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Drei Fragen an...

Peter Wohlleben

Warum und wofür wir unsere Wälder brauchen: Drei Fragen an den Bestsellerautor und Förster Peter Wohlleben.

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© Daria Fürst/BDEW

Herr Wohlleben, der Mensch greift überall tief in die Landschaft ein, die Nutzungskonflikte um Räume und Flächen nehmen immer weiter zu. Wieviel „Ruhe“ vor dem Menschen braucht der Wald und bis wohin ist menschliches Eingreifen für Sie vertretbar?
Ich halte es grundsätzlich für legitim, dass Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse in die Landschaft eingreifen. Die Frage ist aber, wo die Bedürfnisse anfangen und enden. Beim Eingriff in die Wälder muss überall dort Schluss sein, wo wir die für unser Ökosystem wichtigen Funktionen des Waldes schwer beschädigen. Gerade tun wir das überall.



Weil die meisten Wälder als Plantagen bewirtschaftet werden, sind sie sehr anfällig und labil. Es sind die Wälder, die wir gerade verlieren – in den kommenden zehn Jahren etwa die Hälfte der Waldfläche in Deutschland. Dadurch wird es überall dort, wo das geschieht, deutlich wärmer. Dabei müssten wir eigentlich das Rad zurückdrehen: Wir brauchen mehr gesunde resiliente Wälder, wir brauchen insgesamt mehr Waldfläche in Deutschland. Wenn wir in Deutschland Flächen vergrößern würden, hieße das, dass Futtermittelflächen, also Acker und Wiesen, weichen und wir stattdessen die Importe steigern.

Das kann es natürlich nicht sein. Wir sollten also den Fleischkonsum reduzieren: Dann könnten wir die Waldfläche in einer Größenordnung von mehreren 10.000 Quadratkilometern vergrößern. Das hätte lokal sehr positive Auswirkungen auf das Klima.

Viele Menschen betrachten Wälder nur als Erholungsgebiete zum „Seele baumeln lassen“. Aber welche Funktionen im Sinne eines Ökosystems haben sie eigentlich?
Im Sinne des Ökosystems ist ein Wald natürlich erst einmal für sich selbst da, nicht für uns Menschen. Geschätzte 100.000 Arten haben in den Wäldern Mitteleuropas ihr Zuhause. Wir brauchen Wälder, weil sie im Kampf gegen den Klimawandel eine Schlüsselfunktion haben, nämlich als CO2-Speicher und – noch viel wichtiger – als Kühlungselement: Wälder können sich im Vergleich zu Städten im Durchschnitt im Sommer um 15 Grad stärker herunterkühlen. Über ihnen fällt auch signifikant mehr Regen. Und in baumreichen Straßenzügen ist es im Sommer um bis zu 20 Grad kühler als in Nachbarstraßenzügen ohne Bäume.



Wälder können genau das abmildern, was uns beim Klima mit Blick in die Zukunft Sorgen bereitet, nämlich extrem hohe Temperaturen und lange Trockenheit – einfach deshalb, weil sie es selbst auch nicht mögen: Bäume haben es gern kühl und feucht. Und weil sie sich buchstäblich nicht wegbewegen können, haben sie schon seit Hunderten von Millionen Jahren angefangen, das lokale Klima zu manipulieren. Die Flutkatastrophe hat es uns in diesem Jahr 2021 gezeigt: Nicht nur der Klimawandel spielt eine große Rolle für das Auftreten solcher Ereignisse, sondern auch die Form der Landnutzung. Hochwasser entsteht nicht im Tal, sondern in den vorgelagerten Bergen. Dort sind die Böden extrem verdichtet. Die Wälder werden mit Maschinen zunehmend stark befahren, sodass ihr Speichervermögen nachlässt. Statt in den Boden einzudringen, läuft das Wasser dann ins Tal. 

Was sind für Sie die größten Herausforderungen einer in die Zukunft gerichteten Forstwirtschaft und wie kann diesen begegnet werden?
Es gibt den Spruch „Wie gut hat es die Forstpartie, der Wald, der wächst auch ohne sie.“ Aktuell beschleunigt die Forstwirtschaft den Niedergang der Wälder durch Kahlschläge sowie den Einsatz von großen Maschinen und Chemie. Der richtige Weg wäre es, die Landfläche sich selbst zu überlassen: Dann kommt Wald zurück. Das können alle nachvollziehen, die einen Balkonkasten haben, denn selbst da wachsen Bäume - man muss sie einfach nur lassen.



Fortwirtschaft braucht es vielmehr dazu, um Holz zu erzeugen. Ein wichtiger Punkt: Man muss vorsichtiger mit dem Wald umgehen, um seine Funktionen nicht zu beschädigen, also weniger Holz entnehmen. Aber zumindest im öffentlichen Raum – und das ist mehr als die Hälfte in Deutschland – ist die Aufgabe der Försterinnen und Förster nicht die Holzproduktion, sondern, so hat das Bundesverfassungsgericht schon zweimal angemahnt, Schutz und Erholung. Die Aufgabe „Schutz“ müssten die Kolleginnen und Kollegen ernster nehmen. Und Erholung ist mindestens genauso wichtig wie die Holzproduktion. Es könnten deutlich mehr Försterinnen und Förster als Ranger auftreten und auf geführten Touren den Leuten die Natur näherbringen. Das ist und war immer schon eine gesetzliche Aufgabe, die nicht genug wahrgenommen wird. 

Peter Wohlleben...

...ist ein deutscher Förster und Autor. Sein Buch „Das Geheime Leben der Bäume“ war das meistverkaufte Sachbuch 2016, im Juli 2021 erschien sein neues Buch „Der lange Atem der Bäume“.

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