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Digitale Perspektiven

Funknetzwerke, schnelles Internet – neue Technologie schafft neue Möglichkeiten für Stadtwerke und kleine und mittlere Unternehmen der Energiebranche. Zum Beispiel lässt sich eine bisher ungekannte Nähe zum Kunden herstellen. Fünf kommunale Versorger und ihre digitalen Projekte

Die Digitalisierung hat für Energieversorger spannende Zeiten eingeläutet. Dank ihr lassen sich nie da gewesene Geschäftsmodelle entwickeln. Neue Kommunika­tionsschnittstellen und Analysetools machen den Dialog mit den Kunden unmittelbar. Versorger haben die Chance, die Bedürfnisse der Konsumenten besser kennenzulernen als je zuvor. Individuelle Antworten darauf erhöhen die Kundenzufriedenheit.

Gleichzeitig bekommt die Definition des Infrastrukturanbieters neue Facetten. Wer bisher Strom, Wasser, Gas und manchmal auch Mobilität lieferte, kann heute auch digitale Services anbieten: schnelles Internet via Glasfaser zum Beispiel. Oder Funknetzwerke, die erlauben, Daten per Sensor zu erheben. Die neue Technik kann Stadtwerken die eigene Arbeit erleichtern und sie kann dort zum neuen Geschäftsfeld werden, wo sie als Dienstleistung eingesetzt wird.

Wer viel aus einer Hand anbieten kann, der hat Argumente jenseits des kleinsten Kilowattstunden-Preises in der Onlinebörse. Gleichzeitig gilt es, digitalaffine Mitarbeiter zu binden. Wir präsentieren fünf Stadtwerke, die den Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung auf ihre jeweils eigene Weise begegnen.

Sensorik per Funknetz

Stadtwerke Kiel

Neue Möglichkeiten für die Kontrolle der eigenen Technik und ein Dienstleistungsangebot der Stadtwerke für lokale Unternehmen – in Kiel setzt man auf LoRaWAN. Die Abkürzung steht für »Long Range Wide Area Network« und bezeichnet eine Netzwerktechnologie, die zwar nicht so hohe Datenraten erlaubt wie etwa ein WLAN. Dafür können die Wellen über Kilometer hinweg Daten übertragen. Sie durchdringen Beton und erreichen Räume unter der Erde. Dazu ist die Sendeenergie so gering, dass die Batterien von Funksensoren jahrelang halten.

»Der Standard ist immer dann perfekt einsetzbar, wenn es gilt, einfache Daten zu messen und zu übertragen«, sagt Henning Schröer, Projektleiter LoRaWAN bei den Stadtwerken. Das können etwa die Füllstände von Behältern sein. Oder das Ergebnis eines automatisierten Selbsttests einer Straßenlaterne.

Mitte des Jahres soll das Kieler LoRaWAN in den regulären Betrieb gehen. Schröer ist überzeugt, dass viele Möglichkeiten der Technik ihren möglichen Nutzern noch gar nicht bewusst sind: »Wir haben die Erfahrung gemacht, dass uns jede funktionierende Anwendung zu den nächsten inspiriert.«

Schutz fürs Haus

Stadtwerke Solingen

Bei den Stadtwerken Solingen nutzt man die Vorteile von Funkübertragung: »Wir wollen unseren Kunden die Möglichkeit bieten, per App wichtige Funktionen zu Hause zu überwachen«, sagt Daniel Banzhaf, der das Projekt betreut. »Wir bieten unseren Kunden im Zukunft etwa entsprechende Rauch- und Bewegungsmelder. Oder Wassersensoren, die Alarm geben, wenn zum Beispiel die Waschmaschine überläuft.«

Dazu haben die Stadtwerke ein sogenanntes Long Range Wide Area Network, kurz LoRaWAN, in der Stadt installiert, das momentan schon im Testbetrieb läuft: Die Technik ist bei Mitarbeitern der Stadtwerke im Einsatz. Läuft sie dort stabil, will man sie den Kunden der Stadtwerke regulär anbieten.

An der Funktechnik schätzt man ihre ­Robustheit: WLAN und Internetzugang sind für ihren Einsatz nicht nötig, nur ein Melder muss montiert werden, der auf Knopfdruck arbeits­fähig ist. Auch den eigenen Betrieb wollen die Stadtwerke mit LoRaWAN verbessern: Zum Beispiel soll, wo heute noch Mitarbeiter in die Kanalisation klettern müssen, künftig das Netz Wasserschächte überwachen.

Banzhaf sieht in der Technik viel Potenzial. »Man kann über Sensoren auf sehr lokaler Ebene Daten generieren, die große Konzerne in der Form nicht liefern können.« Das können beispielsweise hyperlokale Wetter- und Straßenzustandsdaten für die hügelige Stadt Solingen sein oder Trackingdaten für die Betriebsmittel lokaler Unternehmen. »Wir denken immer wieder über Zusatznutzen nach«, so der Projektleiter.

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Hackathon löst Probleme

SWK Stadtwerke Krefeld

Digitale Fragestellungen lösen und gleichzeitig mit IT-affinen Studierenden ins Gespräch kommen: Diese Ziele haben die Stadtwerke Krefeld im November bei einem Hackathon erreicht, den sie zusammen mit der Hochschule Niederrhein organisierten. Bei Veranstaltungen wie dieser werden den Teilnehmern Herausforderungen gestellt, die es in Teams zu bewältigen gilt – die Besten werden mit Preisgeldern ausgezeichnet.

Bei ihrem sogenannten »Kreathon« stellten die Stadtwerke IT-Aufgaben aus Bereichen wie Tiefbau oder Abfallmanagement und lobten für die Lösungen bis zu 3.000 Euro aus. »Es war beeindruckend, auf was für kreative Ideen die Teilnehmer in so kurzer Zeit kamen«, sagt Rut von Giesen, die bei den Stadtwerken für die Unternehmens­entwicklung zuständig ist. Auch nach Abschluss des Wettbewerbs seien einige Kol­legen, beispielsweise aus der Abfallentsorgungssparte, immer noch mit Teilnehmern in Kontakt, um die Lösungen in der Praxis zu erproben.

Von Giesen selbst freut sich über immer bessere Analysetools und Methoden, die zum Teil aus dem Telekommunikations­bereich entlehnt wurden. »Wir können zielgerichtete Angebote machen«, sagt sie. Denn die neuen Instrumente erlauben es den Stadtwerken unter anderem, die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, dass ein Kunde mit einem Anbieterwechsel liebäugelt – und entsprechend zu reagieren.

Glasfaser als Standortfaktor

Stadtwerk Bad Nauheim

In Bad Nauheim hat man das Potenzial von Glasfasern früh erkannt. 2010 wurden die ersten Leitungen verlegt, heute sind zwischen 30 und 40 Prozent der Haushalte in der Stadt angebunden, der Ausbau geht zügig weiter.

Damit macht man nicht nur privaten Kunden ein reizvolles Angebot inklusive Internet, Telefonie und digitalem Fernsehen. Auch die Wirtschaft profitiert: »Wir können zwei Standorte im Stadtgebiet so miteinander vernetzen, dass gearbeitet werden kann, als säße man im gleichen Gebäude«, sagt Sascha Kammer von den Stadtwerken. Das nutzen zum Beispiel kommunale Verwaltung und Gesund­heits­branche. Unternehmen von außerhalb bringt es dazu, sich in Bad Nauheim anzusiedeln.

Große Hoffnungen setzt Kammer in den 5G-Mobilfunkausbau. Es spricht alles dafür, dass die Provider für die Anbindung ihrer Funkmasten Glasfaserleitungen anmieten werden, statt eigene Kabel in den Boden zu legen. Das Netz in der Stadt ist darauf vorbereitet.

Pressesprecherin Annette Wetekam freut sich unterdessen über die neue Bad-Nauheim-App. Sie liefert alle Informationen der Daseinsvorsorge und natürlich zum Stadtwerke-Angebot: von Tarifrechnern über Carsharing und Busfahrpläne in Echtzeit bis zu den Terminen der Müllabfuhr. So stärkt das kommunale Unternehmen den Schulterschluss mit der Stadt.

Know-how für die digitale Schule

neu.sw – Neubrandenburger Stadtwerke

Die Neubrandenburger Stadtwerke bringen die Schulen der Region ans Netz. Und das nicht nur physisch. Denn die Stadtwerke-­Tochter neu-itec leitet ein Projekt mit, bei dem die Lehreinrichtungen auch inhaltlich fit für die digitale Zukunft gemacht werden.

Im Rahmen des Projekts wurden die Eckpunkte eines Handlungsleitfadens festgelegt, der künftig allen Schulen der Region als Orientierung dienen soll. So muss nicht jede das Rad neu erfinden. »Das betrifft zum Beispiel Fragen des Datenschutzes«, sagt neu-itec-­Prokurist Richard Nonnenmacher. »Oder auch Handreichungen zu Content-Filtern, die jede Schule nach ihren eigenen Bedürfnissen konfigurieren kann.« Denn einerseits kann es sinnvoll sein, Websites mit ungeeigneten Inhalten vom Schulrechner aus unzugänglich zu machen. Andererseits sollen keine Websites mit Infos zum Beispiel für den Sexualkundeunterricht blockiert werden. Auch der Landkreis Vorpommern-Greifswald sowie die Landesministerien für Bildung und Digitalisierung sind Projektpartner.

»Wir haben vor allem zugehört, systematisiert und Lösungen aufgezeigt«, beschreibt Nonnenmacher die Entstehung des Projekts. Physisch werden die Schulen im Versorgungsgebiet der Stadtwerke von zen­tralen Servern aus mit Breitband-Internet versorgt. Möglich ist das dank flächen­deckend verlegter Glasfaserleitungen. »Seit 2016 haben alle Schulen im Versorgungs­gebiet einen Gigabit-Anschluss«, erklärt ­Nonnenmacher. »Und inzwischen gibt es schon die ersten, die mit zehn Gigabit angebunden sind.«

Text: Kai Kolwitz


Wie BDEW-Vizepräsident Christian Meyer-Hammerström die Kunden- und Ortsnähe für KMU im Zeitalter der Digitalisierung bewertet, können Sie hier im Interview nachlesen.

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