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4 Fragen, 4 Personen:

„Natürlich muss es viel schneller gehen.“

Klimakrise und Generationenvertrag: In welcher Welt wollen wir leben? Kerstin Andreae im Gespräch mit u.a. Carla Reemtsma (Fridays for Future).

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© Daria Fürst / BDEW

Dass es Kinder einmal „besser“ haben werden als ihre Eltern, ist für die meisten heute jungen Menschen in weite Ferne gerückt. Wer trägt Verantwortung dafür, dass ein gerechtes Miteinander der Generationen dennoch möglich bleibt? Dazu haben wir gesprochen mit …

  • Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung
  • Dr. Wolfgang Gründinger, Aktivist, Publizist und Chief Evangelist beim Berliner Solarenergie-Startup Enpal
  • Saskia Kleber, Vorsitzende der Konzernjugend- und Auszubildendenvertretung E.ON SE
  • Carla Reemtsma, Klimaschutzaktivistin und Sprecherin Fridays for Future
     

Wolfgang Gründinger: Ich halte es da mit dem berühmten Philosophen Hans Jonas, der in seinem Buch “Das Prinzip Verantwortung” schon 1979 den ökologischen Imperativ formulierte: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Anders formuliert: Wir dürfen den Planeten nicht so zerstören, dass es das Leben der nachfolgenden Generationen unerträglich macht. Gerade passiert aber das Gegenteil. Wir heizen das Weltklima auf, mit desaströsen Folgen. Denken Sie nur mal an die Dürren in der Landwirtschaft oder Naturkatastrophen wie im Ahrtal. Das Jahr 2100 scheint so weit weg, aber wenn Sie heute eine Tochter haben, wird sie dieses Jahr vermutlich noch erleben. Das wird ein anderer Planet sein als heute. Das muten wir unseren Kindern und Enkeln zu. Wollen wir das wirklich? Generationenvertrag heißt für mich: Unser Handeln muss enkeltauglich sein.

Saskia Kleber: Für mich bedeutet das über Generationen hinweg, wechselseitig Verantwortung zu übernehmen. Das ist auch uns Jugend- und Auszubildendenvertretern sehr wichtig. Nach wie vor finanzieren auch die jungen Beschäftigten die Generationen, die im Ruhestand angekommen sind, auch wenn sich langfristig das Gleichgewicht bzw. die Rahmenbedingungen zwischen Leistungserbringern und Leistungsempfängern verschieben. Dieser demographische Wandel ist besonders in der Energiewirtschaft spürbar. Wir suchen junge Menschen, die mitmachen wollen! Deshalb wird Ausbildung bei uns großgeschrieben und das Angebot ausgeweitet. Wir als junge Menschen partizipieren von der Unterstützung und der Erfahrung der älteren Mitarbeitenden. Geben und Nehmen hilft damit allen, sowohl uns jungen Menschen als auch unseren Erfahrungsträgern, die in den wohlverdienten Ruhestand wechseln. Das ist auch gerecht, so dass für uns der Generationenvertrag und die Generationengerechtigkeit nach wie vor einen hohen Stellenwert haben.

Carla Reemtsma: Generationengerechtigkeit ist ein elementarer, aber nicht trivialer Bestandteil eines liberal-solidarischen Gerechtigkeitsverständnisses. Junge und kommende Generationen sind im aktuellen politischen Prozess nicht vertreten und haben keine Möglichkeit, für ihre Interessen einzutreten. Die Demokratie muss hier politisch Verantwortung übernehmen und sicherstellen, dass auch kommende Generationen noch gut auf diesem Planeten leben können und dieselben Chancen haben. Mit Blick auf Klima und Ressourcen, aber auch auf Bildung, Infrastruktur und Sozialstaat sind wir aktuell aber noch weit von Generationengerechtigkeit entfernt.

Kerstin Andreae: Die Generation derjenigen, die Entscheidungen treffen und zu verantworten haben, müssen das im Wissen um die damit einhergehenden Konsequenzen für die nachfolgenden Generationen tun. Das macht für mich ein gerechtes Miteinander der Generationen aus.  Die EntscheiderInnen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tragen die Verantwortung dafür, dass auch kommende Generationen noch handlungsfähig sind. Dazu gehören aus meiner Sicht eine zukunftstaugliche Infrastruktur ebenso wie eine lebensfähige und lebenswerte Umwelt. In diesem Sinne sind Energiewende und der Ausbau der Erneuerbaren auch ein Beitrag zur Generationengerechtigkeit. 
Dass der Erhalt unserer Lebensgrundlagen gelingt:  Das ist eine Bringschuld der heute Handelnden.

Saskia Kleber: Die Aktionen machen die Dringlichkeit von Klimaschutzzielen sichtbar und rücken sie ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung. Der alleinige Fokus auf das Erreichen der Klimaziele ist aber sehr einseitig! In unserem Land gibt es viele weitere wichtige Ziele, die wir als Gesellschaft im Blick haben sollten. Im Gleichgewicht dazu liegt die Lösung. Das Erreichen der Klimaziele heißt aber auch Anpacken. Mitmachen, die Welt und die Gesellschaft mit aktiv nach vorne zu entwickeln und sie zu einem nachhaltigen Ort zu machen. Energiewende, die Entwicklung der Netze, grüner Wasserstoff, nachhaltige Energieerzeugung und vieles mehr braucht Menschen, die Lösungen schaffen. Wir jungen Menschen bei E.ON wollen daran teilhaben, mitarbeiten und - gerade für uns Beschäftigte aus der Generation Z - unsere Welt selbst in die Hand nehmen! Das können wir nur gemeinsam schaffen. Deshalb stehen wir im engen branchenübergreifenden Austausch, um die besten akzeptierten Lösungen für uns alle zu finden.

Carla Reemtsma: Protest ist ein elementarer Bestandteil unserer Demokratie und unter anderem dazu da, Politik weiterzuentwickeln. Relevante gesellschaftliche Errungenschaften wie Bürgerrechte für Schwarze oder das Frauenwahlrecht wurden nur durch massive Proteste erreicht. Auch beim Klima sehen wir Fortschritte, die nur durch den Protest möglich waren. Und diejenigen, die streiken, demonstrieren, blockieren oder Volksbegehren organisieren, haben die Gesellschaft auf ihrer Seite: Laut aktuellen Umfragen sehen mehr als 80 Prozent der Deutschen dringenden Handlungsbedarf beim Klima.

Kerstin Andreae: Ich verstehe den Unmut vieler junger Menschen die den Eindruck haben, dass nicht genug getan wird, der notwendige Wandel nicht schnell genug von statten geht. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber auch, dass politische Veränderung oft ein komplexer Prozess ist. Veränderung geht nicht auf Knopfdruck. Eine mitentscheidende Frage ist, auf welche Weise politische Erfolge erzielt werden können.
Und hier hat die Fridays-for-Future-Bewegung enorm viel erreicht. Vielleicht sogar mehr, als manchen selbst mitunter klar ist. Die notwendige Verschärfung des Klimaschutzgesetzes beispielsweise wäre nicht ohne die Proteste von Fridays-for-Future zustande gekommen. Insofern: Konstruktives Engagement kann etwas bewirken. Die Aktivisten sollten aber aufpassen, nicht die Unterstützung zu verlieren. Der Grad zwischen nachvollziehbarem Handeln und unsinniger Aktion ist schmal.

Wolfgang Gründinger: Über den Sinn einzelner Aktionen können wir ausgiebig streiten. Ich erinnere mich an den Anfang von Fridays For Future. Da debattierten wir wochenlang hitzig, ob diese Jugendlichen jetzt freitags die Schulpflicht brechen dürfen, und wir hatten viele Ratschläge parat, wie man denn nun korrekt demonstriert. Am Ende sorgten aber genau diese Proteste für die öffentliche Aufmerksamkeit, die Klimaschutz auf die Agenda brachte, in der Politik genauso wie in den Unternehmen. Auf einmal war Klima das Top-Thema, ob am Küchentisch oder beim DAX-Vorstand. Und die angeblich unpolitische junge Generation bewies, dass sie alles andere als unpolitisch ist. Ohne diese Proteste lägen wir heute noch weiter zurück.

Carla Reemtsma: Dass das Verfassungsgericht das Klimaschutzgesetz für verfassungswidrig erklärt hat, zeigt doch gerade, dass unsere Institutionen funktionieren. Es muss jetzt um die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens gerungen werden, in einer Demokratie braucht es dafür viele und manchmal länger, als ich als Klimaaktivist*in es mir wünsche. Dafür, dass es schneller geht und nicht zur Greenwashing-Veranstaltung wird, braucht es jetzt die engagierte Zivilgesellschaft. 

Kerstin Andreae: Bei aller berechtigten Kritik geraten die klimapolitischen Erfolge manchmal zu sehr aus dem Blick. Das sind doch Mutmacher. Was wir im Bereich des Erneuerbaren Ausbaus beispielsweise geschafft haben, ist eine Erfolgsgeschichte. Natürlich muss es noch viel schneller gehen. Und hier wünsche ich mir mit Blick auf Institutionen und der Umsetzung politischer Beschlüsse an vielen Stellen mehr Verbindlichkeit. Zwei Beispiele: Es ist Konsens, dass wir mehr Flächen für Erneuerbare Energien brauchen. Nur muss das dann auch schnellstmöglich umgesetzt werden. Es ist eigentlich auch Konsens, dass jeder Sektor eigene CO2-Minderungsziele hat, die er erreichen muss. Das jetzt darüber debattiert wird, diese Sektorziele beim Klimaschutz aufzuweichen, ist das falsche Signal. Wir brauchen verbindliche Ziele und den Willen aller Beteiligten, einmal gefasste Beschlüsse dann auch umzusetzen.

Wolfgang Gründinger: Das Versagen beim Klimaschutz hat strukturelle Gründe. Erstens: Die Atmosphäre ist ein öffentliches Gut. Jeder profitiert von einem intakten Weltklima, egal, ob er es schützt oder zerstört. Zweitens: Wir empfinden Verlust stärker als Gewinn. Wenn ich einen Job in der Energiewende schaffe, zählt das daher weniger, als wenn ein Job in der Kohle verloren geht. Aber wir sollten nicht vergessen: Das Bundesverfassungsgericht berief sich bei seinem Urteil auf den Pariser Vertrag. Die Klimaaktivisten demonstrieren für das Pariser Klimaziel. Nur dank der UN haben wir eine so starke Legitimation für den Klimaschutz. Wir brauchen Pioniere, die vorangehen. Das macht es anderen einfacher, dies ebenfalls zu tun. Die deutsche Energiewende ist das beste Beispiel. China ist Deutschland gefolgt und krempelt nun die Weltmärkte für erneuerbare Energien um. Statt global aufzuschieben, um national nicht handeln zu müssen, gilt das Credo: Global verhandeln, national handeln.

Saskia Kleber: Die Entscheidungen zeigen, dass die Realität viele Interessen kennt. Was ist schon die absolute Wahrheit bei diesen existentiellen Fragestellungen? Klimaschutz ist nicht nur schwarz oder weiß, das haben beide Institutionen in ihren Entscheidungen berücksichtigt. Am Ende versagen nicht irgendwelche Institutionen, sondern wir Menschen als Teil der Gesellschaft, als Teil eines wichtigen energierelevanten Unternehmens, wenn wir nicht auf dieser Vereinbarungsebene anpacken und das Machbare Realität werden lassen. Wir haben es in der Hand, gemeinsam!

Kerstin Andreae: Tempo, Tempo, Tempo! Wir müssen die Fesseln lösen beim Planungs- und Genehmigungsrecht, damit die Erneuerbaren Energien richtig durchstarten können und auch der dafür notwendige Netzausbau gelingt. Unsere Branche wartet darauf, endlich den Ausbau-Turbo einschalten zu können. Dafür brauchen wir schlankere Verfahren und Prozesse, bei denen alle ins Gelingen verliebt sind und nicht ins Scheitern.

Wolfgang Gründinger: Freiheit für die Freiheitsenergien! Es gibt viele Pioniere der Transformation, die mit Technologie und Gründergeist die Energiewende vorantreiben. Aber wir legen ihnen immer noch zu viele Steine auf den Weg. Das Ergebnis sollte zählen, nicht das maximal risikovermeidende Ausfüllen des Formulars. Anträge für neue Solaranlagen und Windräder dürfen nicht mehr eine halbe Ewigkeit auf die Genehmigung warten. Prozesse müssen digitalisiert und automatisiert werden. Die Qualifizierung von Fachkräften muss pragmatische Wege beschreiten. Wir brauchen beim Klimaschutz gar nicht auf die „Wunderwaffe“ zu warten, denn: Die Technologien sind längst da, wir müssen sie nur noch ausrollen.

Saskia Kleber: Wenn ich entscheiden könnte, wäre es, den Netzausbau in unserer Energieinfrastruktur mit aller Kraft voranzutreiben. Damit schaffen wir nicht nur Sachwerte für unsere Gesellschaft, sondern entwickeln die Grundlage einer funktionierenden Energiewende. Damit wird auch das Erreichen der Klimaschutzziele in allen Sektoren entscheidend gestärkt. Die Welt kann eine bessere werden und wir jungen Beschäftigten sind voll dabei.    

Carla Reemtsma: Der ehrliche und konsequente Ausstieg aus allen fossilen Energieträgern: Kohle bis 2030, Gas und Öl bis spätestens 2035.

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