Die Ostsee bei Bornholm schäumte. Tagelang. Wie ein wütender Whirlpool sprudelte die Meeresoberfläche im September 2022, getrieben vom Methan aus den gesprengten Rohren der Nord-Stream-Pipelines. Ursprünglich sollten sie Deutschland und weite Teile Europas mit Erdgas beliefern – Energieversorgung, lange Zeit als sicher und günstig kalkuliert. Doch im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zeigten die Rohre aus Beton und Stahl ein weiteres Gesicht: Europas kritische Infrastruktur erwies sich als verwundbar.
Klar ist: In einem stark vernetzten und verdichteten System scheinen Effizienzgewinne und Verwundbarkeit zwei Seiten derselben Medaille zu sein. Wo Märkte, Netze und Lieferketten eng ineinandergreifen, entstehen Synergien – aber auch Kaskadeneffekte: Ein Zwischenfall bleibt selten lokal.
In dieser Gleichzeitigkeit von technischer Integration, geopolitischer Spannung und wachsender Systemkomplexität liegt ein Phänomen, das die energiepolitische Debatte zunehmend prägt: Verdichtung. Wenn Energieinfrastruktur, Sicherheitsfragen und Industriepolitik räumlich und funktional zusammenrücken, verändern sich Entscheidungslogiken. Auch der Krieg im Iran verändert die Ausgangslage spürbar. Die Frage lautet nicht mehr nur, wie Energie möglichst kostengünstig erzeugt wird – sondern wie Stabilität in einem eng gekoppelten System organisiert werden kann. Und welche Rolle die Energiewende dabei spielt.
Zwischen Effizienz und Verwundbarkeit
„Verdichtung”, sagt Dr. Jacopo Pepe, „beschreibt die Gleichzeitigkeit technologischer, industrieller und sicherheitspolitischer Prozesse im selben Raum.” Pepe ist Wissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) mit den Schwerpunkten Energieversorgungssicherheit, globale Konnektivität und Energiepolitik. Er berät Politikerinnen und Politiker vor wichtigen Entscheidungen, verfasst strategische Konzepte zur Geopolitik.
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Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine habe sich diese Verdichtung deutlich beschleunigt, sagt Pepe. Neue Importpartnerschaften würden geschlossen, Lieferketten diversifiziert und der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben. Zugleich habe sich die energiepolitische Perspektive verschoben: „Europa handelt nun auch aus einer sicherheitspolitischen Perspektive.“ Statt allein Klimaabkommen umzusetzen, gehe es darum, geopolitische Risiken zu reduzieren und Abhängigkeiten strategisch neu zu ordnen.
„Beim Ausbau erneuerbarer Energien tauschen wir eine Abhängigkeit nicht gegen eine ähnliche, sondern gegen diffusere Abhängigkeiten“, sagt Pepe. Der europäische Ausbau von Wind und Sonne könne die Eigenversorgung stärken. Statt eines dominanten Energiepartners setze Europa auf mehrere Quellen – und streue damit Risiken. Aber Risikostreuung hieße auch ein komplexeres Risikomanagement.
Europa ordnet Abhängigkeiten neu
Der europäische Ausbau von Wind und Sonne könne die Eigenversorgung stärken, vollständige Autarkie sei unrealistisch, betont Pepe. Europa bleibe in globale Energiemärkte eingebunden. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten – etwa von kritischen Rohstoffen, Technologien und Produktionskapazitäten außerhalb Europas. Auch sie müssen künftig sicherheitspolitisch mitgedacht werden. Resilienz entstehe daher nicht allein durch Technik, sondern durch Kooperation, Schutzkonzepte und politische Abstimmung.
Dabei werde die Verdichtung von Ressourcen, Technologien, Kapital, Infrastruktur und Industrie die Relevanz bestimmter Räume immer stärker prägen. Bestimmte Regionen würden strategische Bedeutung gewinnen, etwa der Nord- und Ostseeraum oder das östliche Mittelmeer.

So sollen bis 2050 die Anrainer der Nordsee per Ausbau bis zu 300 Gigawatt Windenergie erzeugen, wobei 100 GW grenzüberschreitend vernetzt werden sollen. So kann der Strom zwischen den Ländern direkt nach Angebot und Nachfrage verteilt werden und die Netze werden effizienter genutzt. Strom für Millionen Europäer also, der „größte Energiehub der Welt“ wie Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf dem Nordseegipfel der Anrainerstaaten Anfang 2026 mitteilte.
Energiepolitik: Außen- und Sicherheitspolitik
Für Pepe zeigt sich hier die neue Logik der Verdichtung besonders deutlich: Offshore-Windparks würden mit grenzüberschreitenden Netzen verknüpft, Häfen zu Umschlagplätzen für Wasserstoffderivate, Gasvorkommen zu strategischen Reserven. Energiepolitik sei damit längst mehr als eine Frage günstiger Lieferketten – sie werde zur Außen- und Sicherheitspolitik. Keine Diskussion über Energievorkommen komme ohne die Frage nach deren Schutz aus.
Eine mögliche Antwort auf die gestiegene Komplexität sei eine engere Koordinierung nationaler Politiken, etwa beim Netzausbau. Dabei gehe es nicht um Zentralisierung, sondern um abgestimmtes Vorangehen der unmittelbar betroffenen Staaten innerhalb der Europäischen Union, sagt Pepe.
Immerhin bewege sich die Politik inzwischen strategischer als noch 2022. Die energiepolitische Vorausschau verbinde heute quantitative Szenarien mit geopolitischen Analysen, so Pepe – etwa bei Wasserstoffkorridoren oder Netzentwicklungsplänen.
Ein Zurück werde es nicht geben. „Die Energiesysteme werden sich zunehmend verzahnen und integrieren. Nicht nur mit der Industrie, sondern auch mit sicherheitspolitischen Belangen.“ Ob diese Verdichtung zu mehr Effizienz oder zu neuer Fragilität führe, hänge letztlich von der Fähigkeit zu gemeinsamer Planung und Koordination ab.
2026 als Schlüsseljahr der Energiewende
Dabei gilt das Jahr 2026 als Schlüsseljahr der Energiewende. In allen Bereichen – Energie, Wärme, Verkehr - verdichtet sich der Entscheidungsdruck, wird nachjustiert und beschleunigt, um die Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 zu erreichen. Während Berlin und Brüssel noch verhandeln, wird in der Wirtschaft gehandelt.
Szenenwechsel. Münsterland, tiefes Westfalen. Backstein und Bauernhöfe, die Kirche noch mitten im Dorf, zum nächsten Bahnhof fahren Busse. Dennoch liegt hier in der Gemeinde Heek mit dem Hauptsitz des Unternehmens 2GEnergy ein weiteres Zentrum der Energiewende. Roter Klinker, hohe Glasfronten und die große Welt zeigen sich in den Flaggen Deutschlands und Europas vor der Eingangshalle.
Container statt Kühlturm: dezentrale KWK
Von einer Zwei-Mann-Idee zum börsennotierten Global Player bietet der Konzern Energielösungen mit Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und Großwärmepumpen. Über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln, planen und bauen die Projekte als wichtiger Baustein der zukünftigen Energieversorgung. Das Besondere: 2G Energy setzt auf dezentrale Bausteine. Genauer: auf Container statt Kühlturm. Bis zu siebzig Tonnen wiegt ein Container voller Wärme und Energie, dichtgedrängte Technik samt Kühlung und Schallschutz.
„Die Energiewende kann im Grunde nur dann erfolgreich sein, wenn zu der dezentralen Anordnung von PV und Wind auch eine dezentrale Backup-Struktur kommt“, sagt Frank Grewe, Technikvorstand bei der 2G Energy AG.
In Grewes Containern sind Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen installiert, bei denen ein Motor Strom erzeugt. Gleichzeitig entsteht Wärme, die lokal genutzt werden kann – wie für Industrie- oder Gebäudeheizungen. Vermehrt werden die KWK Anlagen mit Wärmepumpen kombiniert, die von 2G ebenfalls hergestellt werden. So können schlüsselfertige Gesamtlösungen angeboten werden. Wenn ausreichend Strom aus erneuerbaren Quellen verfügbar ist, übernimmt die Wärmepumpe - zu Zeiten hoher Strompreise und wenig Erneuerbaren im Netz kommt die KWK-Anlage zum Einsatz. Von 20 bis 4.500kW reiche die Leistung. Die „Plug and Play“ Konstruktion – KWK und Wärmepumpe verbaut in einer Einheit – erlaubt einerseits größtmögliche Flexibilität, erhöht auf der anderen Seite aber auch die Komplexität der Konstruktion und Projektierung.
So ersetzen kleine Einheiten wenige große – und schaffen Redundanz im System.
Digitalisierung und modulare Systeme
2G Energy habe deshalb seine Anlagen früh standardisiert. „Wir können die Anlage hier im Werk bis auf wenige Schnittstellen komplett vorfertigen und haben dann ganz wenig Installationsaufwand vor Ort“, sagt Grewe. Projekte können daher innerhalb von wenigen Monaten realisiert werden.
Schnelligkeit wird zur strategischen Ressource. Dezentralität zur Form von Resilienz. Verteilte Einheiten sind weniger anfällig für Ausfälle, flexibler im Betrieb. Dort, wo Netze unter Druck stehen, bieten dezentrale Container schnelle Stabilität.
Anlagen werden zudem digital überwacht, Sensorik und Plattformtechnologien ermöglichen vorausschauende Wartung. Physische Verdichtung geht mit digitaler einher. Es gehe darum, in die modularen, containerisierten Lösungen so viel Technologie zu packen, sagt Grewe, dass auf die vorgefundene Infrastruktur flexibel und zuverlässig reagiert werden kann. Die Module, sagt Grewe, seien ein weiterer Baustein zum Gelingen der Energiewende. Allerdings ein wesentlicher.
Agri-PV: Mehrfachnutzung von Flächen für Energie und Landwirtschaft
Während in Heek die Energiewende gestapelt werden kann, liegt sie auf den Solarparks des Unternehmens GP Joule nebeneinander. Nahe der Donau weckt eine müde Morgensonne langsam die Wiesen, Nebel hebt sich vom Gras. Der weiße Schleier verdeckt noch die dunklen Silhouetten, die gereiht und geordnet auf den Flächen Platz finden: ein schwarzes Meer aus Silizium und Glas – Solarmodule.

Dazwischen jedoch klingen Glocken von Schafen, die das Gras unter den aufgeständerten Modulen kurzhalten. Anderswo sind solche Wiesen längst Äcker geworden mit Kartoffeln, Getreide oder Beeren. Hinter der süddeutschen Idylle arbeiten Landwirtschaft und Energieerzeugung zusammen. Ruhe und ein hochkomplexes System ergänzen sich. Ganz im Sinne der Energiewende. Solarparks, die zugleich als Weide- und Ackerland genutzt werden. Mehr Leistung auf gleicher Fläche, mehr Funktionen in einem Raum, mehr Systemverantwortung an einem einzelnen Standort.
Von Wiesen zu Kraftwerken
Seit 2009 plant und baut GP Joule Solar- und Windparks, inzwischen auch Wasserstoff- und Batteriespeicherprojekte. Ziel ist ein grünes Energiesystem für Haushalte, Verkehr und Industrie. Was einst mit eigenen Solarkonstruktionen der Gründer begann, ist heute ein Konzern mit über 850 Mitarbeitenden und Auftraggebern wie VW oder Airbus.
Auch in den Solarparks zeigt sich Verdichtung: Kabel unter der Erde, darüber Agrarflächen, Tiere, Module. Wechselrichter wandeln Strom, Sensoren melden Erträge in Echtzeit. Ernte und Energie greifen ineinander.
Für Annette Gärtner, Strategisches Relationship-Management bei GP Joule, bedeutet diese Doppelnutzung vor allem eine Aufwertung: Module schützen Pflanzen vor Hagel, spenden Schatten, senken Verdunstung und bieten Landwirten wirtschaftliche Perspektiven in Zeiten des Klimawandels. Agri-PV sei ein kleiner, aber fester Bestandteil der Planung.
„Verdichtung ist mehrschichtig. Mittlerweile kann man auf einer bestimmten Fläche deutlich mehr Energie gewinnen”, sagt Gärtner. Bei Agri-PV benötigen die Modulreihen zwar größere Abstände, mehr Technik und behördliche Regularien, was die Wirtschaftlichkeit beeinträchtigen könne. Dennoch: Die Effizienz der Module sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, ebenso die planerische Integration von Ausgleichsflächen und Biodiversitätsmaßnahmen. So trägt die Doppelnutzung von Flächen zum Umweltschutz bei.
Die Königsdisziplin der Integration
Dazu rückt eine weitere Verdichtung in Gärtners Fokus: die Integration technischer Komponenten. Panels, Batteriespeicher und Wärmepumpen arbeiten zusammen. Wertschöpfung entsteht durch Zusammenspiel. Eine klassische Anlage ohne Speicher und nahe Netzanbindung sei kaum noch wirtschaftlich.
Die Integration von PV, Speicher und Power-to-Heat nennt Gärtner die „Königsdisziplin“. Erzeugung, Speicherung und Einspeisung werden verknüpft, Skaleneffekte entstehen, Akzeptanz steigt – etwa, wenn Solarstrom mithilfe einer Großwärmepumpe vor Ort warmes Wasser speichert – zum Heizen von Gebäuden in der Umgebung.
Doch Effizienz allein löst keine Systemfrage. Netzzugänge fehlen, Genehmigungen dauern, Regulierung bleibt unsicher. Dezentrale Einspeisung verlangt neue Steuerung, Redispatch und Kostenverlagerungen nehmen zu. Doch die Verdichtung von Systemen schafft Abhilfe: Wenn direkt an den Stromerzeugungsanlagen, vor dem Anschluss ans öffentliche Netz, Wärme produziert wird, der Strom in Speicher fließt oder über eine Direktleitung an Unternehmen geliefert wird, entlastet das die Stromnetze, senkt den Redispatch und damit die Kosten für alle.
Die ländliche Szenerie ist in Wahrheit ein hochkomplexes Ökosystem aus Technik, Politik und Marktmechanismen. Module spenden Schatten, Schafe pflegen die Fläche, Wechselrichter wandeln Strom. Jeder Teil erfüllt seine Funktion – und ist zugleich abhängig vom anderen. Verdichtung beschreibt deshalb nicht nur einen technischen Zustand, sondern eine neue Realität: viele Einheiten statt weniger Leitungen. Viele Schnittstellen statt eines Nadelöhrs. Die Verwundbarkeit verschwindet damit nicht. Doch sie verteilt sich anders.
Mit anderen Worten: Die Nord Stream Pipelines waren ein Strang.
Die Wiese ist ein Netz.

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