Herr Knies, mit dem Wärmeplanungsgesetz hat die Ampel-Koalition 2023 eine verpflichtende kommunale Wärmeplanung eingeführt – mit Fristen bis 2026 beziehungsweise 2028. Was ist seitdem passiert?
Man kann klar sagen: Die Energiewende ist mittlerweile in den Städten angekommen. Was wir im ländlichen Raum seit Jahren kennen – Debatten über Windenergie, Photovoltaik oder Stromtrassen – findet nun zunehmend auch im urbanen Kontext statt. Kommunen beschäftigen sich heute deutlich strategischer damit, wie sie künftig Energie bereitstellen und nutzen wollen. Das ist grundsätzlich sehr positiv.
Es hakt aber noch bei der Frage nach den Rollen einzelner Technologien. Die Diskussion um die sogenannte Technologieoffenheit hat Entscheidungsprozesse teilweise verlangsamt. Wasserstoff etwa wird eine wichtige Rolle spielen – aber eher nicht für die Warmwasserbereitung im Einfamilienhaus, sondern vor allem in industriellen Prozessen.
Einige Städte, etwa Hamburg, haben das sehr klar herausgearbeitet. Diese Klarheit brauchen Unternehmen, um investieren zu können. Hinzu kommt: Mit der Wärmeplanung rücken plötzlich Fragen auf die Tagesordnung, die bisher wenig, und wenn, dann in einem anderen Kontext diskutiert wurden – etwa Preistransparenz, Regulierung von Wärmenetzen oder soziale Aspekte. Wärmeversorgung ist eben nicht nur ein technisches Thema, sondern auch ein soziales.
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Gleichzeitig ist das Gebäudeenergiegesetz politisch umstritten und soll nun überarbeitet werden. Welche Auswirkungen erwarten Sie von dieser Reform auf die kommunale Wärmeplanung?
Es ist festzuhalten, dass das Ziel der Dekarbonisierung der Wärmeversorgung weiter bestehen bleibt, der Weg dahin muss machbar sein. Und die Mittel müssen die Erreichbarkeit des Ziels ermöglichen. Somit bleibt die kommunale Wärmeplanung als strategisches Planungsinstrument erhalten und wird weiterhin Orientierung bieten.
Die aktuell diskutierten Änderungen können auf unterschiedlichen Ebenen Auswirkungen haben. Zunächst: Der Umstieg auf eine Wärmepumpe ist weiterhin eine sinnvolle und vom Staat geförderte Option. Die Grüngasvorgaben aka „Bio-Treppe“ für Gasheizungen können zwar in bestimmten Fällen den Entscheidungsdruck lindern. Es ist allerdings unklar, woher das klimaneutrale Gas in der benötigten Menge und zu welchen Preisen kommen soll. Hier setzt eine kompetente Beratung an, ob unter Vollkostenaspekten eine neue Gasheizung wirklich besser als eine Wärmepumpe sein wird.
Was vergessen wird: Es wird nicht nur das Gebäudeenergiegesetz geändert. Auch das Wärmeplanungsgesetz und weitere Gesetze werden geändert. Es ist festzuhalten, dass die Aktualisierungszyklen zu schnell sind. Wünschenswert wäre es, Erfahrungen zu sammeln, bevor eine Novellierung angestoßen wird. Es gilt, die Rechtskonformität im Blick zu behalten.
Die kommunale Wärmeplanung ist strategisch angelegt, während das zukünftige Gebäudemodernisierungsgesetz konkrete Anforderungen an einzelne Gebäude stellt. Wie stabil ist dieses Zusammenspiel, wenn sich bundesrechtliche Vorgaben verändern?
Das aktuelle und zukünftige Gebäudeenergiegesetz sagt aus, was wann kommt. Die Wärmeplanung sagt aus, was wo sinnvoll ist. Daher gibt es einen fachlichen Zusammenhang, aber keine Zwangsläufigkeit. Klimaneutrale Gase werden schon heute in der kommunalen Wärmeplanung berücksichtigt, wobei der fachliche Konsens besteht, dass diese Gase in erster Linie für Industrieprozesse vorgesehen sein werden. Die ins Gespräch gebrachte „Bio-Treppe“ sorgt nun dafür, dass Entscheidungen – beispielsweise bei Wohnhäusern - verschoben und die kommunale Wärmeplanung konterkariert werden kann. Wenn nun in dezentralen Versorgungsgebieten gemäß Wärmeplan einige Menschen weiter auf Gasheizungen setzen und auf die „Bio-Treppe“ hoffen, kann dies zu einem teuren Nebeneinander von Infrastrukturen (Ausbau des Stromnetzes und Weiterbetrieb des Gasnetzes) führen. In besonderem Maße gilt dies auch in potenziellen Fernwärmegebieten, in denen dann unter Umständen die erforderliche Anschlussdichte nicht mehr erreicht werden kann.
Vor diesem Hintergrund werden die Kommunen noch stärker gefordert sein; die Kommunikation mit den Menschen vor Ort muss intensiviert werden. Mit der „Bio-Treppe“ wurde auf den ersten Blick zwar Flexibilität ermöglicht, gleichzeitig wird damit ein weiterer Unsicherheitsfaktor eingeführt, wenn zum Beispiel über zukünftiges Biogas aus der Ukraine gesprochen wird. Es ist schlicht nicht die Aufgabe von Kommunen und Stadtwerken, geopolitische Unwägbarkeiten in ihre örtliche Planung vollumfänglich einzubeziehen. Die Wärmeplanung hat das Potenzial, Entscheidungsunsicherheiten zu nehmen und Leitplanken für eine erfolgreiche Dekarbonisierung zu setzen. Warten auf eine mögliche „Bio-Treppe“ ist daher keine Strategie.
Welche Erwartungen an die kommunale Wärmeplanung sind realistisch – und wo werden Hoffnungen geweckt, die so nicht erfüllt werden können?
Zentral scheint mir: Die kommunale Wärmeplanung ist eine strategische, vorbereitende Planung – kein Umsetzungsprogramm. Sie zeigt Entwicklungspfade und Wahrscheinlichkeiten auf, ist aber nicht unmittelbar verbindlich. Genau darin liegt ein häufiges Missverständnis. Viele Bürgerinnen und Bürger, aber auch Unternehmen, fragen sofort: „Was bedeutet das konkret für mich?“ Diese Lücke zwischen Planung und Umsetzung ist derzeit eine der größten Herausforderungen.
Ein bunter Plan allein reicht nicht – es braucht Formate, die erklären, begleiten und einordnen. Historisch betrachtet ist das nichts Neues: Als in den 1960er und 70er-Jahren in einigen Regionen die Verteil- und Ortsnetze ausgebaut wurden, organisierten Stadtwerke beispielsweise Kochkurse, um den Nutzen elektrischer Herde zu vermitteln. Auch heute geht es darum, Nutzen erlebbar zu machen – und nicht nur langfristige Amortisationen zu erklären.
Was macht die kommunale Wärmeplanung für viele Bürgerinnen und Bürger darüber hinaus schwer greifbar?
Dass es ganz schnell sehr persönlich wird: Es geht um das eigene Haus, um Kosten, um Lebensphasen, um Zukunftsängste. Ob Mieterin oder Eigentümer: Die Wärmewende betrifft alle – wenn auch mit unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass die politische und mediale Debatte lange kein verlässliches Entscheidungsumfeld geschaffen hat.
Begriffe wie „Heizungshammer“ oder „Zwang zur Wärmepumpe“ haben viel Verunsicherung erzeugt. Gleichzeitig kursieren Pauschalisierungen, etwa zur Lautstärke von Wärmepumpen. Was hilft, sind echte Dialogformate: Infotage, Quartiersgespräche, Orte, an denen Menschen Erfahrungen austauschen können. Kommunikation muss näher an die Lebensrealitäten ran – und kontinuierlich erfolgen.
Wo liegen aus Sicht der Kommunen aktuell die größten praktischen Hürden bei der Umsetzung?
Die Ausgangslagen sind extrem unterschiedlich. Manche Städte haben gut ausgestattete Stabsstellen, andere arbeiten mit einzelnen Mitarbeitenden, die nur geringe politische Rückendeckung haben. Gerade kleinere Kommunen stoßen schnell an Kapazitätsgrenzen. Zudem mussten viele Kommunen erst lernen, dass Wärmeplanung tatsächlich ihre Aufgabe ist – und nicht allein die der örtlichen Energieversorger. Inzwischen findet dieser Rollenwechsel statt, auf Augenhöhe und sehr konstruktiv.
Wichtig ist: Wärmepläne sind dynamische Instrumente. Es wird nicht den einen endgültigen Plan geben, sondern regelmäßige Fortschreibungen, die auch zu Richtungsänderungen führen können. Das ist eine Herausforderung, der sich Kommunen stellen werden.
Viele verbinden mit kommunalen Wärmeplänen die Hoffnung auf Investitionssicherheit. Unter welchen Bedingungen kann diese entstehen – gerade vor dem Hintergrund regulatorischer Veränderungen?
Noch einmal: Ein Wärmeplan schafft Orientierung, aber keine Garantie. Wenn ein Gebiet als potenzielles Wärmenetzgebiet dargestellt wird, heißt das nicht automatisch, dass dort ein Netz gebaut wird – sondern dass sich die Rahmenbedingungen dafür eignen könnten. Wichtig ist die Unterscheidung: Wo klar ist, dass Einzelversorgung sinnvoll bleibt, können Eigentümer sofort handeln. Egal, ob eine „Bio-Treppe“ ermöglicht wird, oder nicht. Wo Wärmenetze möglich sind, beginnt ein Prüf- und Entwicklungsprozess. Dazwischen gibt es ein weites Feld, in dem unterschiedliche Lösungen denkbar sind – von dezentralen Wärmepumpen über genossenschaftliche Modelle bis hin zu Inselnetzen. Investitionssicherheit entsteht dort, wo Menschen begleitet werden. Dafür braucht es neutrale „Kümmerer“, die informieren, koordinieren und Vertrauen schaffen – etwa kommunale Anlaufstellen oder quartiersbezogene Programme, ergänzt durch fundierte Energieberatung.
Mein pragmatischer Kompromissvorschlag wäre, dass die „Bio-Treppe“ nicht pauschal, sondern in fachlich begründeten Prüfgebieten der Wärmeplanung gilt, versehen mit dem Enddatum 2045. So kann der bei abgängigen Gasheizungen aufkommende Entscheidungsdruck herausgenommen werden und Zeit für gemeinschaftliche Wärmeversorgungskonzepte gewonnen werden. Hier kann das KfW-Förderprogramm 432 „Energetische Stadtsanierung“ sehr gut eingesetzt werden.
Welche Chancen bietet die kommunale Wärmeplanung langfristig für Kommunen?
Sehr große, und das wird derzeit noch unterschätzt. Die Wärmewende ist am Ende ein lokales Projekt. Sie schafft Nachfrage nach Fachkräften, stärkt regionale Unternehmen und kann echte Wertschöpfung vor Ort erzeugen. Gleichzeitig eröffnet sie Kommunen neue Spielräume in der Daseinsvorsorge.

Besteht die Gefahr, dass Reformdebatten und mögliche neue gesetzliche Leitplanken zu Verzögerungen oder strategischem Abwarten bei Kommunen und Investoren führen?
Das ist durchaus zu befürchten. Aber: Ich setze voll und ganz auf die in der Zwischenzeit aufgebauten Kompetenzen in den Kommunen, im Handwerk und in der Industrie. Die Beratung von Bürgerinnen und Bürgern wird immer besser, die Wärmepumpe ist kein Hexenwerk mehr, in Familien und Nachbarschaften werden Erfahrungen gesammelt. Die Wohnungswirtschaft positioniert sich. Die Wärmewende läuft schon längst an. Leider wird durch die bundespolitische Debatte bedingt sehr viel Arbeit auf die Kommunen zukommen. Denn: Die Klimaziele müssen erreicht werden, mit der „Bio-Treppe“ in der aktuellen Form wird dies nicht möglich sein. Es wäre alles andere als förderlich, wenn wir in zwei Jahren die gesetzlichen Grundlagen wieder in Frage stellten.
Was ist jetzt entscheidend, damit die Wärmewende trotz politischer Anpassungen planbar bleibt?
Die Wärmewende hat einen schlafenden Riesen geweckt, Industrie und Handwerk haben sich darauf eingestellt und können liefern. Die Wärmewende ist mühsam, sie ist komplex – aber sie bietet enorme Chancen. Entscheidend ist, dass wir Erwartungen realistisch managen, Menschen mitnehmen und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen.
Herr Knies, vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Jürgen Knies
lehrt und forscht an der Hochschule Bremen im Bereich der Infrastrukturplanung umwelt- und energietechnischer Anlagen. Er befasst sich u.a. mit der Schnittstelle zwischen Wärmeversorgung und Gesellschaft. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Umweltenergierecht und der adelphi Research gGmbh hat er drei Leitfäden zur kommunalen Wärmeplanung für Kommunen, EVU und Bürger herausgeben.
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