Nur neue Ideen sind gute Ideen? Das Dresdner Start-up Ambartec beweist das Gegenteil – und will aus einer mehr als 50 Jahre alten Innovation ein Geschäftsmodell entwickeln. Bereits in den 1970er-Jahren hatten Ingenieure des Deutschen Brennstoffinstituts in Sachsen ein Patent angemeldet, mit dem aus qualitativ minderwertigem heimischen Erdgas Wasserstoff für das Stadtgasnetz gewonnen wurde. „Wir haben diese Idee wieder ausgegraben und weiterentwickelt“, sagt Matthias Rudloff, der Ambartec 2020 gemeinsam mit seinem Ingenieurskollegen Uwe Pahl gegründet hat.
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Wie genau? Um Energie aus Wasserstoff zu speichern und zu transportieren, behandelt Ambartec Eisenoxid bei hohen Temperaturen mit dem Gas. Das „rostige“ Metall verwandelt sich dadurch in silbrig glänzendes Eisen. Am Zielort wird das Material mit heißem Wasserdampf behandelt und Wasserstoff freigesetzt. „Es handelt sich um eine klassische Redoxreaktion, wie man sie aus dem Chemieunterricht kennt“, so Rudloff. Was einfach klingt, erwies sich in der Praxis jedoch als komplex. Herausforderung bei der Entwicklung war die Be- und Entladung der Eisen-Nuggets. Mittlerweile funktioniert dieser Zyklus laut Ambartec mindestens 5.000-mal ohne Leistungsverluste. „Damit sind wir Wettbewerbern voraus, die ebenfalls an dieser Speichermethode arbeiten“, so Rudloff.
Hohe Energiespeicherdichte
Und noch etwas hat der Speicher anderen Verfahren voraus: Mit der Technologie von Ambartec lässt sich Energie aus Wasserstoff besonders platzsparend speichern; Ausgangsmaterial sind Reststoffe aus der Stahlindustrie. „Die Energiespeicherdichte unserer Nuggets ist extrem hoch – bis zu zehnmal höher als bei Wasserstoff, der in einem klassischen Drucktank gespeichert wird“, sagt Rudloff. Derzeit werden als Teil der Markteinführung zwei Referenzprojekte realisiert. Fertigungspartner ist das Esslinger Unternehmen Purem by Eberspächer. Der geplante Großspeicher befindet sich in einem 20-Fuß-Standardcontainer und kann innerhalb von einer Stunde die Energie von 600 Kilogramm Wasserstoff aufnehmen. Das entspricht 20.000 Kilowattstunden. In einer vergleichbaren Größenordnung liegt der jährliche Wärmeenergiebedarf eines Einfamilienhauses mit Ölheizung. Im beladenen Zustand wiegt der Container 13 Tonnen.

Als Kunden hat das Start-up vor allem mittelständische Industriebetriebe im Blick, zum Beispiel Großbäckereien, Glashersteller oder Keramikproduzenten. Auch Kommunen, die wasserstofffähige Blockheizkraftwerke nutzen wollen, oder Betreiber von Reservekraftwerken zählen zur Zielgruppe. Nach Angaben des Unternehmens liegen die Investitionskosten bei rund 20 Euro pro Kilowattstunde Speicherkapazität, was im Vergleich zu anderen Speichertechnologien günstig sei, sagt Rudloff.
„Unsere Container lassen sich an nahezu jeden Standort in Deutschland liefern. Auch dorthin, wo kein Anschluss an das geplante Wasserstoffkernnetz vorgesehen ist, oder wo Unternehmen schon heute auf nachhaltige Energie umsteigen wollen“, erklärt Rudloff. Gemeinsam mit Partnern will er 2026 ein „Abomodell“ anbieten, das Kunden regelmäßig mit Eisennuggets versorgt. Für ein Beispielunternehmen mit einem Jahresenergieverbrauch von 500 Megawattstunden wären das etwa 25 Containerlieferungen pro Jahr.
Alternative zum Wasserstoffkernnetz
Die Eisennuggets sollen per Lkw oder Bahn direkt ans Werkstor geliefert werden. „Im Unterschied zu Wasserstoff in Druckbehältern oder Flüssigwasserstoff nutzen wir etablierte Logistikwege. Wir transportieren kein Gefahrengut, sondern luftdicht verschlossene Container.“ Das vereinfache Genehmigungsprozesse und reduziere die Kosten. Nach Unternehmensangaben ist der Transport der Nuggets rund 50 Prozent günstiger als mit Druckbehältern und etwa 25 Prozent preiswerter als der Transport von Ammoniak, das ebenfalls als Speicher- und Transportmedium von Wasserstoff genutzt wird.
Das Start-up plant, die industrielle Anwendbarkeit seines Verfahrens anhand zweier Referenzprojekte zu demonstrieren. Auf dem Gelände des Deutschen Brennstoffinstituts im sächsischen Freiberg soll die gesamte Lieferkette erprobt werden, von der Anlieferung über die Entladung bis zur Nutzung vor Ort. Für die Rückgewinnung des Wasserstoffs ist eine Entladeeinheit erforderlich, die an die Anlagen der Kunden angeschlossen wird. Zudem erprobt Ambartec im größten Stahlwerk Europas in Taranto, Italien, wie sich Wasserstoff aus Hochofenabgasen gewinnen lässt, sagt Rudloff.
Politische Anreize notwendig
Für den laufenden Markteintritt 2026 sieht sich Rudloff gut gerüstet. Allerdings sei das wirtschaftliche Umfeld derzeit schwierig: „Unsere größte Herausforderung lautet: Wer kauft Wasserstoff? Auch künftig brauchen Unternehmen politische Anreize für den Umstieg auf erneuerbare Energien.“ Für die Energiewende, sagt Rudloff, seien nicht zwangsläufig milliardenschwere Großprojekte notwendig, etwa teure Ammoniaktanker, die Wasserstoff von Afrika nach Deutschland bringen. „Man kann mit geringem Aufwand loslegen, das zeigt unsere Technologie.“
Sollte der Wasserstoffhochlauf jedoch ins Stocken geraten, droht der Verlust von Know-how, das Unternehmen in Deutschland in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Patente wie das von Ambartec könnten dann erneut in den Archiven der Technikgeschichte verschwinden.
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