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Polykrise:

Kritische Infrastrukturen resilient halten

Wie Energie- und Versorgungssysteme heute widerstandsfähiger werden können: ein Gastbeitrag von Ortwin Renn.

Portrait Ortwin Renn

© Robert Albrecht / BDEW

 

Am Morgen des 3. Januar 2026 kam es zu einem Brandanschlag auf die Strominfrastruktur im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorf. Die Folgen waren ein großflächiger Stromausfall über mehrere Tage, etwa 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen waren zeitweilig ohne Strom. Die kalte Witterung erschwerte die Reparaturarbeiten erheblich, erst am 7. Januar war die Stromversorgung vollständig wiederhergestellt. Der Anschlag entfachte die Debatte um die Resilienz Kritischer Infrastrukturen neu. Doch was ist Resilienz eigentlich und wie wird sie hergestellt?

Grundsätzlich versteht man unter Resilienz die Fähigkeit technischer, sozialer und politischer Systeme, ihre Funktionsfähigkeit auch unter hoher Belastung aufrechtzuerhalten oder rasch wiederherzustellen. Dabei geht es jedoch nicht um das starre Festhalten am Status quo. In Zeiten grundlegender Transformationen, etwa beim Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, wie sie die Energiewende erfordert,  bedeutet Resilienz vor allem: Veränderungen müssen robust und störungsarm bewältigt werden können.

Dreiklang der Resilienz

Drei eng miteinander verbundene Dimensionen der Resilienz kennt die Wissenschaft für Infrastrukturen wie Energieversorgung, Wasser, Verkehr oder Kommunikation: Technische Resilienz umfasst bauliche und konstruktive Eigenschaften wie redundante – also mehrfach vorhandene - und diversifizierte Systeme, dezentrale Strukturen, ausreichende Pufferkapazitäten, aber auch Betriebsweisen, die Fehler bei Anwendung oder Wartung tolerieren.

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Organisatorische und institutionelle Resilienz zeigt sich in flexiblen Entscheidungsstrukturen, klaren Zuständigkeiten, qualifiziertem Personal, adaptivem Management und einer engen Zusammenarbeit über Sektor- und Organisationsgrenzen hinweg. Ebenso wichtig ist aber auch die Soziale Resilienz, sie beschreibt die Fähigkeit der Bevölkerung, angemessen auf Krisen zu reagieren, tragfähige Unterstützungsnetzwerke zu nutzen und Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit zu akzeptieren — auch wenn diese kurzfristig mit Einschränkungen oder Kosten verbunden sein können.

Resilienz in Zeiten der Polykrise

In den vergangenen Jahren ist die Welt von mehreren schweren Krisen gleichzeitig betroffen. In der Forschung spricht man von einer „Polykrise“. Dazu zählen etwa die Corona-Pandemie, zunehmende Extremwetterereignisse infolge des Klimawandels, militärische Konflikte, Energie- und Nahrungsmittelkrisen, Cyberbedrohungen sowie wirtschaftliche Instabilität.

Typisch ist nicht nur die Vielzahl der Krisen, sondern ihre gegenseitige Verstärkung. Maßnahmen gegen die Pandemie führten beispielsweise zu globalen Störungen der Lieferketten; der Krieg in der Ukraine verursachte Engpässe bei Energie und Getreide, Extremwetterereignisse beeinträchtigen gleichzeitig Infrastruktur, Landwirtschaft und Versicherbarkeit. Solche Domino- und Kaskadeneffekte zeigen deutlich auf, wie eng wirtschaftliche, ökologische und politische Risiken miteinander verknüpft sind.

Jede einzelne Krise zwingt Gesellschaften, ihre Vorstellungen von Normalität anzupassen. Treffen mehrere Krisen gleichzeitig aufeinander, entsteht ein komplexes Geflecht miteinander verbundener Herausforderungen. Kritische Infrastrukturen sind davon besonders betroffen, da sie stark voneinander abhängig sind und Störungen sich über Versorgungsnetze und digitale Systeme schnell ausbreiten können.

Der Druck steigt

Die Verwundbarkeit dieser Infrastrukturen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Dafür gibt es mehrere Ursachen: Ein wichtiger Treiber ist der wachsende Druck auf natürliche Systeme durch Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen, der den Klimawandel verstärkt und Extremereignisse häufiger und intensiver werden lässt. Technische Anlagen geraten dadurch eher an ihre Belastungsgrenzen, was Ausfälle oder schwere Schäden wahrscheinlicher macht. Zugleich hat die zunehmende Vernetzung von Wirtschaft, Technik und Gesellschaft die Geschwindigkeit und Reichweite von Störungen erheblich erhöht: Probleme in Lieferketten, Finanzsystemen oder IT-Netzen können sich heute in kürzester Zeit global ausbreiten.

Hinzu kommt, dass finanzielle Engpässe häufig dazu führen, notwendige Wartungen oder Modernisierungen aufzuschieben – ein gutes Beispiel dafür ist das notorisch und buchstäblich auf Verschleiß gefahrene Schienennetz der Deutschen Bahn. Zu guter Letzt wirken sich auch soziale Spannungen, Ungleichheit und Vertrauensverluste negativ aus: Sie können die Handlungsfähigkeit von Organisationen schwächen, Reformprozesse blockieren und im Extremfall sogar in Sabotage, Desinformation oder Gewalt gegen Infrastruktur münden.

Resilienz durch gesellschaftliche Legitimität

Angesichts dieser Entwicklung sind Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gefordert, wirksame Strategien zur Stärkung der Resilienz zu entwickeln. Notwendig ist ein Governance-Ansatz, der technische, organisatorische und soziale Aspekte zusammenführt und Transformationsprozesse unterstützt – und nicht blockiert.

Da Polykrisen meist mehrere Bereiche gleichzeitig betreffen, wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Behörden, Unternehmen und Organisationen unverzichtbar. Gemeinsame Vorsorge, abgestimmte Krisenpläne, sektorübergreifende Übungen und der Austausch von Informationen helfen, isoliertes Handeln zu überwinden und Zielkonflikte zwischen verschiedenen Krisenlagen zu vermeiden. Gleichzeitig bietet die starke Vernetzung moderner Systeme auch Chancen: Werden zentrale Hebelpunkte identifiziert, können gezielte Maßnahmen große systemische Wirkungen entfalten. Innovative Technologien, neue Geschäftsmodelle, leistungsfähige Frühwarnsysteme und fundierte Politikberatung tragen dazu bei, Risiken früh zu erkennen und Kettenreaktionen zu begrenzen.

Technische Sicherheit kostet Geld

Eine entscheidende Voraussetzung bleibt jedoch die kontinuierliche Investition in Schutz, Wartung und Modernisierung. Unbestritten ist: Technische Sicherheit kostet Geld, was häufig im Spannungsfeld zu kurzfristigen Effizienz- und Sparzielen steht. Langfristig ist sie jedoch unverzichtbar, insbesondere angesichts wachsender Naturgefahren, Cyberangriffe und vorsätzlicher Anschläge. Dabei spielt auch die gesellschaftliche Akzeptanz eine zentrale Rolle. Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz greifen tief in bestehende Strukturen ein und können kurzfristig Belastungen verursachen, etwa durch höhere Preise, Baustellen oder veränderte Nutzungsgewohnheiten.



Deshalb ist es wichtig, Bürgerinnen und Bürger frühzeitig in die Analyse von Problemen und Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Partizipation stärkt Vertrauen, erleichtert schwierige Abwägungen zwischen Effizienz und Sicherheit und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass notwendige Veränderungen dauerhaft getragen werden.

Ausblick: Die Lücken schließen

Um den wachsenden Herausforderungen gerecht zu werden, braucht es neben politischen Maßnahmen auch integrierte Forschungs- und Innovationsansätze, die technische Zuverlässigkeit, organisatorische Anpassungsfähigkeit und gesellschaftliche Faktoren gemeinsam betrachten. Noch fehlt vielfach praktisches Wissen darüber, wie komplexe Polykrisen vorausschauend gemanagt und ihre Folgewirkungen begrenzt werden können.

Diese Wissenslücke zu schließen und Resilienz systematisch zu stärken, ist eine zentrale Aufgabe für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft — insbesondere für Betreiber kritischer Infrastrukturen und die Energiebranche. Nur so lässt sich Versorgungssicherheit auch in einer zunehmend unsicheren, vernetzten und dynamischen Welt langfristig gewährleisten.

Prof. Dr. Dres. h.c. Ortwin Renn 

ist Soziologe, Volkswirt und Nachhaltigkeitswissenschaftler. Er war von 1994 bis 2016 Lehrstuhlinhaber für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart. Vom 1. Februar 2016 bis zum 31. Dezember 2022 war Renn wissenschaftlicher Direktor am „Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS)“ in Potsdam. Er leitet weiterhin das gemeinnützige Forschungsinstitut Dialogik gGmbH für Wissenschaftskommunikation und Bürgerbeteiligung.


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