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"Wir können froh sein, dass Frau Albrecht so gern Auto fährt"

Zwischen Infomobil und Runden Tischen: Wie Netzbetreiber den Dialog rund um den Leitungsausbau organisieren. Und warum Projektkommunikation bedeutet, ständig unterwegs zu sein

Sprechblasen mit Symbolen

© BDEW

Wenn mal wieder die Rede auf die »Monsterkabel« kommt, die für die großen Überlandleitungen angeblich in der Erde vergraben werden, kann Saskia Albrecht dagegenhalten: »Stellen Sie sich den Boden einer Sektflasche vor. Ungefähr den Durchmesser hat ein Erdkabel«, sagt sie. Und damit es auch jeder sieht, hat die Projektsprecherin SuedLink bei TransnetBW meist ein Stück des Kabels dabei, durch das in Zukunft Strom quer durchs Land fließen soll. Die Auswirkungen der Energiewende, hier werden sie im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Mit Beispielen, Modellen und Visualisierungen funktioniert das eben besonders gut.

Seit sechs Jahren ist genau das Saskia Albrechts Job: Sie informiert Anwohnerinnen und Anwohner darüber, was bei ihnen vor Ort geschieht – und warum. »Für mich bedeutet Transparenz, immer klar zu machen: Wo stehen wir im Planungsprozess? Und was steht in den Anträgen?« Der Antrag für SuedLink, den die Übertragungsnetzbetreiber Transnet­­BW­ und TenneT im März bei der Bundesnetzagen­tur eingereicht haben, umfasst für jeden der fünf Abschnitte 50 Ordner. »Auf den ersten Blick wirkt das intransparent – aber das steht so im Gesetz. Wir wollen den Bürgern gern erklären: Was ist für euch wichtig? Was solltet ihr euch anschauen, um im Beteiligungsverfahren bei der Behörde auch mitsprechen zu können?«, so Albrecht.

Frühzeitig, proaktiv und transparent

Juristisch ist die Lage klar: Welche neuen Höchstspannungsleitungen nötig sind, um Deutschland in Zukunft mit Strom zu versorgen, wird in einem regulierten Verfahren bestimmt und mit dem Bundesbedarfsplangesetz ­­ver­abschiedet, in dem SuedLink etwa als Vorhaben Nr. 3 und Nr.  4 festgeschrieben ist. Spätestens seit Stuttgart 21, so hat der Kommunikationswissenschaftler Prof. Frank Brettschneider zuletzt im Interview mit Zweitausend50 deutlich gemacht, reiche die rechtliche Legitimation eines Großprojekts allerdings nicht mehr aus: »Es braucht auch eine Legitimation durch Kommunikation – und zwar von der Grundlagenermittlung bis zur Baufertigstellung.«

Magazin_2-2019-Frau-Albrecht-Planungsdialog-Phasen

Den Netzbetreibern ist das bekannt: »Frühzeitig, proaktiv und transparent, das ist mittlerweile Standard, nicht nur bei uns«, sagt etwa Katrin Schirrmacher, die bei Amprion die Projektkommunikation leitet. Und sie bestätigt, dass die Stuttgarter Proteste wie ein Weckruf wirkten: »Das hat gezeigt, welche Erwartungen die Öffentlichkeit an Kommunikation und an Beteiligung hat. Daher haben wir in den letzten Jahren unseren Werkzeugkasten deutlich erweitert.« Und das Team ausgebaut: In Schirrmachers Abteilung arbeiten heute zwanzig Personen.

Parallel ist die Zahl der Termine gestiegen. 2018 hat Amprion 561 Veranstaltungen selbst organisiert oder sich an ihnen beteiligt. Dazu gehören zum Beispiel Stopps mit dem Infomobil oder Bürgersprechstunden, zu denen mal zwei, mal 200 Leute kommen. »Ich war neulich bei einem Seniorenfrühstück mit fast 100 Teilnehmern«, sagt Schirrmacher. »Im Vorfeld weiß man oft nicht, was auf einen zukommt oder wen man vor sich haben wird.« Ein Stan­dard-Tool, das immer passt, gibt es entsprechend nicht, im Gegenteil: Die Informationsformate entwickeln sich ständig weiter, neue Beteiligungsmöglichkeiten werden erprobt – wie etwa im »Planungsdialog Borgholzhausen«, wo Vertreter der relevanten Interessensgruppen regelmäßig an einem Tisch zusammenkommen (siehe Grafik). 

Magazin_2-2019-Frau-Albrecht-Planungsdialog-Teilnehmer


Infomärkte: runter von der Bühne

»Große Frontalveranstaltungen, um Informationen abzusetzen, finden keinen Anklang. In der Vergangenheit gab es da schon einmal lautstarke Buhrufe«, erinnert sich SuedLink-­Projektsprecherin Saskia Albrecht. Sie und ihr Team haben sich deshalb vor allem für Infomärkte entschieden, bei denen jeder Interessierte seine Fragen im persönlichen Gespräch klären kann. Mit dem offenen Format machen auch andere gute Erfahrungen. Zum Beispiel der Bürgerdialog Stromnetz, der, vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert, bundesweit rund um den Ausbau des Stromnetzes informiert. »Runter von der Bühne«, beschreibt dessen Leiterin Julia Spönemann die wichtigste Regel, um Bürger einzubinden. Die Infomärkte funktionieren wie eine kleine Messe mit bis zu sechs Thementischen, etwa zur Technik, zu elektrischen und magnetischen Feldern oder zum Beteiligungsprozess. »Wenn jeder eins zu eins seine Frage stellen kann, ist das aus unserer Sicht der beste Weg. Das wird den Bürgern besser gerecht. Viele empfinden es als unangenehm, in einer Plenarsituation aufzustehen«, sagt Spönemann.

Gerade was die Formate angeht, habe man in den letzten Jahren dazugelernt. Ein Ladenlokal in der Fußgängerzone etwa funktioniere nicht. »Da kommt keiner. Wir müssen dahin, wo die Leute betroffen sind. Wir haben deshalb Regionalmanager in zehn lokalen Bürgerbüros, die die Konflikte aufnehmen, so dass wir maßgeschneiderte Lösungen anbieten können. Die sind mit ihren Netzwerken wie ein Sensorium«, so Bürgerdialog-Leiterin Spönemann. »Es gibt nicht den Stromnetzausbau oder die Stromnetzdebatte. Das ist alles sehr individuell.«

Wichtig ist, was vor Ort passiert

Die Präsenz vor Ort stufen auch die Übertragungsnetzbetreiber als besonders wichtig ein: »Wir können froh sein, dass Frau Albrecht so gern Auto fährt«, sagt Annett Urbaczka augenzwinkernd, die als Leiterin Unternehmenskommunikation bei TransnetBW zusammen mit den Pressesprechern Partnerin der Projektsprecher ist. Projektkommunikation heißt demnach auch: Kofferpacken. »Wir lehnen nie ein Gesprächsangebot ab. Selbst wenn es großen Aufwand bedeutet. Aber es wird wahrgenommen, dass wir uns nicht in Stuttgart verschanzen, sondern dahin kommen, wo die Kritik laut wird«, so Urbaczka. Die Bürger sollten ein Gefühl dafür bekommen, dass hinter dem Projekt Menschen stehen. Das trage zum Vertrauen bei. Ähnlich ist das bei Amprion: Hier legt die Projektkommunikation großen Wert auf einen wertschätzenden, respektvollen und vor allem persönlichen Kontakt mit den Menschen in den Regionen. Wichtig sei, sich immer in Erinnerung zu rufen, dass Baumaßnahmen die Heimat der Menschen direkt betreffen, so sagt Projektkommunikationsleiterin Katrin Schirrmacher: »Daher hat jede individuelle Perspektive auf unser Projekt ihre Berechtigung.«

Bei den Verteilnetzbetreibern spielt dieser Heimatbezug seit jeher eine große Rolle: Oft sind sie für Kunden auch greifbarer, weil sie etwa beim Ablesen der Zählerstände direkt in Kontakt treten. »Wir verstehen uns traditionell als Partner der Städte und Kommunen und der Menschen, die dort leben«, sagt Stefan Küppers, Geschäftsführer von Westnetz. Trotzdem hat sich der Dialog rund um Netzausbau und -erhalt verändert. »Wir gehen noch individueller auf unsere Partner zu und passen unsere Kommunikation je nach Bedarf und Projekt an«, so Küppers. Während in einem Fall ein breit angelegtes Mailing sehr gut funktioniere, sei manchmal eben der Infomarkt auf dem Marktplatz die bessere Lösung. Digitale Tools wie Trassen- und Lagepläne auf dem Tablet und eine App zum Bauablauf dienten dann als Türöffner. »So kommen wir mit den Menschen ins Gespräch. Das wollen wir zukünftig weiter ausbauen.« Denn der Dialogbedarf wird steigen, ist sich der Westnetz-Geschäftsführer sicher: »Da wir im Sinne der Stromkunden immer eine möglichst kostengünstige und effiziente Lösung umsetzen möchten, werden wir zukünftig immer häufiger hinsichtlich der konkreten Leitungsführung gemeinsam mit den Beteiligten nach Lösungen und Kompromissen suchen müssen.«

Der Zeitdruck ist hoch

Beim Bürgerdialog Stromnetz wollen sich schon heute Bürger über Bauprojekte ihrer Verteilnetzbetreiber informieren. Und andersherum hat Julia Spönemanns Team auch schon Verteilnetzbetreiber mit Expertenkontakten und Formatempfehlungen unterstützt. »Noch regionaler« seien die Konflikte oft. Dafür ließen sich die persönlichen Vorteile leichter vermitteln: »Verteilnetzbetreiber können oft einen direkten Nutzen anbieten, etwa dass Bauern ihre Biogasanlagen anschließen können«, sagt sie. Das sei im Prinzip wie beim ­Autobahnbau – aber eben anders als bei den Übertragungsleitungen, die ohne Abzweigungen durchs Land geführt werden. Und noch einen weiteren Unterschied hat Bürger­­dia­log-­Leiterin Spönemann festgestellt, wenn sie sich mit Kommunikationsprofis aus anderen Branchen austauscht: »Der Blick über den Tellerrand zeigt, dass es in der Energiebranche und speziell beim Netzausbau einen hohen Druck gibt, Dinge voranzubringen. Anderswo sind die Herausforderungen zwar oft ähnlich, die Zeithorizonte aber ganz andere. Manchmal sind da 20, 30 Jahre bis zum Abschluss normal. Das können wir uns beim Netzausbau nicht leisten.«

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