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Rohstoffe für die Transformation

– eine Spurensuche

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Ralph Watzel, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

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© Daria Fürst / BDEW

Die Transformation zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft verändert die Rohstoffbedarfe. Während der Einsatz von fossilen Energieträgern drastisch reduziert werden soll, wächst der Bedarf an metallischen Rohstoffen für die Energiewende – vor allem in Bezug auf Hochtechnologiemetalle. So werden beispielsweise schwere Seltene Erden in Antriebsmotoren für Elektroautos sowie in Windkraftanlagen eingesetzt. Lithium und Kobalt werden für Lithium-Ionen-Batterien benötigt – und Iridium und Scandium sind in der Wasserelektrolyse Bausteine zur Herstellung von grünem Wasserstoff.

Um die international vereinbarten Klimaziele zu erreichen, dürften die künftigen Metallbedarfe für ausgewählte Technologien die heutigen Produktionskapazitäten um ein Vielfaches überschreiten. Neben den steigenden Metallbedarfen gibt es aber noch weitere Herausforderungen auf den internationalen Rohstoffmärkten und bei der Rohstoffversorgung.

Die aktuelle Lage auf den Rohstoffmärkten

China ist derzeit der weltgrößte Rohstoffproduzent und -verarbeiter. Ziel Chinas ist es, dass sich seine Rohstoffpolitik in Zukunft stärker an der Binnennachfrage orientiert. Ab 2060 will das Land klimaneutral sein, so dass die Kapazitäten der energieintensiven Rohstoffproduktion weiter reduziert werden sollen. 2021 sorgten bereits kurzfristige Produktionsschließungen bei Magnesiumanlagen im Zuge von Energieeinsparungen für erhebliche Preissteigerungen auf dem Weltmarkt, da China einen Anteil von 85 Prozent an der globalen Magnesiumproduktion hält. Vor diesem Hintergrund dürfte sich Chinas Rolle als günstiger Lieferant für Rohstoffprodukte in Zukunft noch stärker ändern.

Die Förderung und Verarbeitung von Rohstoffen hat weltweit große Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Bei einem Umbau hin zu einer klimaneutralen und nachhaltigen Wirtschaft werden auch die sozialen und ökologischen Anforderungen an den Rohstoffsektor wachsen. Vor dem Hintergrund teils stark steigender Rohstoffbedarfe für ausgewählte Technologien stellt dies eine Herausforderung für die Bergbauindustrie und die nachgelagerte Weiterverarbeitung dar. 

Die Covid-19-Pandemie hat weltweit für Produktionsstörungen gesorgt. Im Zuge der rasanten Wiederbelebung der Weltwirtschaft im Herbst 2020 kamen mancherorts die Logistikkapazitäten an ihre Grenzen und der Transportsektor aus dem Takt. Weitere Ereignisse wie die Blockade des Suezkanals oder pandemiebedingte Sperrungen ganzer Hafenanlagen führten dazu, dass die Logistikprobleme auf See bis heute weltweit anhalten. 

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine stehen jetzt für viele Unternehmen und die europäische Politik die Verringerung der Abhängigkeiten von russischen Rohstoffen im Fokus. Dies stellt insbesondere bei den Energierohstoffen, aber auch bei ausgewählten Metallen eine große Herausforderung dar – insbesondere für Deutschland und Europa.

Was bedeutet das für Deutschland und Europa?

Die aktuelle Lage auf den Rohstoffmärkten führt in Deutschland und Europa zu deutlich gestiegenen Importkosten für metallische Rohstoffe und Energierohstoffe sowie zu starken Preisvolatilitäten. Es kommt anhaltend zu Versorgungsengpässen bei verschiedenen Produkten. Die Just-in-time-Produktion mit Vorprodukten aus dem asiatischen Raum funktioniert teilweise nicht mehr. 

Die gesamte deutsche Industrie leidet derzeit unter den extrem hohen Preisvolatilitäten bei vielen Rohstoffen sowie unter den stark angestiegenen Energiepreisen infolge des Ukraine-Kriegs, der die Situation zusätzlich verschärft hat. Neben den Energierohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle ist die Russische Föderation auch beispielsweise bei Raffinadenickel und Titanerzeugnissen ein wichtiger Lieferant für Deutschland. 

Im europäischen Rohstoffsektor haben Aluminium- und Zinkproduzenten bereits aufgrund der hohen Energiekosten ihre Produktion gedrosselt und Kapazitäten reduziert. Nachgelagert sind auch die Lagerbestände in Europa drastisch gesunken. 

Strategien zur resilienteren und nachhaltigeren Rohstoffversorgung

Die aktuelle Versorgungskrise bei Rohstoffen und Zwischenprodukten zeigt die Verwundbarkeit einzelner Handelspartner angesichts einer starken globalen Verflechtung und der damit verbundenen wechselseitigen Abhängigkeiten – vom Bergbau über die Verarbeitung bis hin zur Industrieproduktion und den internationalen Handel. Deutschland und Europa werden daraus Schlüsse ziehen müssen, um die Rohstoffversorgung zukünftig resilienter und nachhaltiger zu gestalten. 

Strategien zur Steigerung der Resilienz sollten darauf abzielen, Abhängigkeiten zu reduzieren und die Versorgung auf ein breiteres Fundament zu stellen. Lieferquellen sind zu diversifizieren, auch wenn die Suche nach alternativen Produzenten auf stark konzentrierten Metallmärkten schwierig ist. Auch die Rückbesinnung auf den Bergbau und die Ausweitung der Verarbeitungs- und Recyclingkapazitäten innerhalb Europas können einen Beitrag leisten. 



Strategien zur Steigerung der Nachhaltigkeit müssen die Auswirkungen der Rohstoffwirtschaft stärker in den Blick nehmen. Dazu hat zum Beispiel die Bundesregierung das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) verabschiedet, das ab 2023 stufenweise in Kraft treten wird. Die sozio-ökologische Verantwortung und die Lieferketten der Unternehmen werden zukünftig stärker im Fokus stehen. Zudem können auch kürzere Transportwege in der Rohstoffwirtschaft durch verstärkte Rohstoffgewinnung unter hohen Umwelt- und Sozialstandards in Deutschland und Europa einen sinnvollen Beitrag zum nachhaltigen Wirtschaften leisten.

Prof. Dr. Ralph Watzel…

...ist Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Der promovierte Geologe und Geophysiker war zuvor von 2001 bis 2006 als Referent für Nachhaltiges Wirtschaften im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg und von 2006 bis 2016 als Leiter des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau dieses Bundeslandes tätig.

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