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Strom und Energie:

Warum dieser Preis?

Von Merit Order bis Strombörse: Fragen und Antworten rund um die Haushaltsstrompreise und den Strommarkt

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© Daria Fürst / BDEW

Wie setzt sich der Strompreis für Haushalte zusammen? 

Ein Privathaushalt in Deutschland mit einem typischen Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden hat im Juli 2022 für eine Kilowattstunde Strom durchschnittlich rund 37 Cent bezahlt. Dabei machen die Kosten für Strombeschaffung und Vertrieb knapp die Hälfte aus. Ein gutes Fünftel entfällt auf die staatlich regulierten Netzentgelte, 29 Prozent werden für Steuern, Abgaben und Umlagen fällig, vor allem Mehrwertsteuer und Stromsteuer. 

Wie haben sich diese Preisanteile in den letzten Jahren entwickelt? 

Als der Strommarkt im Jahr 1998 liberalisiert wurde, zahlte der genannte Durchschnittshaushalt monatlich knapp 50 Euro für Strom. Rund 38 Euro davon entfielen auf Beschaffung, Netzentgelte und Vertrieb, knapp 12 Euro auf Steuern, Abgaben und Umlagen. Vor allem deren Anteil ist in den Folgejahren auf ein zwischenzeitliches Hoch von fast 48 Euro im Jahr 2021 gestiegen. Nach Abschaffung der EEG-Umlage bezahlt der Durchschnittshaushalt heute noch immer 31,80 Euro im Monat für Steuern, Abgaben und Umlagen, ein Plus von 168 Prozent gegenüber 1998. Die Ausgaben für Beschaffung, Netzentgelte und Vertrieb bewegten sich in der vergangenen Dekade seit dem Jahr 2010 um die 40-Euro-Marke pro Monat – und liegen in Folge des Krieges in der Ukraine bei derzeit fast 77 Euro: knapp 30 Euro mehr als im Vorjahr. 

Wie bildet sich der Beschaffungspreis für Strom?

Der überwiegende Teil des Stromhandels beruht auf langfristigen Abnahmeverträgen, die direkt zwischen den Stromerzeugern und den Energieversorgern und an den Strombörsen abgeschlossen werden. Weite Teile – nach BDEW Schätzungen bis zu 90 Prozent – der Kraftwerksleistung werden bereits im Voraus verkauft. Die Stromkäufer – von der Großindustrie bis zu städtischen Energieversorgern – können auf diese Weise Preisschwankungen abpuffern beziehungsweise ausschließen. Die benötigten Strommengen werden dann für den Zeitraum zu einem Preis für den Zeitraum abgesichert. Für die Stromerzeuger hingegen lassen sich langfristige Investments wie beispielweise der Bau neuer Kraftwerke belastbarer kalkulieren, wenn Abnehmer und Preise bereits vorab feststehen. Auch für die Finanzierung sind die gesicherten Erträge eine wichtige Säule und belegen die hohe Bonität der Energiewirtschaft. 

Was passiert an der Strombörse?

Für die Netzstabilität und die Versorgungssicherheit ist entscheidend, dass Angebot und Nachfrage zu jedem Zeitpunkt ausgeglichen sind und nur so viel Strom eingespeist wird, wie tatsächlich verbraucht wird. Erzeuger, Stromhändler, Vertriebe und große Industrieverbraucher, die sogenannten Bilanzkreisverantwortlichen, müssen im Vorfeld einen Fahrplan vorlegen und Ein- und Ausspeisung genau planen, damit ihre Bilanz ausgeglichen ist. Am Tag vor dem Lieferdatum bereiten sie auf Grundlage der bestehenden Verträge, die im Terminmarkt in der Regel Jahre im Voraus vereinbart wurden, diese optimierte Einsatzplanung vor.



Noch frei verfügbare Erzeugungskapazitäten und der über das EEG geförderte Strom aus Erneuerbaren werden dann am Spotmarkt im Day-Ahead-Handel verkauft, Einkäufer beschaffen hier ihre Restmengen oder verkaufen Überschüsse, wenn die Prognosen sich geändert haben. Der Preis für jede Stunde wird in einem Auktionsverfahren nach dem Merit-Order-Prinzip festgelegt. Für noch kurzfristigere Korrekturprozesse, etwa bei aktualisierten Wettervorhersagen für die Erneuerbaren-Einspeisung, gibt es den Intradayhandel. Für die letzten Abweichungen beschaffen die Übertragungsnetzbetreiber Regelenergie, die auf Anweisung abgerufen werden kann. 


Was ist das Merit-Order-Prinzip?

Die Day-Ahead-Auktionen im Spotmarkt werden oft mit dem Merit-Order-Prinzip erklärt. Dem liegt ein Preis-Mengen-Diagramm zugrunde, in das Angebot und Nachfrage preisabhängig eingezeichnet werden (siehe Abbildung). Der Gleichgewichtspreis oder Markträumungspreis ist der Punkt, an dem sich Angebots- und Nachfragekurve treffen. Hier ist gewährleistet, dass der zu diesem Preis angebotene und erzeugte Strom auch abgenommen wird. Die Nachfrager zahlen weniger, als sie bereit gewesen wären zu zahlen, die Anbieter bekommen einen höheren Preis, als sie verlangt hätten. Nur die Gebote, die genau den Markträumungspreis treffen, erzielen genau den Preis, den sie erwartet haben. Anbieter, die zu höheren Preisen angeboten haben, gehen leer aus. Das Preisfindungsverfahren nach dem Merit-Order-Prinzip wird auch als pay-as-cleared bezeichnet, denn man zahlt (pay) den Markträumungspreis (mit dem gecleart wird). Es gilt als transparent und effizient.

Was bedeutet die Merit Order für den Kraftwerkseinsatz?

Die Angebotskurve bildet die Stromerzeugungskosten der Anbieter ab, vor allem die Brennstoffkosten und die Kosten für CO2-Zertifikate. Zuerst kommen die günstigsten Angebote zum Zuge, und zwar Wind- und Solarenergie. Anschließend folgen gestaffelt die weiteren Kraftwerke, die nötig sind, um die Nachfrage zu decken. Das zuletzt zugeschaltete Kraftwerk bestimmt den Preis – der wiederum für alle Stromerzeuger gilt. Bei den derzeit hohen Brennstoffkosten für Erdgas sind das oft die Gaskraftwerke. Aber es gilt auch gleichzeitig, dass dies der günstigste Preis ist, der die bestehende Nachfrage bedient, denn in der Auktion gibt es die Angebots- und Nachfragekurve. 

Der hohe Gaspreis führt also zu steigenden Stromkosten – wohingegen die Stromerzeugungskosten für die Produzenten von Erneuerbarer Energie sowie Kern- und Kohleenergie in der aktuellen Lage verhältnismäßig stabil geblieben sind. Eben jene Unternehmen sind es, die durch eine gegenwärtig diskutierte Übergewinnsteuer belastet würden. Tatsächlich haben dieser Erzeugungsanlagen aber große Strommengen bereits in den letzten Jahren verkauft, und zwar zu den damaligen Preisen, die weit unter dem aktuellen Preisniveau lagen. 

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