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3 Fragen an...

Christine Thürmer

Sie wandert, radelt und paddelt „im Hauptberuf“: die Autorin Christine Thürmer. Ein Gespräch über Geld und seine Bedeutung. 

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© Daria Fürst / BDEW

Frau Thürmer, Sie haben 2007 beschlossen, ihr Leben als Unternehmenssaniererin aufzugeben und sich ausschließlich dem Langstreckenwandern, Radfahren und Paddeln zu widmen. Ein Wagnis? 
Ja und nein. Was ich ja aufgrund meines bürgerlichen Berufs wirklich gut kann, ist Costcutting. Ich bin von Herzen aus geizig! Daher war Excel mein wichtigstes Tool, um meinen Aufbruch zu planen. Mir war klar: Wenn ich die Chance haben will, dieses Wanderleben mehr als nur eine Saison zu leben, dann muss ich meine Fixkosten massiv herunterschrauben und unterwegs möglichst wenig ausgeben. Außerdem hatte ich Ersparnisse und eine Mietwohnung als Rückzugsort.

Das erste echte Wagnis war, dass ich diese Wohnung 2008 gekündigt habe. Danach war ich buchstäblich obdachlos, wenn auch auf eigenen Wunsch hin. Zwischen mir und den Menschen war ab sofort nur noch die Nylonzeltplane - der Bruchteil eines Millimeters. Einen echten Rückzugsort gab es für mich nicht mehr, ich musste in den inneren Rückzug gehen, um alleine zu sein. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe.

Wie viel Geld braucht man, um draußen zu überleben? 
Wer glaubt, dass er „draußen“ von der Hand in den Mund leben kann, der irrt gewaltig. Ich brauche auf meinen Touren im Schnitt 1.000 Euro monatlich. Am billigsten ist der Proviant, da reichen zehn Euro am Tag. Aber ich mag nicht sechs Monate lang jeden Tag nur Käse und Schokolade essen und im Zelt schlafen. Daher gönne ich mir auf meinen Wanderungen einmal die Woche ein Hotel und gehe auch mal Essen. Und ich habe einen erheblichen Verschleiß an Ausrüstung: Alle zwei Jahre brauche ich ein neues Zelt, alle sechs Wochen neue Schuhe. Das Equipment, aber auch Versicherungen, Handykosten und nicht zuletzt die An- und Abreise müssen natürlich auch über die Reisedauer abgeschrieben werden.



Von Luft und Liebe allein lebt es sich eben nicht. Allerdings kann man die Kosten durch gute Planung sehr reduzieren. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich auf Instagram die „wilden“ Outdoor-Menschen sehe, die ihre schicken Selfies in Patagonien, Neuseeland oder Norwegen knipsen. Osteuropa ist auch schön! Wer durch Polen, Ungarn oder Rumänien wandert, der findet dort tolle Landschaften und eine gute Infrastruktur – zu einem Bruchteil der Kosten. 

Wie hat sich in den letzten 15 Jahren Ihr Verhältnis zum Geld verändert? 
Mein prägendstes Erlebnis hatte ich auf dem 4.200 Kilometer langen Pacific Crest Trail. Dort gab es eine Etappe, in der ich zehn Tage lang keine einzige Möglichkeit hatte, Proviant nachzukaufen. Am neunten Tag hatte ich noch genau 27 M&M-Schokobonbons - nach Farben sortiert, um sie mir einzuteilen. Dann begegnete ich zwei Wochenendwanderern, die mit dem Auto unterwegs waren und mir ein paar Schokoriegel schenkten. Diesen Glücksflash werde ich nie vergessen!

Da sind mir zwei Sachen klargeworden. Erstens: Hätten die beiden mir jetzt 100 Dollar in die Hand gedrückt, hätte ich mich nicht mal ansatzweise so gefreut wie über die Schokoriegel. Zweitens: die Intensität und Unmittelbarkeit dieses Glücksgefühls. Nun war ich in meinem früheren Leben auch glücklich. Wenn mir eine Gehaltserhöhung angekündigt wurde, habe ich mich gefreut. Aber bis das Geld auf meinem Konto war, bis ich es am Geldautomaten abgehoben hatte, gingen viele Tage oder gar Wochen ins Land. Diese Art des Glücks ist also indirekt, abstrakt und zeitverzögert. Den Schokoriegel aufreißen und reinbeißen: Das ist direkt und körperlich.

Mein Learning aus dieser Episode war, dass Geld immer nur ein Mittel zum Zweck ist. Ich könnte mir mittlerweile durch die Verkäufe meiner Bücher eine schicke Wohnung leisten, aber das brauche ich nicht. Inzwischen habe sogar wieder eine Mietwohnung: Plattenbau, Berlin-Marzahn. 30 Quadratmeter, 250 Euro warm. Das reicht mir. Dort bin ich vor Wind und Wetter geschützt – und die schöne Landschaft „hole“ ich mir auf meinen Wanderungen. 

Christine Thürmer…

… gilt als „meistgewanderte Frau der Welt“. In den letzten 15 Jahren legte sie mehr als 60.000 Kilometer zu Fuß und 30.000 Kilometer mit dem Fahrrad zurück. Ihre drei Bücher standen monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, haben sich im deutschsprachigen Raum mehr als 150 000 mal verkauft und wurden bereits zweimal mit dem Reisebuch-Preis “ITB Book Award” ausgezeichnet. Ihr viertes Buch wird im März 2023 erscheinen.

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