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„Eine Steuererklärung ist heute einfacher als ein Förderantrag.“

Wie funktioniert eine Energieberatung und warum sollte jeder Hausbesitzer eine machen? Ein Interview mit Energieberater Jürgen Leppig.

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© Daria Fürst / BDEW

Herr Leppig, für wen lohnt sich eine Energieberatung?
Hausbesitzer können sich im Rahmen der geförderten Energieberatung einen preisgünstigen Gesamtüberblick über ihr Gebäude verschaffen. Unsere Berater erstellen einen individuellen Sanierungsfahrplan, den der Staat mit bis zu 80 Prozent unterstützt. Sie informieren über Fördermöglichkeiten und den optimalen Weg zum energieeffizienten Haus. 

Wie kann ich mir das konkret vorstellen? 
Erste Prämisse einer guten Beratung ist Zuhören! Energieberater:innen wollen persönliche Wünsche, Vorstellungen und Ziele erfahren: Was haben Sie mit dem Gebäude vor? Soll das Haus einmal an die Kinder vererbt werden? Sind Sie eher der ökologische Typ oder der pragmatische? Was ist das Budget? Wieviel Aufwand – Zeit und Geld - sind Sie bereit zu investieren? Danach erfassen wir die gesamte Gebäudehülle, also die Fläche, die Wärme nach außen abgibt. Wir schauen auf Schwachstellen: Gibt es Risse im Putz? Welchen Zustand haben Mauerwerk und Dachziegel, Fenster?

Dann kommt die Haustechnik: Womit wird Heizwärme und Warmwasser erzeugt? Gibt es eine Lüftung? Wurde schon mal was saniert? Zu guter Letzt benötigen wir die Baupläne. Auf dieser Basis können wir mithilfe einer Software die Wärmeverluste und daraus abgeleitet sinnvolle Sanierungsschritte berechnen. Es geht immer zuerst darum, den Energieverbrauch und die Verluste zu reduzieren, um dann mit einer passgenau dimensionierten Heizung das Ganze wieder zu erzeugen. Am Ende unserer Beratung erläutern wir mit einer Grobkostenschätzung unseren Kund:innen, wieviel sie mit welchem Mitteleinsatz sparen können.

Kann man das denn wirklich so genau ausrechnen? 
Ja, wir analysieren im Sanierungsfahrplan den Ist-Zustand und können für jede einzelne Maßnahme prozentual ausrechnen, was sie in dem konkreten Fall bringt. Der Plan erfasst all die individuellen Faktoren, die auf die Berechnung einspielen -  zum Beispiel Fensterflächenanteil, Wandanteil, oder auch den Haustyp, also Reihenhaus oder freistehendes Einfamilienhaus. Auf Basis dieser Faktoren werden die Einsparungen unter Normbedingungen berechnet. Damit kann dann ziemlich genau vorausgesagt werden, wie lange es dauert, bis sich eine Maßnahme amortisiert. 

Ein Sanierungsfahrplan scheint eine ziemlich komplexe Angelegenheit zu sein – so viele unterschiedliche Faktoren haben Einfluss auf die Energie-Effizienz. Abgesehen von gutem Zuhören, welche Qualifikationen muss ein Energieberater noch bei Ihnen mitbringen?
Er muss neutral sein. Er darf nicht bestimmte Firmen oder Gewerke bevorzugen. Die Berater müssen über ihren Fachbereich hinausdenken können. Neutralität ist eine knifflige Angelegenheit, die wir im Verband oft diskutieren. Wir haben auch Fördermitglieder aus der Industrie und legen Wert darauf, dass pro Gewerk mindestens zwei, lieber noch mehr dabei sind. Das ist essenziell, weil wir immer topaktuelles Knowhow aus der Industrie brauchen: Wo geht es gerade hin? Was sind Trends und Neuentwicklungen? 

Wie finde ich einen guten Energieberater?
Wenn ein Energieberater sofort Zeit hat, wäre ich erstmal skeptisch. Eigentlich hat gerade keiner Zeit – es sei denn, es ist gerade ein Auftrag geplatzt. Sie sollten im Bekanntenkreis nachfragen: Wen habt ihr gehabt und wie zufrieden wart ihr? Das ist für mich mit Abstand die beste Werbung. Und die bereits erwähnten Aspekte sind wichtig: Hört er mir zu? Geht er individuell auf meine Anliegen ein? Kann er über sein Gewerk hinausdenken?

Es gibt leider auch schwarze Schafe in der Branche, die den Sanierungsfahrplan als Geschäftsmodell entdeckt haben. Die machen keine individuelle Analyse, sondern arbeiten mit Copy und Paste – manche vergessen dabei sogar, die Adresse des Hauses zu aktualisieren. Darauf müssen Hausbesitzer unbedingt ein Auge haben: Der Sanierungsfahrplan muss ihr individuelles Gebäude mit seinen Eigenheiten abbilden.

Was wären das beispielsweise für Eigenheiten?
Wir prüfen beispielsweise die Aspekte: Ist Nah- oder Fernwärme am Standort eine Option? Kann eine Wärmepumpe „artgerecht gehalten werden“? Wären Pellets eine Möglichkeit? Diese Logik funktioniert allerdings noch nicht so gut in der Großstadt. Hier haben wir in den ganzen Geschosswohnungen typischerweise kleine Gasthermen an der Wand. Wie können wir die ersetzen? Da gibt es noch keine Patentlösung. Hier müssen wir uns mit der Industrie noch etwas ausdenken.

Wie lange müssen Antragsteller momentan auf ihre Förderung warten? 
Zu lange. Gerade hatte ich einen Fall, wo wir zehn Wochen warten mussten. Manchmal sind es auch nur zwei, aber das scheint mir die Ausnahme zu sein. In der Zeit vor der Bundesförderung effiziente Gebäude, als vornehmlich die KfW als privatrechtliche Bank die Förderungen ausgelobt hat, haben Bürger:innen eine Förderzusage meist „just in time“ bekommen. Heute dauert das – trotz Digitalisierung – kurioserweise oftmals sogar noch länger.



Ein Rechner sollte doch in Millisekunden die Daten abgleichen und eine Zusage machen können. Aber die Prozesse sind momentan noch zu langsam, zu bürokratisch, zu wenig digital. Eine Steuererklärung ist heute einfacher und digitaler als ein Förderantrag, da geht noch mehr.
 

Jürgen Leppig…

...ist seit 2015 Vorsitzender des Vorstands des GIH, der bundesweiten Interessenvertretung für Energieberaterinnen und Energieberater. Seine Themenschwerpunkte sind intelligente Häuser und Niedrigstenergiegebäude, er ist zudem Sachverständiger für Baudenkmale.

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