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Jorgo Chatzimarkakis: "Europa hat alles

– außer einfachen Regeln.“

Kann Wasserstoff die Energiewende retten? Im Gespräch mit Jorgo Chatzimarkakis.

Jorgo Chatzimarkakis im Interview über Wasserstoff in Europa

© Robert Albrecht / BDEW

 

Herr Chatzimarkakis, Wasserstoff gilt als ein Hoffnungsträger der Energiewende. Wo steht Europa heute ganz konkret im globalen Vergleich?
Europa ist relativ früh gestartet – kurz nach Asien. Wir haben 2020 die europäische Wasserstoffstrategie verabschiedet und damit weltweit ein Signal gesetzt. Mittlerweile sind wir jedoch hinter die USA und vor allem hinter China zurückgefallen. Europa ist inzwischen nur noch Nummer drei im globalen Vergleich. Das ist nicht gut.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die bisherigen politischen Initiativen der EU zum Wasserstoffhochlauf?
Grundsätzlich stimmt die Richtung. Wasserstoff wurde in den European Green Deal integriert, wir haben mit der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) ein starkes Fundament, ebenso mit der EU-Verordnung für alternative Kraftstoffinfrastruktur sowie dem großen Gas- und Wasserstoffmarktpaket. Das Problem ist aber – wie so oft - die Detailtiefe, in der wir hier in Europa regulieren. Viele Regelungen sind kompliziert, teilweise widersprüchlich und schaffen Unsicherheit. So entstehen keine Investitionsanreize. Wir müssen praxistauglicher werden und vor allem Systemintegration priorisieren. Gut sind wir beim Ausbau von Strom- und Gasnetzen – aber wir führen diese Systeme noch nicht zusammen.

Sie haben nach dem Regierungswechsel einmal gesagt: „Die CDU steht für Technologieoffenheit, die SPD für Arbeitsplätze – beides führt zwangsläufig zu Wasserstoff.“ Gilt das heute noch oder hat die aktuelle Bundesregierung den Faden verloren?
Ich bin nach wie vor hoffnungsvoll, weil die Regierung bisher nichts getan hat, was der Wasserstoffstrategie grundsätzlich widerspricht. Aber es geht zu langsam. Die Welt bewegt sich gerade mit enormer Geschwindigkeit, China und die USA handeln strategisch. In Deutschland und Europa wird dagegen viel diskutiert – und zu wenig entschieden. Ich sehe tatsächlich eine gewisse Öffnung für Technologieoffenheit, insbesondere im Bundeswirtschaftsministerium. Das ist positiv.

Aber ohne wettbewerbsfähige Energiepreise gibt es keine sichere Industrie und keine Arbeitsplätze. Wasserstoff kann genau hier helfen: Er stabilisiert das Energiesystem, macht erneuerbare Energien speicherbar und transportfähig. Was jetzt fehlt, sind schnellere Genehmigungen und starke Nachfrageanreize. Wir brauchen Contracts for Difference – also sogenannte Klimaschutzverträge, die den Kostennachteil von Wasserstoff gegenüber fossilen Brennstoffen vorübergehend ausgleichen, bis der Markthochlauf erreicht ist und die Preise sinken.

Sie haben die Infrastruktur bereits angesprochen – Stichworte Kernnetz, Wasserstoffspeicher, Power-to-X. Wo genau kann Wasserstoff in der Industrie den Unterschied machen?
Wasserstoff ist der Schlüssel, wenn wir große energieintensive Industrien dekarbonisieren wollen – Stahl, Chemie, Zement. Genau dort entscheidet sich die Zukunft des Industriestandorts Europa. Wir brauchen dafür eine zuverlässige Molekül-Logistik, also ein Wasserstoffnetz, das Produktion, Speicher und Abnehmer verbindet. Mit dem geplanten europäischen Wasserstoff-Kernnetz sind wir auf einem guten Weg. Europa verfügt über große Kavernenspeicher, die genutzt werden können – und das nicht nur bei uns, sondern auch in Polen und Osteuropa. Zusätzlich brauchen wir Importzugänge, denn Europa wird nicht seinen gesamten Wasserstoffbedarf selbst decken können. Die Häfen müssen also an das Netz angebunden werden.

Wird das reichen?
Europa sollte auch pragmatischer werden. Wir importieren – dem „Deal“ mit Donald Trump zufolge – für 750 Milliarden Euro unter anderem LNG aus den USA, dürfen es aber aufgrund der von den USA geforderten Lockerungen der Nachhaltigkeitsvorschriften nicht klimafreundlich aufbereiten. Beim norwegischen Gas geht das sehr wohl. Warum nutzen wir das nicht und füllen damit unser Wasserstoffnetz? Methanspaltung liefert Wasserstoff – und nebenbei Graphen und Graphit, das wir dringend für erneuerbare Technologien brauchen.



Viele Unternehmen klagen über die hohen Kosten für grünen Wasserstoff.
Natürlich ist Wasserstoff heute noch teurer als fossile Alternativen – aber das war bei der Solarenergie vor 20 Jahren genauso. Damals hat jeder gesagt: „Viel zu teuer, dauert zu lange.“ Heute ist Solarstrom die günstigste Energiequelle weltweit. Beim Wasserstoff sehen wir aber eine viel höhere Marktdynamik als damals beim Thema Solarenergie. China hat gerade seinen neuen Fünfjahresplan veröffentlicht – und Wasserstoff hat darin höchste Priorität. Das heißt: Die Produktionskapazitäten werden wachsen, die Kosten werden fallen, und das sehr schnell.

Die entscheidende Frage für Europa ist: Wollen wir Teil dieser Wertschöpfung sein – oder nur chinesische Technik importieren? Wenn wir den Markthochlauf ernst meinen, brauchen wir Leitmärkte. Das bedeutet: Öffentliche Aufträge – etwa für Stahl im Brückenbau, bei Bahnprojekten oder Windkraft – müssen konsequent klimafreundliche Produkte wie „grünen Stahl“ bevorzugen. Nur so entsteht Nachfrage, nur so kann die Industrie investieren. Was den Preis betrifft: Heute zahlen wir fünf bis acht Euro pro Kilo Wasserstoff, teilweise mehr. Im Jahr 2040 muss Wasserstoff für Industrie und Logistik nicht mehr als 2,50 Euro pro Kilo kosten. Das ist machbar – vorausgesetzt, wir beginnen jetzt mit Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Müssen Unternehmen nicht selbst mehr Verantwortung übernehmen, statt immer auf Förderprogramme zu warten?
Natürlich kann und muss die Industrie Verantwortung übernehmen. Aber sie kann das nur, wenn sie einen verlässlichen Rahmen hat. Es gibt Branchen, wie Stahl oder Düngemittel, die sind am Limit. Da wurden in den letzten Jahren die letzten Reserven herausgeholt, und ohne wettbewerbsfähige Energiepreise wandern diese Industrien ab. Andere Branchen dagegen, insbesondere Raffinerien, könnten schon viel weiter sein. Viele Raffinerien brauchen Wasserstoff ohnehin für den Entschwefelungsprozess. Einige Unternehmen haben bereits in Offshore-Windkraft investiert, um daraus eigenen Wasserstoff zu erzeugen.



In Ihrer Idealvorstellung: Welche Rolle spielt Wasserstoff im Jahr 2040 in Europas Energie- und Industriesystem?
Eine zentrale. Wasserstoff ist kein Selbstzweck, sondern gewissermaßen der Joker der Energieversorgung. Meine Vision für 2040 ist klar: 80 Prozent der Energie, die wir in Europa verbrauchen, wird auch in Europa erzeugt. Das ist anspruchsvoll, aber erreichbar – wenn wir erneuerbare Energien ausbauen und sie mithilfe von Wasserstoff speicher- und transportfähig machen. Dazu gehört ein industrielles Rückgrat aus Elektrolyseuren, Wasserstoffnetzen, Importterminals und Speichertechnologien. Aber ebenso dezentrale Lösungen: eine Bundeswehrkaserne, die synthetische Kraftstoffe selbst produziert und damit unabhängig wird; regionale Wasserstoffcluster für Mittelstand und Kommunen. Energie darf nie wieder eine geopolitische Schwachstelle Europas sein.

Herr Chatzimarkakis, vielen Dank für das Interview.

 

Jorgo Chatzimarkakis

ist CEO des Verbandes Hydrogen Europe. Von 2004 – 2014 war er Mitglied des Europäischen Parlaments bei der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa.

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