwei Unterseestromkabel sollen die elektrische Isolation Zyperns beenden und die Insel zum ersten Mal in ihrer Geschichte an das Festland anschließen.
 

Leitung zum Festland

Das eine Projekt ist der „EuroAfrica Interconnector“, der die Stromnetze von Ägypten, Zypern und Griechenland mit einem knapp 1.400 Kilometer langen Kabel verbinden soll. Die Stromleitung wird in bis zu drei Kilometern Tiefe verlegt  und hat eine Übertragungskapazi-tät von 2.000 Megawatt in beide Richtungen. Sie kann jährlich 17,5 Terawattstunden transportieren, weit mehr als die Jahresproduktion des Assuan-Staudamms. Der erste Abschnitt soll bis 2022 Ägypten und Zypern verbinden, das zweite Teilstück von Zypern nach Griechenland soll 2023 fertig werden.



Und dann wird der „EuroAsia Interconnector“ Zypern, Griechenland und Israel miteinander verbinden. Dazu werden auf 1.200 Kilometern Unterseekabel verlegt, auch hier in bis zu drei Kilometern Tiefe, auch diese Leitung hat in ihrer endgültigen Ausbaustufe eine Kapazität von 2.000 Megawatt. Alle Teilstücke des Kabels sollen ab 2023 einsatzbereit sein.




Beide Leitungen sind sogenannte Vorhaben von gemeinsamem Interesse (oder „Projects of Common Interest“, PCI), mit denen die EU den Energiebinnenmarkt vorantreibt. Für Zypern und den Ausbau der Erneuerbaren bedeuten die Leitungen, dass die Stromversorgung auf der Insel sicherer wird. Überschüssiger Strom aus Erneuerbaren wird abfließen und genutzt werden können, im Gegenzug kann bei Bedarf Strom aus den Nachbarländern nach Zypern fließen.
Nasos Ktorides, der zyprische Vorsitzender und CEO der beiden Interconnector-Projekte, sagte: „Die Verbindungen werden dazu beitragen, die Isolation unserer Energieversorgung zu beenden und damit die weitere Einbindung Erneuerbarer ermöglichen. Damit können sie auch zu einer Senkung der Strompreise beitragen.“  

Vision Green Energy Hub

Neben den beiden Stromleitungen ist eine weitere Verbindung zum Festland geplant: Bereits Anfang 2020 hatten Griechenland und Zypern mit Israel ein Abkommen über den Bau einer Erdgaspipeline im östlichen Mittelmeer geschlossen. „Eastmed“, so der Name der Pipeline, soll mit einer Länge von 1.872 Kilometern Erdgas, das vor den Küsten Zyperns und Israels gefördert wird, nach Griechenland und von dort aus zu weiteren EU-Staaten wie Italien transportieren. Bevor es so weit ist, gibt es noch einige Steine aus dem Weg zu räumen. Denn auch die Türkei erhebt Anspruch auf das Gas vor Zypern. Außerdem schreiten die Probebohrungen langsamer voran als geplant und die Fertigstellung der Pipeline wurde um zwei Jahre nach 2027 verschoben. Dazu mehren sich die Stimmen, die das Gas am liebsten gleich unter dem Meer lassen würden und stattdessen auf Erneuerbare setzen wollen.

Präsident Nikos Anastasiadis sieht die Gasvorkommen aber als wichtigen Teil der Energieversorgung Zyperns, das betonte er nochmal im Dezember 2020 bei einem Energieforum in Nikosia. Geht es nach ihm, wird Zypern zum „Clean Energy Hub“ mit einer Mischung aus Erneuerbaren und Erdgas, als Nexus im neuen Netz aus Stromleitungen und Pipeline. Wie realistisch diese Vision ist und bis wann sie wahr werden kann, lässt sich kaum sagen. Und so plant die EAC zunächst für die unmittelbare Zukunft – auch ohne Leitungen zum Festland. Für insgesamt 152 Millionen Euro modernisiert die Behörde ihr größtes Dieselkraftwerk, ein kombiniertes Gas- und Dampf-Kombikraftwerk wird die Schwerölbefeuerung eines Blocks ersetzen. Das spart schon mal CO2 und erlaubt ein flexibleres Reagieren auf Nachfrageschwankungen. Eine wichtige Voraussetzung für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren – auch ohne Strom vom Festland.

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