Sieben mal drei Meter Grundfläche: Von außen ähnelt die Anlage einem grünen Schiffscontainer. Im Inneren Leitungen, Ventile, Wärmetauscher und keramische Hochtemperatur-Brennstoffzellen. Sie sind das Herzstück der Anlage, die auch als reversibles Kraftwerk bezeichnet wird. Die Technik, die das Start-up Reverion entwickelt hat, zielt auf eine der zentralen Fragen der Energiewende ab: Wie lässt sich erneuerbare Energie genau dann verfügbar machen, wenn sie gebraucht wird?
Wind und Sonne erzeugen mal viel und mal wenig Energie. Diese Schwankungen will Reverion mit der Anlage ausgleichen. Sie kombiniert mehrere Systeme: Kraftwerk, Elektrolyseur, Energiespeicher und Carbon Capture (CO2-Abscheidung). Die Brennstoffzellen, genauer gesagt die Festoxidbrennstoffzellen, erzeugen Strom aus Biogas, Biomethan, Erdgas oder Wasserstoff. Das Gas wird dabei elektrochemisch umgewandelt und nicht wie in einem klassischen Blockheizkraftwerk verbrannt.

Mehr Start-up-Portraits
Start-up HeatbrAIn: Bessere Daten für die Wärmewende – Gebäudedaten, KI und Prognosen: Wie heatbrAIn den Wärmebedarf in Kommunen berechnet. Mehr erfahren
Start-up Heatrix: XXL-Föhn statt Gas und Öl – Grüne Prozesswärme in der Industrie steckt noch in den Kinderschuhen. Mit heißer Luft will Heatrix die Produktion nachhaltiger machen. Zum Beitrag
Start-up Revincus: Energie aus dem Abwasser – Energiequelle aus dem Abfluss: Revincus möchte die Wärmegewinnung aus Abwasser in Mehrfamilienhäusern etablieren. Zum Portrait

Nach Angaben des Unternehmens entsteht bei der Stromerzeugung reines biogenes CO2 (aus organischem Material), das sich abtrennen und nutzen lässt. Das Besondere an der Anlage ist: Der Prozess lässt sich auch umkehren. Erzeugen Wind und Sonne mehr Strom als gebraucht wird, arbeitet die Anlage als Elektrolyseur.
Mit dem überschüssigen Strom wird Methan oder grüner Wasserstoff erzeugt, der als Speicher dienen kann. Bei Bedarf wird aus dem Gas wieder Strom erzeugt. In weniger als einer Minute kann die Anlage im Realbetrieb von Gas-to-Power auf Power-to-Gas umschalten. Das entstandene CO2 wird gespeichert oder vermarktet. Zum Beispiel wird es bei der Getränkeherstellung gebraucht.
Wie effizient arbeitet das System?
Reverion hat zunächst Kraftwerke mit 100 kW elektrischer Leistung (ausreichend für rund 100 Haushalte) entwickelt, nun folgt die Skalierung auf 500 kW. Die Kraftwerke seien sehr effizient und die neuartigen Hochtemperatur-Brennstoffzellen, die das junge Unternehmen entwickelt und sich hat patentieren lassen, können doppelt so viel Strom erzeugen wie traditionelle Biogas-Blockheizkraftwerke mit Gasmotoren.
Felix Fischer, Chief Operating Officer von Reverion, sagt: „Unser Brennstoffzellensystem ist ein hervorragender Energiewandler, um Biogas oder Wasserstoff in Strom umzuwandeln. Der Wirkungsgrad, also die Effizienz, liegt bei bis zu 80 Prozent. Zum Vergleich: Blockheizkraftwerke kommen auf etwa 40 Prozent.“ Die ersten Anlagen sind bereits in Betrieb. Durch ihre Flexibilität können sie auch die Netze entlasten.

Ausgründung aus der Technischen Universität München
Hervorgegangen ist das Start-up aus Forschungsprojekten an der Technischen Universität München (TUM). 2022 gründeten fünf Wissenschaftler und Ingenieure Reverion in Eresing bei München. Inzwischen arbeiten rund 200 Beschäftigte daran, aus Pilotanlagen und Kleinserien eine skalierbare Produktion zu machen. Für den Hochlauf hat das Unternehmen externe Geldgeber: 2024 erhielt das Start-up in einer Series-A-Runde, einer Finanzierungsphase für junge Unternehmen, um weiteres Kapital von Investoren zu bekommen, 62 Millionen US-Dollar für die Serienfertigung.
Großer Markt bei bestehenden Biogasanlagen
Kunden sind derzeit vor allem Betreiber von Biogasanlagen. Ob Landwirte, Stadtwerke oder Energieversorger. Das Potenzial sei enorm, sagt Fischer. Allein in Deutschland gibt es rund 9.000 bis 10.000 Biogasanlagen. Wie viel zusätzliche gesicherte Leistung daraus tatsächlich entsteht, hängt ab von Gasverfügbarkeit, Investitionskosten, Netzanbindung und Betriebsweise. Fischer rechnet optimistisch und kommt auf die Leistung von etwa zwanzig Kernkraftwerken.
Die Anschaffung lohne sich, die Kosten hätten sich nach etwa fünf Jahren amortisiert, sagt er. Zum Beispiel dadurch, dass Strom, Wasserstoff oder Methan selbst genutzt und Überschüsse sowie das abgeschiedene CO2 vermarktet werden. Die 500 kW-Anlage kostet etwa 2,5 Millionen Euro. Eine Alternative ist: mieten. Für ein 100 kW-Modell belaufen sich die Kosten pro Jahr auf mehr als 100.000 Euro.
Sieben Anlagen sind inzwischen in Betrieb. Ein Reverion-Container steht im baden-württembergischen Mühlacker auf dem Gelände einer Biogasanlage. Ein anderer wird bei der BioEnergie in Waldmünchen in Bayern an einer güllebasierten Biogasanlage eingesetzt. Dort soll das selbst erzeugte Methan unter anderem genutzt werden, um Landmaschinen damit zu betreiben statt mit Diesel. Im H2 Reallabor Burghausen, an dem unter anderem Wacker Chemie und OMV beteiligt sind, wird die Reverion-Technologie mit 500 Kilowatt Brennstoffzellen- und 1,5 Megawatt Elektrolyseleistung in einer Biogasaufbereitungsanlage für den Feldversuch erprobt. Es geht darum, die Dekarbonisierung eines Chemiestandortes voranzutreiben.
Welche Rahmenbedingungen Reverion fordert
Um weiter zu wachsen, benötige das Unternehmen verlässliche Regeln für Netzentgelte, den Netzzugang, die Einspeisung sowie die Zukunft der Biogasanlagen. Neue Förderprogramme seien nicht notwendig, sondern Planungssicherheit, sagt Fischer: „Wir brauchen Pragmatismus und Klarheit für zehn bis zwanzig Jahre. Für Betreiber, Banken und Hersteller ist entscheidend, dass Regeln nicht ständig neu verhandelt werden.“

Zurück zum Magazin-Schwerpunkt „Systemfrage“
