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Daseinsvorsorge: "Der kurze Draht zu den Entscheidern hilft."

Daseinsvorsorge in Zeiten von Corona? Wichtiger denn je. Die Herausforderung: Innovationen nicht verpassen. Ein Blick in die Kommunen

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© Illu: BDEW

Auch wenn das öffentliche Leben fast zum Stillstand gekommen ist – es gibt Dinge, die sind immer und umso mehr gefragt: Strom, Wasser und Wärme zum Beispiel. Doch wie sorgt man dafür, dass der Strom für die Verbraucherinnen und Verbraucher weiterhin wie selbstverständlich aus der Steckdose kommt? "Als Stadtwerke sind wir Partner der Kommune. Gerade jetzt zahlt sich aus, dass wir einen guten Draht zu den Entscheidern haben", sagt Volker Schneider. "Wir unterhalten enge Kontakte zu Politik und Verwaltung, die Zusammenarbeit klappt sehr gut – darin sehe ich die größte Stärke kommunaler Unternehmen." 

Schneider weiß, wovon er spricht: Seit 1992 ist er Geschäftsführer der Zwickauer Energieversorgung (ZEV), seit 2012 zudem Geschäftsführer der Stadtwerke. Die sind in Zwickau als Finanzholding mit zwei Töchtern organisiert: Neben der ZEV zählen die städtischen Verkehrsbetriebe dazu. Die Oberbürgermeisterin ist Aufsichtsratsvorsitzende der ZEV, in beiden Gesellschaften sitzen Stadtratsmitglieder im Aufsichtsrat – die Wege sind dadurch kurz. "Wir kennen die Ansprechpartner und wissen, an wen wir uns wenden müssen. Das merkt man besonders in der ­aktuellen Situation", so Schneider. Enger Kontakt besteht auch zu den Kundinnen und Kunden: "Wir sind einfach näher dran – auch an denen, die sich Sorgen machen. Wenn es zum Beispiel um Zahlungspläne geht, können wir vor Ort ­individuell reagieren." 

»Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur«

Allerdings habe es gedauert, bis die Energieversorgung nach Ausbruch der Pandemie als systemrelevant wahrgenommen wurde, sagt Schneider. Dabei zählt der Leitstand zu den kritischen Infrastrukturen, auch das Netz anderer Städte wird von dort aus überwacht. "Lediglich acht Angestellte decken dort alle Schichten rund um die Uhr ab. Gibt es einen Zwischenfall, müssen die Kollegen vor Ort sein. Doch nicht in allen Krisenstäben war das Bewusstsein dafür vorhanden, wie immens wichtig diejenigen sind, die sicherstellen, dass alle anderen mit Strom versorgt sind." Heute steht im Leitstand neben Feldbetten auch ein Kicker – Vorbereitung auf den Ernstfall, falls das Team am Arbeitsplatz isoliert werden muss. "Die kurzen Wege, zum Beispiel ins Gesundheitsamt, das unseren Evakuierungsplan abgenommen hat, sind unheimlich wichtig dafür, dass das System aktuell so reibungslos funktioniert", so Schneider. Zugleich sei man mit denen eng verbunden, die jetzt Unterstützung anbieten. Das örtliche Krankenhaus ist als städtisches Unternehmen einer der größten Kunden.


Stromverbrauch

Im Alltag verantwortet die Zwickauer Energieversorgung die Strom-, Erdgas- und Wärmeversorgung der viertgrößten Stadt Sachsens, mischt aber auch bei Zukunftsprojekten mit: Zusammen mit der Stadt baut die ZEV das Ladesäulennetz aus – bis 2022 sollen in Zwickau, wo VW den elektrischen ID3 baut, mehr als 50 öffentliche Ladepunkte entstehen. Außerdem engagiert sich das Unternehmen beim Wärmewende- und ­Klimaschutzprojekt "Zwickauer Energiewende Demonstrieren". Nicht zuletzt gilt die ZEV als ausgezeichneter Arbeitgeber, wurde 2019 als Deutschlands bester Ausbildungsbetrieb in der Sparte Energieversorgung prämiert. Die Ausbildungsquote liegt dauerhaft bei über zehn Prozent, unter 200 Mitarbeitenden sind aktuell 27 Auszubildende und Studierende. "In meinem Büro hängt ein Bild mit 50 oder 60 Angestellten der Energieversorgung, die alle hier ausgebildet wurden", sagt Schneider stolz. "Uns ist es wichtig, unser Mitarbeiterteam selbst zu rekrutieren."

Sind örtliche Vereine auf der Suche nach ­einem Sponsor, können sie die Sparkasse fragen, vielleicht noch die lokale Brauerei – oder eben die Stadtwerke. Volker Schneider, Geschäftsführer Zwickauer Energieversorgung (ZEV)

Ein anderes Ziel: Engagement im städ­tischen Alltag und für die Gemeinschaft zu zeigen. "In vielen Kommunen ist es doch so: Sind örtliche Vereine auf der Suche nach ­einem Sponsor, können sie die Sparkasse fragen, vielleicht noch die lokale Brauerei – oder eben die Stadtwerke." Seit sieben Jahren unterstützt die ZEV die Herrenmann­schaft des FSV Zwickau, die heute in der dritten Liga kickt, seit 25 Jahren die Zweit­­liga-Hand­bal­lerinnen des BSV Sachsen Zwickau. "Wir engagieren uns beim Kinderstadtfest Zwikkifaxx, fördern Soziales und die Kultur, etwa das städtische Museum und das Theater. Für mich ist es Teil der Daseinsvorsorge, dass Geld in die Breite fließt und in der Stadt bleibt, noch bevor es den Weg über die Gesellschafter geht", so Schneider. Und auch über die Stadtwerke kommen mögliche Gewinne wieder den Bürgerinnen und Bürgern zugute: Innerhalb der Holding soll die ZEV die Verluste der Verkehrsbetriebe ausgleichen und trägt so dazu bei, das Nahverkehrsangebot zu sichern. Die Stadtwerke Zwickau Holding GmbH wiederum sorgt dafür, dass die Mittel der ZEV für diesen Ausgleich ausreichen – und darüber hinaus noch etwas im städtischen Haushalt ankommt. 

Mit steuerlichem Querverbund zum Freibad

Gute 450 Kilometer weiter westlich setzt die Energie- und Wasserversorgung Bünde in Ostwestfalen auf ein ähnliches Modell des steuerlichen Querverbunds. Der kommunale Versorger beliefert die 47.500-Einwohner-Stadt und die umliegenden Gemeinden mit Gas, Wasser und Wärme. Einer der Gesellschafter sind die Bünder Bäder. "Damit wir weiter zum Wohl der Stadt arbeiten können, ist es wichtig, dass dieses Finanzierungsmodell erhalten bleibt", sagt Dr. Marion Kapsa, die dort zum 1. Dezember 2019 die Geschäftsführung übernommen hat. "Ansonsten könnte sich eine Stadt wie Bünde den Neubau des Freibads nicht leisten." In Bünde sind die Bereiche Gas und Wasser so profitabel, dass sie den Betrieb der Bäder gewährleisten. Das Zehn-Millionen-Euro-Projekt Freibadneubau ist aktuell das größte und wichtigste Vorhaben für die Bürgerinnen und Bürger in Bünde. 

Wir müssen im Blick haben, dass uns die Trinkwasserversorgung in den nächsten 50 Jahren vor große Herausforderungen stellen wird. Das können wir nicht ausblenden und unseren Nachfolgern überlassen. Marion Kapsa, Geschäftsführerin Energie- und Wasserversorgung Bünde GmbH

"Wir sehen uns selbst in der Rolle ­eines Dienstleisters für die Kommune. Unser Selbstverständnis entspricht unserem Slogan Näher dran", sagt Kapsa. "Wir pflegen langjährige Kontakte zu unseren Sondervertragskunden, ­arbeiten eng mit der regionalen Wirtschaft zusammen, von den großen Industriebetrieben bis hin zu den kleinen Handwerksbetrieben, die wir anfragen, wenn wir Aufträge zu vergeben haben. Die Zusammenarbeit mit der kommunalen Verwaltung ist sehr gut und über die Jahre gewachsen, die Abstimmungswege sind kurz." Gerade in der Krise habe sich das bewährt. Dabei will die EWB nicht nur kurz- und mittelfristig die Versorgung sicherstellen, betont die Geschäftsführerin: "Wichtig sind mir auch strategische Themen wie Digitalisierung, Elektromobilität und Erneuerbare Energien. Wir müssen langfristig denken und uns zum Beispiel fragen, welche neuen Angebote wir im Bereich Digitalisierung machen und welche innovativen Technologien wir einsetzen können – etwa die Netzwerktechnologie ­LoRaWAN, Long Range Wide Area Network. Und wir müssen im Blick haben, dass uns die Trinkwasserversorgung in den nächsten 50 Jahren vor große Herausforderungen stellen wird. Das können wir nicht ausblenden und unseren Nachfolgern überlassen. Innovation spielt also eine sehr große, sehr wichtige Rolle."

Innovation als Frage der Unternehmenskultur

Bernd Reichelt, Teamleiter Personalmanagement und Mitglied der Geschäftsleitung der Stadtwerke im knapp zwei Autostunden entfernten Menden, kann dem nur zustimmen: Auch hier im Sauerland ist Innovation ein zentrales Thema der Stadtwerke. Das spiegelt sich deutlich im Unternehmensleitbild wider, das kürzlich von Führungskräften der Stadtwerke gemeinsam mit den kommunalen Vertreterinnen und Vertretern des Aufsichtsrats überarbeitet wurde. Neben den traditionellen Geschäftsfeldern Strom, Gas, Wasser und Wärme zählen darin auch die Zukunftsfelder Mobilität und Digitalisierung zur Daseinsvorsorge; seit kurzem ist dies sogar im Gesellschaftervertrag verankert. "Wir sind von Haus aus ein klassisches Stadtwerk mit 143 Mitarbeitenden, ein zu 100 Prozent kommunales Unternehmen und seit mehr als 150 Jahren in der Stadt verwurzelt. Unsere Grundmotivation ist, für die Gemeinschaft hier vor Ort als Dienstleister da zu sein. Kundinnen und Kunden spüren das an unserer 24/7-Präsenz, aber auch an unseren Innovationsprojekten", sagt Reichelt. Entscheidend sei es, das Dienstleistungsangebot ständig weiterzuentwickeln. Dafür bedürfe es eines gewissen Mindsets, schließlich müssten Innovationsthemen im ersten Schritt bei den eigenen Mitarbeitenden verankert werden. Ob das gelingt, sei vor allem eine kulturelle Frage: "Wir können viele Dinge nur deshalb angehen, weil wir in den letzten Jahren intern eine sehr dezentrale Struktur aufgebaut haben."


Daseinsvorsorge

Bereits seit 2015 sind Unternehmens- und Führungskultur Dauerthema bei den Stadtwerken Menden. Seither gibt es im Unternehmen nur noch eine Führungsebene: die der Teamleiterinnen und Teamleiter, die insgesamt 22 Teams koordinieren. Alle arbeiten gemeinschaftlich auf Augenhöhe, eng vernetzt und transparent, zugleich aber dezentral und recht autark. "In der Corona-Krise zahlt sich aus, dass wir einander immer mehr Eigenständigkeit zugetraut haben. Das ist organisatorisch wie technisch gemeint: Die Kolleginnen und Kollegen haben unter anderem mobile Endgeräte und damit Zugriff auf alle relevanten Informationen und Kommunikationskanäle. Im Alltag können wir aus dieser Struktur heraus gut die Daseinsvorsorge im klassischen Sinne erfüllen und dabei auch neue Projekte verfolgen." Rund 40 Projekte bei den Stadtwerken werden derzeit im Stil eines klassischen Projektmanagements mit dem bestehenden Mitarbeiterstamm umgesetzt. "Viel Eigeninitiative, hohe individuelle Kompetenzen und eine große Portion Leidenschaft sind gefragt, werden gefördert und ermöglicht – Tun, ­Entscheiden und Verantworten in einer beziehungsweise wenigen Händen ist dabei das Erfolgsrezept."


Energieabsatz

So kümmert sich zum Beispiel ein dreiköpfiges Projektteam ausschließlich um die Themen Digitalisierung und Mobilität, erarbeitet Ideen, aus denen zwar selten gleich im ersten Schritt ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht – trotzdem gibt es Lernkurven, Netzwerke entstehen. "Unsere Gesellschafterin und wir haben das gemeinsame Verständnis, dass Innovation auch in wirtschaftlich härteren Zeiten nicht gebremst werden sollte", sagt Reichelt. Ein Teil der Kosten kann daher aus kommunalen Eigenmitteln gestemmt werden. Eine zweite Säule der Finanzierung bilden Fördermittel: Vier größere Projektanträge der Stadtwerke wurden in den letzten zwei Jahren positiv beschieden. Gemeinsam mit der Stadt Menden war man zum Beispiel bei der "Smart Cities made in Germany"-Ausschreibung des Bundesinnenministeriums erfolgreich, auch hier dank der Eigenmotivation der Mitarbeitenden: "Arbeiteten bei uns alle nur nach Vorgaben, würde das nicht funktionieren." So aber befasst sich das Team nun mit der Automatisierung von Geschäftsprozessen sowie komplexen digitalen Anwendungen, viele davon im Mobilitätsbereich. Dabei geht es um mehr als etwa die Standortberechnung für neue Ladesäulen: "Die Frage ist, wie Mobilität im ländlichen Raum in Zukunft aussieht und wie wir diese gewährleisten. Dafür arbeiten wir unter anderem daran, die Möglichkeiten der Großstadt wie autonomes Fahren oder Fahrdienste in den ländlichen Raum zu holen", so Reichelt. Durch solche Zukunftsprojekte werde auch die kommunale Zusammenarbeit zwischen Stadtwerken und Stadtverwaltung sowie die Zusammenarbeit mit Hochschulen und der Industrie gestärkt. Denn schließlich, sagt Reichelt, sei ja genau das kommunale Daseinsvorsorge: die Infrastruktur und zugehörige Dienstleistungen bereitstellen – und damit das Umfeld attraktiv und lebenswert zu halten.

Text: Christiane Waas


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