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Deutschland im Aufbruch

Das Ziel „Klimaneutralität“ ist ambitioniert – aber wir sind auf dem Weg. Vier Bereiche, in denen Deutschland Fortschritte macht.

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© Robert Albrecht/BDEW

Damit Deutschland die Transformation des Energiesystems erfolgreich bewältigen kann, sind gewaltige Anstrengungen nötig. Es liegen noch große Herausforderungen vor uns. Doch in den letzten Jahren ist bereits vieles auf den Weg gebracht worden. Eine Zwischenbilanz in vier Punkten. 

1. Die Energiewende schreitet voran

Der Wechsel von fossilen zu Erneuerbaren Energien ist Dreh- und Angelpunkt der Energiewende und entscheidende Voraussetzung für den Klimaschutz. Die Erneuerbaren Energien haben sich im Strom-Mix fest etabliert: Seit 2000 ist ihre installierte Erzeugungsleistung kontinuierlich gestiegen, von 117 Gigawatt auf 225 Gigawatt 2020. Fast jede zweite Kilowattstunde Strom stammte im vergangenen Jahr 2020 aus Windkraft, Photovoltaik, Biomasse oder Wasserkraft. Mit rund 45 Prozent hat sich der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung in Deutschland binnen zehn Jahren fast verdreifacht (2010: 17 Prozent). Vor allem Windenergie trägt zum Wachstumsschub beim grünen Strom bei: Gut 24 Prozent stammen aus Windkraftanlagen, weitere 18 Prozent aus Photovoltaik und Biomasse. Auch bei der Wärmeversorgung fassen Erneuerbare Energien allmählich Fuß – seit 2010 ist ihr Anteil bei der Fernwärme um 9,6 Prozent auf 17,4 Prozent gestiegen, während gleichzeitig insgesamt weniger Fernwärme produziert wird, nämlich nur noch 129 Kilowattstunden gegenüber 152 Kilowattstunden (2010). 

Eine Schlüsselrolle bei der Energiewende im Verkehrs- und Industriesektor spielt klimafreundlich hergestellter Wasserstoff: Er ermöglicht es, die CO2-Emissionen dort deutlich zu verringern, wo Energieeffizienz und die direkte Nutzung von Strom aus Erneuerbaren Energien nicht ausreichen. Derzeit werden 62 deutsche Großvorhaben für Wasserstofftechnologien und -systeme im Rahmen der IPCEI-Förderung mit acht Milliarden Euro unterstützt. 

Ausblick: Bis 2030 müssen die Erneuerbaren Energien kräftig ausgebaut werden, sollen die Klimaziele erreicht werden. Die Ausbaupfade im Erneuerbare-Energien-Gesetz müssen entsprechend angehoben werden: Dies könnte für 2030 etwa 100 GW für Wind-Onshore, mindestens 150 GW für PV (Dach und Freifläche) und 11 GW für Biomasse bedeuten. Ein solcher Zubau von über 100 GW Photovoltaik in einem Jahrzehnt erfordert einen nie dagewesenen PV-Boom.  

2. Generationenvertrag fürs Klima 

Mit dem Klimaschutzplan 2050 hat sich Deutschland zur internationalen Pariser Vereinbarung bekannt, die globale Erderwärmung zu begrenzen und Treibhausgasemissionen zu reduzieren. In den vergangenen vier Jahren hat die Energiewirtschaft ihre CO2-Emissionen um fast 100 Millionen Tonnen reduziert, Deutschland hat einen CO2-Preis außerhalb des EU-Emissionshandels (ETS) für den Wärme- und Verkehrssektor eingeführt und sich der Klimaneutralität verpflichtet. Das ist im Klimaschutzgesetz festgehalten, das in seiner ersten Fassung vorsah, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 Prozent zu verringern. Mit seiner wegweisenden Entscheidung vom April 2021 hat das Bundesverfassungsgericht Regierung und Gesetzgeber verpflichtet, nachzubessern. Die Anpassung im Klimaschutzgesetz sieht jetzt vor, bis 2030 insgesamt 65 Prozent, bis 2040 insgesamt 88 Prozent weniger CO2 als 1990 auszustoßen – und bis 2045 Klimaneutralität zu erreichen. 

Ausblick: Die Ziele des Klimaschutzgesetzes sind ambitioniert, aber mit den richtigen Rahmenbedingungen machbar. Um die gesetzlichen Einsparziele einzuhalten, müssten bis 2030 Erneuerbare Energien mindestens 70 Prozent des Strombedarfs abdecken, mindestens 15 Millionen Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen, die Fernwärme überwiegend auf Gas-KWK umgestellt, alle Kernkraftwerke und der größte Teil der Kohlekraftwerke abgestellt und das Stromnetz aus- und umgebaut sein. Klimaneutraler Wasserstoff müsste sich im Strom- und Wärmemarkt etabliert haben und Maßnahmen der Energieeffizienz so weiterentwickelt sein, dass der Energiebedarf ohne Einschränkungen für Produktion und Komfort gesenkt werden kann.  

3. Bye-bye, Kohle- und Kernenergie

Der Ausstieg ist beschlossene Sache: bereits seit 2011 für die Kernenergie, für die Kohleverstromung seit Juli 2020. Dabei wird ein ambitionierter, aber energiewirtschaftlich akzeptabler Reduktionspfad für die Braun- und Steinkohleverstromung verfolgt. Dieser berücksichtigt den Strukturwandel in den Regionen, die Versorgungssicherheit im Strom- und im Wärmebereich sowie die Bezahlbarkeit der Energieversorgung.

Seit 2011 sind sukzessive 11 Atomreaktoren  abgeschaltet worden. Ende 2020 gingen der erste Block eines Braunkohlekraftwerks vom Netz sowie die ersten vier Gigawatt Steinkohlekraft vom Markt. Bereits davor hat sich der Anteil von Kohle- und Kernenergie im Energiemix reduziert: um 29 Prozent seit 2010.

Ausblick: Bis Ende 2022 sollen alle Kernkraftwerke sowie weitere sieben der ältesten Braunkohle-Kraftwerksblöcke abgeschaltet werden. Nochmal zehn Kraftwerksblöcke gehen bis 2030 vom Netz, die dann verbleibenden elf Braunkohlekraftwerksblöcke werden spätestens 2038 stillgelegt.  Bis 2030 werden die Betreiber von Braunkohlekraftwerken mit insgesamt 4,35 Milliarden Euro entschädigt. Der Steinkohle-Ausstieg wird flankiert von jährlichen Ausschreibungen zur Stilllegung von Steinkohlekapazitäten. 2022 werden dann nur noch Steinkohle-Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 15 Gigawatt am Netz sein. Bis 2038 soll so die jetzt installierte Leistung im Markt von Braun- und Steinkohlekraftwerken von 34,5 Gigawatt kontinuierlich reduziert werden. Geplant ist ein Absenken auf 30 Gigawatt bis 2022, auf 17 Gigawatt 2030 und schließlich auf null Gigawatt 2038. Mit positiven Auswirkungen auf den Klimaschutz: Mit dem Kohleausstieg sinken die CO2-Emissionen zwischen 2020 und 2030 voraussichtlich um rund zehn Millionen Tonnen pro Jahr. 

4. Elektromobilität: Jetzt geht’s los 

Die verschärften Klimaziele erfordern auch einen zusätzlichen Beitrag des Verkehrssektors. Notwendig ist eine grüne Mobilitätswende. Insbesondere für den Personenkraftverkehr hat sich die Elektromobilität als die vorherrschende Technologie herauskristallisiert. Und hier gibt es gute Nachrichten: Die Elektromobilität ist längst kein Nischenthema mehr: Die Zahl der Elektroautos steigt. Inzwischen sind mehr als eine Million „Stromer“ auf den Straßen unterwegs. Auch die Zahl der öffentlichen Lademöglichkeiten steigt. Etwa 47.000 Normal- und Schnelladepunkte sind laut Bundesnetzagentur in Deutschland in Betrieb. Rund 85 Prozent der Ladevorgänge finden allerdings im privaten Bereich statt. Und auch hier gibt es eine erfreuliche Entwicklung: Die Zahl der Anträge zur Förderung von privaten Ladestationen – so genannten Wallboxen – geht regelrecht durch die Decke: Laut Bundesverkehrsministerium wurden bereits über 620.000 Ladepunkte (Stand :Juli 2021) beantragt. Auch im Verkehrsbereich gilt: Nichts geht ohne Wind und Sonne. Zentral ist und bleibt der beschleunigte Ausbau der Erneuerbaren Energien, um den steigenden Bedarf an grünem Strom im Mobilitätssektor zu bedienen.

Ausblick: Mit dem neuen Klimaziel von 65 Prozent weniger CO2-Ausstoß gegenüber 1990  muss die Zielmarke bei bis zu 15 Millionen Elektrofahrzeugen bis 2030 liegen. Zudem muss der ambitionierte Hochlauf von Nutzfahrzeugen aller Antriebsformen (Strom, H₂, LNG, CNG) vorangetrieben werden. Es gilt, die Mobilität der Zukunft ganzheitlich zu gestalten. Gerade in der Stadt bieten zum Beispiel auch Carsharing-Konzepte ein großes Potenzial, um Verkehr zu verringern und so auch die Emissionen zu reduzieren. Auch Energieunternehmen haben das Potenzial ganzheitlicher Mobilitätskonzepte erkannt und bieten bereits vielfältige Services und Dienstleistungen für die Nutzung von Elektromobilität für Privatkunden, Gewerbe und Kommunen an. Die Energiewirtschaft ist damit ein maßgeblicher Treiber der Mobilität von morgen.

Fazit
Die Zwischenbilanz zeigt: In Sachen Klimaschutz sind etliche Meilensteine umgesetzt oder auf den Weg gebracht worden. Dennochsind weitere erhebliche Anstrengungen und ein viel höheres Tempo nötig, wie jüngst auch der Bericht des Weltklimarates betonte. Diese müssen im Einklang mit Sicherheit in der Energieversorgung und Wirtschaftlichkeit stehen. 

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