Die Neiße wirkt schmal hier, kein reißender Strom, eher ein ruhendes Band, das Görlitz von Zgorzelec trennt. Deutschland von Polen. Der Grenzfluss wirkt gleichgültig gegenüber dem, was sich unter ihm verändert. Doch hier entsteht etwas, das weit über die beiden Städte hinausreicht: Rohre werden zu Brücken. Bis 2030 sollen neue Leitungen die Fernwärmesysteme der beiden Zwillingsstädte verbinden. „United Heat“ heißt das Projekt. Eine gemeinsame länderübergreifende Wärmeversorgung allein per nachhaltiger Energieträger: Es wärmt zusammen, was zusammengehört.
Seit März 2026 arbeiten sich Bagger in den Untergrund, ziehen Gräben. Daneben knien Arbeiter, prüfen Dichtungen, ziehen Schrauben nach. Wer vorbeigeht, sieht nur eine Baustelle. Doch hier entsteht ein Modell dafür, wie Europas Energiewende künftig funktionieren könnte. Für die Städte. Und möglicherweise weit darüber hinaus. Denn hier soll erstmals Wärme in großem Maßstab über eine europäische Grenze fließen. Das öffnet den Blick auf einen größeren Zusammenhang: Die Energiewende hat ihre Richtung verändert. Lange ging es um Technologien. Heute geht es um die Frage, wie all das stabil zusammenarbeitet – technisch, regulatorisch, geopolitisch.
Europäische Energiewende: Warum grenzüberschreitende Energiesysteme wichtiger werden
Die Energiewende ist damit kein nationales Projekt mehr, sondern ein Prozess der Integration über Ländergrenzen hinweg. Strom, Wärme und künftig Wasserstoff verbinden Regionen, Märkte und Infrastrukturen immer enger miteinander. Die Frage ist nur: Entsteht aus der Verflechtung ein belastbares Gesamtsystem – oder neue Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten?

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Erste Antworten finden sich in Görlitz und Zgorzelec. "Ich sehe dieses Projekt als Reallabor der Energiewende", sagt Robert Freudenberg. Jahrelang arbeitete der 42-Jährige für die Stadtwerke Görlitz AG, heute verantwortet er die Unternehmensentwicklung im Geschäftsbereich Energie innerhalb Veolia Deutschlands. "Ich arbeite für ein internationales Unternehmen, bin aber lokal tätig", sagt Freudenberg. Wie bei United Heat: Seit 2020 wurden aus ersten Ideen Machbarkeitsstudien und schließlich Spatenstiche. Gesamtkosten: 200 Millionen Euro, vor allem getragen von EU und Bund.
United Heat in Görlitz: Europas erstes grenzüberschreitendes Fernwärmenetz
Auf deutscher Seite soll erneuerbare Energie das bisher auf Erdgas basierende System ablösen wie eine Solarthermieanlage in Verbindung mit einem saisonalen Speicher, Wärmepumpen oder Anlagen zur Nutzung von Abwärme. Insgesamt sollen so über 50.000 Tonnen CO2 eingespart werden - pro Jahr. Das Netz endet nicht mehr an der Grenze, sondern überwindet sie mit einer neu zu bauenden Verbindungsleitung durch den Grenzfluss Neiße. Dazu entstehen neue Fernwärmeleitungen auf beiden Uferseiten, allein in Görlitz mit einer Länge von 14 Kilometern. Sie verbinden die beiden Städte, Knotenpunkte, Speicher, Übergabestationen und verdichten das bisherige Versorgungsnetz mit einem Gesamtbedarf von aktuell über 150 Gigawattstunden.
Fernwärme über Ländergrenzen: Wie europäische Wärmenetze zusammenwachsen
Das Prinzip dahinter klingt zunächst einfach: Energie wird dort erzeugt, wo sie effizient ist, und dorthin geleitet, wo sie gebraucht wird. Nicht mehr entlang von Grenzen, sondern innerhalb von Netzen. Wärme kann besser verteilt, Spitzen ausgeglichen, Ressourcen effizienter genutzt werden. Synergieeffekte also. "Der zukünftige Erzeugungsmix und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit machen uns unabhängig von fossilen Energiequellen und erhöhen die Versorgungssicherheit erheblich", sagt Freudenberg. Doch genau hier beginnt die Komplexität. "Die beiden Netze haben unterschiedliche technische Anforderungen, arbeiten etwa mit unterschiedlichen Temperaturen", sagt Freudenberg. In Polen sind sie höher, ausgelegt auf andere Gebäudestrukturen und technische Standards. In Deutschland niedriger - so verliert das Wasser in den Leitungen weniger Temperatur, werden die Versorgungsnetze effizienter und etwas besser kompatibel mit Blick auf die Integration erneuerbarer Energien.

Hinzu kommen die Regeln. Während in Polen der Wärmemarkt stark reguliert ist, legen in Deutschland Unternehmen ihre Preise weitgehend selbst fest. "Der Austausch der Wärme wird über Verträge geregelt, die gerade miteinander verhandelt werden", sagt Freudenberg. "Wir kaufen von der polnischen Seite Wärmemengen und andersherum. Das ergibt unterschiedliche Preise, weil die Erzeugungsgrundlagen sowie der Rechts- und Regulierungsrahmen verschieden sind." Aber für beide Seiten gelte: Am Ende müssen die Kundenpreise attraktiv und sozialverträglich sein, sagt Freudenberg.
Europäische Wärmemärkte: Warum Regulierung und Preise zur Herausforderung werden
Wie viel Wärme wann wohin fließt, ist also nicht allein eine technische Frage. Es ist das Ergebnis von Verträgen, Prognosen und permanenter Abstimmung. Doch mit jeder Verbindung wächst auch die Abhängigkeit. Ein grenzüberschreitendes System muss mehr leisten als Energie transportieren. Es muss Unterschiede aushalten. "United Heat ist sehr individuell auf die beiden Städte und die Region zugeschnitten", sagt Freudenberg. "Aber die Erfahrungswerte können wir auch in anderen Konstellationen und für andere Kommunen nutzen - nicht nur in Deutschland, sondern europaweit."
Am Ende brauche es vor allem Vertrauen und einen gemeinsamen Willen. "Es gibt immer wieder Stolpersteine und es gilt die unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten zu beachten", sagt Freudenberg. "Wenn Politik, Unternehmen, Mitarbeiter und auch die Bürgerinnen und Bürger nicht mitziehen, dann scheitert man."
Bisher aber – die gute Nachricht – eben nicht.
Von den Alpen nach Europa: Wie regionale Energieversorger europäisch denken
Weitere Antworten auf Europas Energiezukunft finden sich auch in der Vergangenheit, dort, wo Versorgung schon immer neu gedacht werden musste: in Reutte in Tirol, gut zehn Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Alpen, Gipfel, Bergseen. Mitten im Zentrum der kleinen Tiroler Stadtgemeinde ein ovaler Bau aus Glasfronten und Stahl: das EW Center der Elektrizitätswerke Reutte. Wie ein Fußballstadion wirkt der Bau. Doch statt Toren findet sich hier ein Netz, das seit über hundert Jahren grenzüberschreitend funktioniert.
In der Leitwarte laufen Informationen zusammen. Monitore zeigen Spannungen, Frequenzen, Lastflüsse. Linien bewegen sich über Karten, ändern sich im Sekundentakt. Früher war das System überschaubar: Einige wenige Kraftwerke bestimmten den Takt. Heute ist es ein Geflecht aus Einspeisern: Wind, Sonne, Wasserkraft, Batteriespeicher, Ladepunkte für Elektroautos.
Europäische Stromnetze unter Druck: Wie erneuerbare Energien die Netze verändern
Die Physik mag konstant sein, Strom fließt nach denselben Gesetzen. Doch die Rahmenbedingungen ändern sich ständig. "Wir fingen vor 125 Jahren an Strom mit eigenem Wasserkraftwerk zu erzeugen und zu verkaufen, von Tirol nach Bayern, als dort die Straßenbeleuchtung von Gas auf Elektrizität umgestellt wurde", sagt Sebastian Freier, technischer Vorstand der Elektrizitätswerke Reutte AG des Energieunternehmens EWR.. Auch damals schon veränderte neue Infrastruktur ganze Regionen und Gesellschaften. Die Grundidee blieb dieselbe: Energie wird dort genutzt, wo sie verfügbar ist – auch über Grenzen hinweg.
Doch heute ist das Netz hier in der Alpenregion ein dynamisches System. Besonders im Sommer kommt viel Solarstrom, abends steigt der Verbrauch und ab dann übernehmen bis in die Nacht hinein Wasserkraft und Speicher. Im Winter sind es dann hauptsächlich Wasserkraft und auch Importe. Dazu kommt: Österreich und Deutschland setzen europäische Vorgaben unterschiedlich um. Smart Meter, Netzentgelte oder Energy-Sharing-Modelle folgen zwar derselben Idee, werden national aber verschieden interpretiert.
Das Netz ist verbunden und funktioniert. Aber die Regeln sind nicht synchronisiert. Für Unternehmen wie die Elektrizitätswerke Reutte entsteht daraus eine besondere Rolle: Sie agieren lokal und gleichzeitig europäisch, vergrößern ihre Expertise durch Kooperationen. Idealerweise. Doch so leicht ist es nicht. "Die Synergieeffekte wie im Bereich der Marktkommunikation", sagt Freier, „könnten noch einheitlicher sein. Besser wäre, wir könnten einfach mal umsetzen, Erfahrungen sammeln und später gezielt nachschärfen."
Europas Energieregulierung bleibt fragmentiert
Es gelte für Energieanbieter wie der EWR, die Stärke der Region zu nutzen: die Wasserkraft der Alpen, die Pumpspeicher, die Nähe zu den Verbrauchern, die Kenntnisse über das eigene Netz. Gleichzeitig funktioniert dieses regionale System längst nicht mehr isoliert. Strompreise entstehen europäisch, Energieflüsse orientieren sich an Märkten und Wetterlagen weit über Tirol und Bayern hinaus.
Bildergalerie: Energie aus den Alpen
Während europäische Märkte abstrakt wirken, entscheidet sich die Energiewende konkret vor Ort: Wo entstehen Ladepunkte? Wie werden Netze erweitert? Welche Infrastruktur ist sinnvoll? Für die Elektrizitätswerke Reutte liegt genau darin die Zukunft der Systemintegration – lokale Stärke mit europäischer Vernetzung verbunden.
Vielleicht beschreibt genau das die neue Rolle regionaler Versorger in Europa: nicht mehr isolierte Betreiber einzelner Netze sein. Sondern Knotenpunkte in einem größeren System.
Wasserstoff in Europa: Warum neue Wasserstoffnetze entstehen
Während Strom und Wärme bereits über Grenzen fließen, benötigt die Europäische Energieintegration auch den Blick auf das, was künftig fließen soll: Wasserstoff. Der Fernleitungsnetzbetreiber Bayernets wirkt bei Projekten mit, die weit über die Region hinausreichen. Es ist Teil eines Netzes, das Energie über Kontinente bewegen soll. Wo heute noch Erdgas fließt, soll morgen Wasserstoff transportiert werden - von Nordafrika über Italien bis nach Deutschland.
Und Bayernets entwickelt mit weiteren beteiligten Betreibern die Korridore. "Besonders bei potenziellen Wasserstoffkunden wie Schwerindustrie, Stahl oder Chemie braucht es riesige Energiemengen", sagt Jonas Heilhecker. "Das wird nicht allein national entschieden werden können, sondern im Zusammenspiel auf europäischer und weltweiter Ebene. Analog wie heute bei Erdgas."
HyPipe Bavaria-The Hydrogen Hub und H2 cross border: So wächst Europas Wasserstoffinfrastruktur
Heilhecker entwickelt für Bayernets Wasserstoffprojekte, etwa das Projekt HyPipe Bavaria-The Hydrogen Hub, ein über 300 Kilometer langes Wasserstoffnetz, das in den frühen 2030er Jahren in Betrieb genommen werden soll - von der deutsch-österreichischen Grenze über München bis Richtung Baden-Württemberg. Neben diesen Plänen ist ein weiteres internationales Projekt namens H2 cross border bereits in der Umsetzung, 14 Kilometer zwischen Pilsbach und Wasserburg am Inn. Und hier fließt bereits seit September 2024 grüner Wasserstoff - vom Elektrolyseur durch umgebaute Erdgaspipelines bis zum Molkereiunternehmen Meggle.

Es ist ein Pilotprojekt. Bislang wird Wasserstoff dem Erdgas beigemischt – in kleinen Mengen, technisch kontrollierbar. "Wir bewegen uns noch in einem niedrigschwelligen Bereich", sagt Heilhecker. "Aber es hilft uns beim Wasserstoffhochlauf zu partizipieren."
Doch das System stößt an regulatorische Hürden. Herkunftsnachweise von Wasserstoff können nicht einfach über Grenzen hinweg gehandelt werden. Was Österreich bereits anerkennt, wird in Deutschland erst aufgebaut.
Grüner Wasserstoff in Europa: Die größten regulatorischen Hürden
"Wir konnten mit dem Projekt zeigen, dass der bilanzielle Handel von grünem Wasserstoff noch gar nicht so möglich ist, wie Behörden und Politik häufig suggerieren“ sagt Heilhecker. Nach dem Motto: Ihr müsst nur Wasserstoff produzieren und Kunden können ihn beziehen. Doch so leicht ist es nicht." Die Physik ist europaweit gleich, die Systeme und Märkte sind es nicht. Noch nicht. In Planungsrunden spricht Heilhecker deshalb nicht nur über Leitungen, sondern auch über Regeln, Finanzierung und Risiko. Wer investiert zuerst? Wer trägt die Unsicherheit?
Politische Entscheidungen, regulatorische Veränderungen oder wirtschaftliche Entwicklungen in einem Teil wirken sich auf andere aus. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten, wird Stabilität zur Frage des Gleichgewichts. "Trotz aller regionalen Unterschiede brauchen wir ein einheitliches System", sagt Heilhecker. Wir werden große Mengen Wasserstoff benötigen. Und diese Mengen brauchen wir auch, um wettbewerbsfähig zu sein. Es muss das Ziel sein, dass Europa einen funktionierenden, einheitlichen Wasserstoffmarkt gestaltet."
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Systemfrage der Energiewende: Schafft Europa es, aus vielen nationalen Interessen, Regeln und Infrastrukturen ein gemeinsames Energiesystem zu bauen.
Anders gesagt: Die Energiewende endet nicht an Landesgrenzen.
Sie beginnt dort.

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