None

Drei Fragen an…

Maurice Ressel

Wie überlebt man, wenn man vollständig auf das angewiesen ist, was die Natur bietet? Im Gespräch mit dem Survival-Trainer Maurice Ressel. 

None

© Daria Fürst / BDEW

Herr Ressel, worauf kommt es an, wenn man als Mensch allein mit den Materialien überleben will, die die einem Natur bietet?
In unserer Wildnisschule sprechen wir weniger vom Überleben als vom Leben in der Natur. Das klingt viel positiver und nimmt dem Thema etwas von seiner Endzeitstimmung. Am Ende brauchen wir ja in der Natur genau das, was wir in der sogenannten Zivilisation auch brauchen: Wärme, Schutz vor Witterungseinflüssen, Wasser, Nahrung. Aber: Auf der Meta-Ebene ist Zeit das wichtigste. Zeit, um sich all die wichtigen Fähigkeiten und Fertigkeiten wie das Naturhandwerk und das Wissen über Pflanzen und Tiere anzueignen.

Ich habe beispielsweise ein halbes Jahr lang mit einem indigenen Naturvolk in Brasilien gelebt. Dort habe ich verstanden, dass diese Völker einen allumfassenden Zugang zur Natur haben, den man sich in ein paar Tagen oder Monaten, ja selbst in vielen Jahren gar nicht verschaffen kann. Die Naturvölker haben über viele Generationen gelernt, die Natur mit allen ihren Abläufen zu verstehen und im Einklang mit ihr zu leben. Sie wissen, wie sie jeden einzelnen Ruf eines Vogels interpretieren, wann welche Tiere brüten und wie sie sich verhalten. Sie haben für jeden kleinen Stein, jeden Zweig, jedes Blatt eine Verwendung.



Nichts ist ohne Bedeutung, alles hat seinen Platz und seinen Nutzen. Diese allumfassende Naturverbundenheit ist dort im Wortsinne Teil ihrer DNA. Und wenn man diese Verbundenheit mit der Natur einmal hergestellt hat, dann ist Überleben gar nicht mehr die Frage, sondern es geht ganz einfach nur ums Leben. Die Menschen fühlen sich dort in der Natur vollständig zuhause, so wie sich andere Menschen in ihren Häusern zuhause fühlen.

Was müssen die Teilnehmer:innen Ihrer Survival-Programme hinter sich lassen?
Im Prinzip alles (lacht). Wir gehen bei einigen Kursformaten mit unseren Teilnehmer:innen komplett ohne Werkzeuge oder Hilfsmittel raus. Wer ein Messer braucht, muss sich eins selber machen – mit dem, was er vorfindet. Wer friert, muss ein Feuer machen. Wir lassen auch die Komfortzone hinter uns, denn nur außerhalb der Komfortzone können wir uns weiterentwickeln: Kälte, Hunger, Durst, Müdigkeit – das alles begegnet einem da draußen.

Das Spannende ist jedoch, dass man mit körperlicher Fitness, handwerklichen Fähigkeiten und dem Wissen, welche Naturmaterialien man wie einsetzt, unfassbar viel selbst bewirken kann. Ich kann nur mit dem, was mir die Natur liefert, eine Behausung bauen, in der es selbst bei -10 Grad Außentemperatur noch behaglich ist. Ganz wichtig: Es geht nicht nur um technische und handwerkliche Skills. In der Wildnis müssen wir unsere Talente zusammenbringen, Konflikte meistern, Kompromisse machen. Wir sollten also auch Egoismus, Eigenbrötlertum oder den Unwillen zur Kooperation hinter uns lassen. Denn in einer Gruppe überlebe ich besser.

Was können die Menschen, die an den Trainings teilnehmen, für den Alltag unter zivilisatorischen Bedingungen mitnehmen?
Enorm viel. Ich erlebe immer wieder, dass die Teilnehmer:innen unserer Survival & Wildnispädagogik Ausbildungen diese im Nachhinein als echten „Game Changer“ für ihr Leben betrachten. Neben der körperlichen Fitness und den konkreten Fähigkeiten, die man erlangt, lernt man bei uns ebenfalls, Verantwortung zu übernehmen: für sich selbst, für die Mitmenschen, für die Familie und der Natur. Man erfährt Selbstwirksamkeit und daraus resultierend wird das Selbstvertrauen gestärkt. Eine Reise in die Wildnis führt uns ganz am Ende zu uns selbst und unseren eigenen Stärken. 

Maurice Ressel...

...ist ein deutscher Wildnispädagoge, Jagdlehrer, Survivaltrainer, Schießtrainer und Fotojournalist. Er war über zehn Jahre als Foto- und Videojournalist für Medien und Hilfsorganisationen wie UNICEF und Ärzte ohne Grenzen in Kriegs- und Krisengebieten. Seit 2008 ist er als Outdoor-Guide in Deutschland und Schweden unterwegs. 2019 gründete Maurice Ressel die Umweltbildungsstätte Wildnisschule Lupus.

Mehr „3 Fragen an“

„Wir schaffen einen Prototypen für solidarische Selbsthilfe“ – der Publizist Holm Friebe. Mehr erfahren

„Was wir der Umwelt antun, fällt auf uns zurück“ – die Politologin Miranda Schreurs. Zum Beitrag

„Wälder haben eine ökologische Schlüsselfunktion“ – der Förster und Autor Peter Wohlleben. Zum Gespräch


Zurück zur Magazin-Übersicht Stoffwechsel

Suche

Anmelden für BDEW plus