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Rostocker Oberbürgermeister:

„Smile City ist mehr als Smart City“

Digitale Stadtverwaltung mit menschlichem Antlitz? Durchaus möglich, findet Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen. 

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© Merle Schenker / BDEW

Claus Madsen, was kann man sich unter Ihrem Projekt Smile City Rostock vorstellen? Geht es da vorrangig um Digitalisierung und Breitbandausbau?
Es ist weitaus mehr als das. Technisch gesehen, steht natürlich der Breitbandausbau im Vordergrund. Wir schließen aktuell alle Lücken, insbesonderen in den Gewerbegebieten, und bauen die Glasfasernetze in Richtung Schulen aus. Außerdem optimieren wir die offenen Hotspots für unsere Bürgerinnen und Bürger. Parallel ziehen wir 5G hoch, denn es geht ja nicht nur ums schnelle Surfen im Internet, IP-basiertes Fernsehen und den Austausch von Daten.

Wir möchten schon jetzt unsere Infrastrukturen fit für die IoT-Dienstleistungen von Morgen machen, beispielsweise eine autonom ablaufende Müllabfuhr oder einen automatisierten ÖPNV. Das ist aber nur die technische Seite. Das Projekt heißt ganz bewusst „Smile City“ und nicht „Smart City,“ weil es um die Fortführung einer technisch smarten, vernetzten Stadt hin zu einer menschenfreundlichen, vernetzten Stadt geht. Das eigentliche Ziel ist, dass wir gemeinsam glücklich leben möchen - und dabei einerseits die Vorteile der Digitalisierung voll mitnehmen, andererseits aber nicht vergessen, die analoge Welt einzubinden.

Wie soll das konkret aussehen?
Wer heute eine Baugenehmigung braucht, der bekommt es mit einer Vielzahl von Ämtern zu tun, zu denen er keinen persönlichen Bezug hat: vom Bauamt über Liegenschaftsamt und Grünflächenamt bis hin zum Amt für Stadtplanung. Ich frage mich: Wieso haben wir nicht einfach ein Amt für Baugenehmigungen?



Nächstes Beispiel: Wenn heute eine Rostockerin oder ein Rostocker geboren wird, dann müssen sich die Eltern als Erstes um irgendwelchem Papierkram kümmern, zum Standesamt gehen und so weiter. Warum haben wir nicht ein Amt für Familien? Warum kümmern wir uns als Stadt nicht um den Papierkram der Eltern? Dann haben die Eltern wiederum mehr Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. So kann es ein Leben lang weitergehen. Wir können die Eltern rechtzeitig auf die Anmeldung zur Schule hinweisen, ihnen persönlich zugeschnittene Freizeitangebote machen – und vieles mehr. Der Ansatz ist im Grunde: Bürgernähe ein Leben lang, angefangen bei der Geburt. 

Da werden Sie in der Verwaltung aber einiges umkrempeln müssen, die Strukturen sind ja jahrzehntealt und technisch oft vorsintflutlich ausgerüstet.
Absolut. Wir machen eine Vielzahl von Workshops auf allen Ebenen: von den Sachbarbeitern bis hin zu den Führungskräften. Wir setzen uns mit ihnen zusammen und fragen sie: „Wie müsste unser Amt für Baugenehmigungen aussehen, damit wir Deutschlands schnellste Baugenehmigung auf die Beine stellen?“ Wir müssen künftig alle Menschen, die für eine Baugenehmigung erforderlich sind, in einem – gegebenenfalls virtuellen - Raum haben, auch wenn sie ursprünglich aus ganz unterschiedlichen Ämtern kommen. Weg von hierarchischen Strukturen, hin zu projektbezogenem und lösungsorientiertem Denken.

Und was die technische Ausstattung angeht: Ich propagiere ein gesundes Maß an radikalen Ideen. Warum zahlen wir Kommunen eigentlich keine Abwrackprämie für jedes Faxgerät, das nachweislich vernichtet und durch zukunftsfähige digitale Produkte ersetzt wird?

Stoßen Sie da nicht auf Widerstände?
Das kommt vor. Den Digitalisierungskritikern mache ich immer grundsätzlich ein Angebot: Sie haben 15 Minuten Zeit, mich davon zu überzeugen, dass die Digitalisierung nicht kommt. Das ist bisher noch keinem gelungen. Letztlich geht es aber vor allem um die Frage, wie man Menschen motiviert. Wenn Sie in der Automobilfertigung am Fließband arbeiten und jeden Tag immer nur an einer bestimmten Stelle drei Schrauben reindrehen, dann haben Sie keine besondere Identifikation mit dem Endprodukt. Es ist Ihnen im Grund auch egal, was die Kollegen vor und nach Ihnen am Fließband machen.

Wenn Sie hingegen befähigt werden, an jeder Stelle der Produktion mitzuarbeiten und damit zumindest in der Theorie das Auto komplett selbst zusammenbauen könnten, sieht das ganz anders aus. Genau das ist meine Hoffnung. Vielleicht ist es am Endes des Arbeitstages für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein besseres Gefühl und ein schöneres Arbeitsergebnis, wenn sie eine Baugenehmigung in kürzester Zeit ermöglicht haben, anstatt durch einen langwierigen Prozess zu erschweren.

Ein Argument gegen die Digitalisierung ist ja auch immer die Sorge, Menschen könnten ihre Arbeitsplätze verlieren. 
Wir treten ja nicht an, um Arbeitsplätze abzubauen. Was ich aber machen möchte: Menschen von eintönigen Tätigkeiten befreien. Viele davon können automatisiert werden. Dann haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter viel mehr Zeit, sich um echte Bürgerprobleme mit persönlicher Betreuung zu kümmern, zum Beispiel wenn jemand eine Leseschwäche hat oder mit dem Rechner nicht klarkommt. Dadurch werden wir als Verwaltung menschlicher. Und ich möchte auch behaupten, dass die Arbeit mit Menschen mehr Spaß macht als mit Aktenbergen. Irgendwann wäre mein Traum der einer One-Stop-Behörde: Sie kommen rein und Ihnen wird geholfen – ganz egal, was Sie für ein Thema haben.

Braucht es für eine digitale Verwaltung nicht auch einen digitalaffinen Bürger?
Das Mindset muss natürlich bei allen Beteiligten passen. Ich mache mir da aber bei unseren Bürgerinnen und Bürgern keine Sorgen. Man sieht es ja beim Homebanking: Das kriegen inzwischen die Menschen quer über alle Altersgruppen problemlos hin. 

Sie setzen auf den Austausch mit skandinavischen Partner- und Kooperationsstädten. Was können wir von den Skandinaviern lernen?
Es ist vor allem das pragmatische Mindset: Einfach mal loslegen, Mut auch zum Fehlermachen. Das bedeutet natürlich auch die verlässliche Rückendeckung von der obersten Ebene; dass es okay ist, wenn man mal ein Fehler passiert – solange daraus gelernt wird. Die Skandinavier sind sehr stark darin, nicht perfekt zu sein. Und sie teilen ihr Wissen gerne. Wir sind in regelmäßigem Austausch – und wenn uns eine Idee dort gefällt, dann übernehmen wir sie, ohne dass dort jemand beleidigt wäre.



Aus diesem Grund bieten wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch Gastaufenthalte in unseren Freundschaftsstädten in Skandinavien an. So können sie die dortige Verwaltung und Denke kennenlernen. Natürlich sind ebenso auch die Dänen, Schweden und Finnen jederzeit bei uns willkommen. 

Gibt es auch einen innerdeutschen Austausch oder Wissenstransfer?
Ja, und der ist enorm wichtig. Wir waren neulich in Münster, weil die Stadt in Bezug auf Fahrradinfrastruktur führend ist und wir von den Machern lernen wollten. Es kam spontan die Idee auf, einen Fahrradplaner aus Münster „auszuleihen“, so dass er mal eine Weile bei uns arbeitet. Wir konnten den Münsteraner Bürgermeister glücklicherweise für diese Idee gewinnen und sind sehr dankbar dafür. Das bringt den ganzen Gedanken der Städtepartnerschaften auf eine ganz neue Ebene! Warum sollen diese Partnerschaften denn nur in den Themenfeldern Kultur, Sport oder Wirtschaft gelebt werden? Warum nicht auch bei der Frage, wie die Verwaltungen bürgernäher und effizienter werden können? Ich glaube, gemeinsam können die experimentierfreudigeren Kommunen diejenigen, die noch einen halben Schritt hinterher sind, mit nach vorne ziehen. Auf lange Sicht helfen uns ja keine Insellösungen, sondern wir brauchen deutschlandweite Systeme und Vorschläge.

Sie haben viel vor. Wie behält man da den Überblick?
Vor allem mit Transparenz. Aktuell erarbeiten wir einen genauen, für alle online einsehbaren Zeitstrahl für das, was ich „Rostocker Jahrzehnt“ nenne. Da zeigen wir auf, was wir in den nächsten zehn Jahren in den Ressorts wie Mobilität, Digitalisierung, Kultur, Sport, Bürgerdienstleistungen etc. vorhaben. Darauf bauend wird es auch eine öffentliche Rostocker Umweltuhr geben, denn wir wollen spätestens 2035 CO2-neutral sein. Alle Bürgerinnen und Bürger sehen: Liegen wir vor der Zeit oder hängen wir hinterher?



Und es bekommt jeder, der möchte, seine persönliche Umweltuhr in Form einer App. Sie zeigt dem Einzelnen spielerisch seinen Impact: Wenn ich mich beispielsweise heute früh entscheide, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, dann habe ich ein, zwei Sekunden gutgeschrieben auf meiner Uhr. Fliege ich hingegen nach Mallorca, habe ich plötzlich acht Minuten Verspätung. Anderes Beispiel: Wir spendieren 1.000 Bäume – und erwarten dann aber auch, dass die Bürger gemeinsam mit uns die Bäume pflanzen. Der gesamte Ansatz beruht also auf einer echten, aktiven Bürgerbeteiligung. 

Gibt es bei dem ganzen Smile City Projekt auch eine Zusammenarbeit mit Versorgungs- und Energieunternehmen und wie sieht die aus, wenn ja?
Unbedingt. Viele wissen ja gar nicht, dass gerade die Stadtwerke echte Innovationsschmieden und -treiber sind. Denn sie sind seit Jahren damit befasst, smarte Systeme zu entwickeln. Und sie haben wichtige Schnittstellenfunktion zwischen den Sektoren Strom, Gas, Wärme, Mobilität. Deswegen arbeiten wir eng mit ihnen zusammen und versuchen, uns gegenseitig mit Ideen zu befruchten. Im Idealfall ergibt sich daraus ein Mehrwert. Smile City hat ein Budget von zwölf Millionen Euro. Meine Hoffnung ist, dass jedes Mal, wenn wir einen Euro in ein Projekt geben, unsere Partner und Unterstützer die Idee weitertragen und aus einem Euro gefühlte zehn Euro werden. Dann haben wir nachher nicht für den Prozess 12 Millionen, sondern 120 Millionen. Nur so hat Smile City eine starke Bedeutung.

Was ist Ihr Learning aus der Pandemie?
Sie hat nicht nur als Beschleuniger für Innovationen gesorgt, sondern auch für das Verständnis, dass die Welt nicht so bleiben kann, wie sie gestern war. Unsere kleine Herausforderung geht dahin, ob wir an diesem Mindset eine Weile festhalten können. Wir müssen den Menschen dauerhaft verständlich machen, dass wir ja nicht nur eine, sondern mehrere globale Herausforderungen haben, bei der jeder Verantwortung besitzt und seinen Beitrag - im Guten wie im Schlechten – leisten kann. Gesetze und Verordnungen können immer nur Rahmen abstecken – entscheidend ist aber doch, wie der und die Einzelne sich verhält. Und da muss wirklich jeder ein Stück weit mitziehen. Daher hängt bei uns im Büro auch der Leitsatz „Nicht some do all, sonder all do some. Also: „Nicht ein paar Leute kümmern sich um alles“, sondern „jeder kümmert sich ein bisschen.“

Herr Madsen, vielen Dank für das Gespräch.

Claus Ruhe Madsen


ist ein dänischer Unternehmer und Kommunalpolitiker. Seit September 2019 ist er Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock, zuvor war er von 2013 bis 2019 Präsident der Rostocker Industrie- und Handelskammer.

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