Die Energiewende ist ein Rennen gegen die Zeit: Bis 2030 sollen die Treibhausgase in der EU um mindestens 55 Prozent und in Deutschland um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken. Das Ziel: Klimaneutralität bis 2050 in der EU, beziehungsweise 2045 in Deutschland.
Jeder ist betroffen - von Haushalten und Kommunen über Industrie bis zu Energieunternehmen. Dabei steht die Politik vor einem schwierigen Balanceakt: Klimaschutz, bezahlbare Energie und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit müssen gleichzeitig gelingen. Wie herausfordernd dieser Balanceakt ist, zeigt der 2025 veröffentlichte Energy Transition Index (ETI) des World Economic Forum (WEF). Der Index misst sowohl die Leistungsfähigkeit von Energiesystemen – also Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit – als auch die strukturelle Bereitschaft für eine klimafreundliche Zukunft. An der Spitze des Indexes stehen Schweden, Finnland und Dänemark: Länder mit robuster Infrastruktur, hohem Anteil kohlenstoffarmer Energien und einer langfristig stabilen Energiepolitik, so das WEF.

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Investieren mit Sicherheit
Allein in Deutschland müssen für Netzausbau, Speicher und andere Infrastrukturen bis 2030 mehr als 720 Milliarden Euro – jährlich also rund 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – investiert werden, prognostiziert der EY Fortschrittsmonitor 2025 (siehe auch Grafik). Doch wer investieren soll, der braucht Sicherheit – und genau diese vermissen fast alle Beteiligten, von den Bürgerinnen und Bürgern bis hin zu Industrie und Wirtschaft. Denn auch beim Rennen gegen die Zeit geht es – wie im Motorsport – nicht ohne Leitplanken, sagt Max Ostermayer, Projektleiter Finanzierung der Energiewende beim Think Tank Agora Energiewende: „2025 hat mit Verkaufsrekorden bei Wärmepumpen und einem Anstieg neuzugelassener E-Autos gezeigt: Haushalte sind zum Umstieg bereit, auch dank Förderung und Vorgaben wie den EU-Flottengrenzwerten. Um das erforderliche Tempo beim Hochlauf von Zukunftstechnologien zu erreichen, müssen Marktanreize, Förderung und Regulatorik klug ineinandergreifen und in eine Richtung zeigen.“

Ein weiterer Faktor rückt zugleich in den Vordergrund, sagt Ostermayer: „Die Energiewende spielte sich lange Zeit vor allem in der technischen Dimension ab. Jetzt geht es zunehmend um die verbrauchernahen Sektoren Gebäude und Verkehr. Damit rückt die Energiewende näher an die Lebensrealitäten der Menschen – die müssen sich auf eine sozial gerechte und bezahlbare Umsetzung verlassen können.“
Stabiler Rahmen, vernetzte Umsetzung
Die 2024 veröffentlichte und im Januar 2025 aktualisierte Studie „Klimaneutrales Deutschland“ ergänzt den bisherigen Befund um eine weitere Dimension: Weder CO2-Preis noch Regulierung oder Förderungen allein reichen aus. Erst ihr Zusammenspiel schafft Effizienz, Investitionssicherheit und soziale Balance. Rund drei Viertel der bis 2045 notwendigen Investitionen würden ohnehin anfallen – entscheidend sei nun, das Kapital gezielt in klimaneutrale Technologien zu lenken. Zusätzliche Mittel von durchschnittlich etwa drei Prozent des BIP pro Jahr erscheinen volkswirtschaftlich tragfähig, zumal viele Maßnahmen – etwa erneuerbare Energien und Stromnetze – sich über Markterlöse refinanzierbar seien.
Masterplan mit Flexibilität
Für das Gelingen der Energiewende ist ein verbindlicher, sektorübergreifender Plan mit klaren Zielvorgaben unerlässlich. Politische Strategien müssen Infrastrukturzyklen von 30 bis 40 Jahren abbilden, nicht nur Legislaturperioden, sagt Robert Zurawski, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Vattenfall: „Wir investieren in große Anlagen, die stehen die nächsten 30 Jahre. Mit Investitionsvorlauf planen wir über mindestens 35 Jahre. Ändern sich alle drei bis vier Jahre die Bedingungen, schreckt das Investoren ab.“ Verlässliche Ausbaupfade für erneuerbare Energien, Netze und Speicher, transparente Zeitpläne für den Ausstieg aus fossilen Technologien sowie rechtlich abgesicherte Zielkorridore senken Kapitalkosten und stärken Vertrauen.
Die Planung darf dabei nicht isoliert erfolgen - die Realität zeigt, dass Strom, Wärme, Mobilität und Industrieprozesse immer mehr zusammenwachsen. Kommunale Wärmeplanung, Netzausbau und Flächenplanung für Wind- und Solarenergie müssen also integriert gedacht werden.

Es geht aber auch um die Kommunikation: Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender von RWE, kritisierte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, lange habe der Fokus auf Abschaltdebatten gelegen statt auf Investitionen in neue gesicherte Leistung: „Einseitige Debatten verteuern Übergangsphasen“. Ganz am Ende liegt die Herausforderung in der Umsetzung, sagt Corinna Enders, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energieagentur (dena). „Für mich ist das die große Frage der Transformation: Können wir noch priorisieren oder müssen wir nicht alles gleichzeitig anpacken?“
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