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Breitbandausbau:

Von Null auf Hundert

Oberstadion war bis vor kurzem ein weißer Fleck auf der Breitbandlandkarte. Heute ist die Kommune auf dem neuesten Stand der Technik.

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© Robert Albrecht/BDEW

Schön ist es in Oberstadion. Die sechs Ortschaften der 1.600-Einwohner-Gemeinde schmiegen sich in die hügelige grüne Landschaft am Fuße der Schwäbischen Alb, historische Gebäude zeugen von einer reichen Vergangenheit. Menschen kommen auf der Schwäbischen Barockstraße und dem Bodenseeradweg, um Erholung zu finden. Zugleich liegt die Kommune in einer wirtschaftlich potenten und dynamischen Region: In den nahe gelegenen Mittelzentren Ehingen (Donau), Laupheim und Biberach an der Riss haben etliche Unternehmen ihre Heimat – von „klassischen“ Mittelstandsbetrieben bis hin zu Global Playern wie Liebherr, Boehringer Ingelheim oder Diehl Aviation. Auf den ersten Blick herrschten in Oberstadion ideale Bedingungen für die Blüte einer Gemeinde. Doch als Kevin Wiest im Jahr 2016 nach Oberstadion kam, fand er kein Wachstum vor. Die Ursache war eindeutig: Es fehlte die Anbindung an das weltweite Datennetz.

Rückkehr in die digitale Steinzeit

Den damals 36-jährigen Diplom Finanzwirt – geboren in Konstanz und aufgewachsen in Ulm – zog es nach verschiedenen beruflichen Stationen in Nordrhein-Westfalen zurück in die Heimat. 2016 galt es, das Bürgermeisteramt in Oberstadion neu zu besetzen. Kevin Wiest war interessiert und machte sich ein Bild der Lage. Und die war schockierend: „Standard in Oberstadion war damals Modemgeschwindigkeit – 312 Kilobit pro Sekunde. Und aufgrund des lückenhaften Netzes war der Handyempfang schlecht bis unmöglich. Internet ging im Grunde einfach nicht, und das im Jahr 2016.“, erinnert sich Kevin Wiest. „Ich war das Leben in Großstädten gewohnt und konnte es fast nicht glauben. Einfache Mails brauchten mehrere Minuten; wenn ich einen größeren Dateianhang versenden wollte, habe ich den auf einen USB-Stick gezogen und bin mit dem Auto dorthin gefahren, wo schnelleres Netz verfügbar war. Es war wie die Rückkehr in die Steinzeit.“

Dem Bürgermeisterkandidaten war klar: Hier war Abhilfe dringend nötig. Und das machte er zu seinem zentralen Wahlkampfthema. Und die Botschaft kam an bei den Menschen: 87 Prozent der Wählerinnen und Wähler gaben ihm ihre Stimme.

Eine wegweisende Entscheidung

Eine Grundentscheidung war zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen: Oberstadion sollte ans Erdgasnetz angeschlossen werden, die Mitverlegung von Datenkabeln war bereits beschlossene Sache. Doch das hätte die Probleme der Kommune nur sehr bedingt gelöst: Zum einen wollte der Gasversorger die Leitungen lediglich entlang der Hauptstraße verlegen, zum anderen stand nur der Anschluss von Verteilerkästen (FTTC – Fiber to the Curb) im Raum. Das hätte auf Dauer eine maximale Bandbreite von 50 Megabit/Sekunde bedeutet.

Für Kevin Wiest stand fest: Das wird schon sehr bald nicht mehr reichen, und dann ist die Gemeinde wieder abgehängt. In Gesprächen mit dem Gasversorger und über große Informationsveranstaltungen für die Bürger konnte er erreichen, dass die allermeisten Haushalte ans Gasnetz angeschlossen wurden und damit auch einen Glasfaseranschluss (FTTB – Fiber to the Building) bekamen. Dafür musste die Gemeinde zwei Millionen Euro an Eigenmitteln in das Projekt einbringen. Auch wenn davon die Hälfte aus Landes- und Bundesmitteln zugeschossen wurde, war dies ein finanzieller Kraftakt für die verschuldete Kommune. Doch der neue Bürgermeister hatte den Gemeinderat von der Sinnhaftigkeit dieser Zukunftsinvestition überzeugen können.

Ein Innovationsschub durch Corona

Der sprichwörtliche erste Spatenstich erfolgte im Sommer 2017, gut zwei Jahre später war das kommunale Glasfasernetz fertig und ging in Betrieb. „Im Nachhinein kann man fast von einer zeitlichen Punktlandung sprechen“, blickt Kevin Wiest zurück. „Denn wenige Monate später kam die COVID-19-Pandemie. Und ohne unser neues Netz wäre an Homeoffice oder Distanzunterricht nicht einmal zu denken gewesen.“ Für die Gemeindeverwaltung brachte die Corona-Krise einen Innovationsschub. „Ständig gab es neue Anordnungen und Regeln, ich kam mit dem Veröffentlichen nicht mehr hinterher. Was ich mittwochs ins Amtsblatt geschrieben habe, wurde am Donnerstag gedruckt und war am Freitag, wenn es verteilt werden sollte, oft schon wieder überholt. Am Anfang habe ich die Bürgerinnen und Bürger per Messenger informiert, wenn auf offiziellen Websites neue Regeln und Verordnungen veröffentlicht worden waren“, blickt der Bürgermeister zurück. „Doch das konnte keine Dauerlösung sein.“

So entschied man sich für eine App, die eine Vielzahl von Funktionen hat. Neben Bekanntmachungen können die Menschen unter anderem eine Vielzahl von Informationen abrufen, Behördentermine buchen und Mängel wie etwa defekte Straßenlaternen an die Verwaltung melden. „Das macht es für die Bürgerinnen und Bürger sehr komfortabel und erleichtert meinen Mitarbeiterinnen  ihre Arbeit“, freut sich Kevin Wiest. Und die erfolgreiche Digitalisierung von Oberstadion trägt weitere sichtbare Früchte: Die Gemeinde wächst. Wollte bis 2016 niemand in die digitale Wüste ziehen, so sind Bauplätze inzwischen sehr begehrt.

Ist Oberstadion ein Vorbild?

Kann seine Gemeinde also Vorbild für andere weiße Flecken auf der Breitband-Landkarte sein? Kevin Wiest ist hier sehr zurückhaltend „Für uns war es ein absoluter Glücksfall, dass zur rechten Zeit die Gasleitungen verlegt wurden. Ohne dies wäre in unserer dünn besiedelten Kommune mit ihren kleinen Ortschaften nicht denkbar gewesen. In ‚kompakteren‘ Kommunen sind die Bedingungen für einen marktgetriebenen Anschluss, unter Umständen nach vorgeschalteter Bedarfsermittlung und Zusage einer bestimmten Anzahl von Nutzerinnen und Nutzer, weitaus günstiger.“ Dennoch dürfe man das Ziel, möglichst überall in Deutschland Breitbandversorgung zu schaffen, nicht aus den Augen verlieren.



Doch als Finanz- und Wirtschaftsfachmann warnt er vor Aktionismus: „Ich denke, dass Kommunen und Unternehmen auf verschiedensten Wegen Dinge voranbringen können, und freue mich über jede Gemeinde, jeden Ort, der ans schnelle Datennetz geht. Doch Geld ist in diesem Zusammenhang nicht alles: Man braucht auch Leute, die es gut unter die Erde bringen. Aus meiner Sicht ist ein auf Dauer angelegter kontinuierlicher Ausbau sinnvoll und notwendig. Auch mit noch so großen Sofortprogrammen lassen sich jahrelange Versäumnisse nicht wettmachen.“

Kevin Wiest

… brachte das schnelle Internet nach Oberstadion. Nach der Polizeiausbildung in Biberach und ersten Dienstjahren in Ulm verließ der heute 42-Jährige Schwaben. Nach weiteren Jahren beim Zollkriminalamt in Köln wechselte Wiest zum Zollfahndungsamt Essen, parallel absolvierte er an der Fachhochschule des Bundes ein Studium zum Diplom Finanzwirt (FH). 2016 zog er zurück in seine Heimat, wo er seitdem als hauptamtlicher Bürgermeister von Oberstadion tätig ist.


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