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Nach der Flut:

Vom Ahrtal zum SolAHRtal

Das Ahrtal – eine künftige Modellregion für Erneuerbare Energien?

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© Robert Albrecht/BDEW

Dass die Klimakrise längst in Deutschland angekommen ist, spiegelt die Flutkatastrophe im Ahrtal wider, deren Bevölkerung sich angesichts der kommenden Monate vor dem Kälteeinbruch fürchtet: Voraussichtlich werden tausende Haushalte im Winter ohne Heizung auskommen müssen, weil Reparaturen und Neuinstallationen noch bis Februar andauern. Schließlich zerstörten die Wassermassen im Sommer nicht nur große Teile der Wohnungen und Häuser, sondern auch fast zwei Drittel aller Heizungen, wie die Energieagentur Rheinland-Pfalz ermittelte. Deren Umfragen ergaben zudem, dass sich 84 Prozent der Menschen den Aufbau einer nachhaltigen Energieinfrastruktur wünschen.

Zerstörte Infrastruktur als Chance für einen Neuanfang

Der Umbau des Ahrtals in ein „SolAHRtal“ ist ein Vorschlag hierzu und stammt von den „Scientists for Future“. Deren Impulspapier dient dem Umwelt-Fachausschuss des Kreises Ahrweiler als Basis seiner neuen Projektgruppe „Energiebewusstes Bauen und Nutzung regenerativer Energien im Ahrtal“. Im Zentrum des Konzepts: ein ganzheitlicher Ansatz rund um Wohnen, Arbeiten und Mobilität mit dem Ziel, bis 2030 Strom, Wärme, Verkehr und Industrie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu beziehen, erläutert Mitautor Urban Weber von der Technischen Hochschule Bingen. Die vielfach zerstörten Infrastrukturen böten die Chance, „quasi bei null“ anzufangen. „Dadurch können wir beim Aufbau einer eng verzahnten Stadt-, Regional- und Energieplanung schneller vorankommen als andere Länder.

Ahrtal: Die Folgen der Flut

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Neu sei der Rückgriff auf Technologien wie die energetische Gebäudesanierung, verbunden mit nachhaltiger Wärmeversorgung, nicht. „Aber wenn es gelingt, diese konsequent umzusetzen, könnte das Ahrtal zur Modellregion für Deutschland werden“, meint der Professor für Physik und angewandte Materialwissenschaften. Besonders im Falle von Neubauten bzw. von erneuerungsbedürftigen Heizungen sei deren Energieeffizienz sehr hoch. „Wärmenetze können den Anteil Erneuerbarer Energie in diesem Bereich, der bundesweit erst bei 15 Prozent liegt, massiv erhöhen.“ Im Gegensatz zu den Vorteilen von Photovoltaik- und Windkraftanlagen sei der nachhaltige Nutzen lokaler Wärmenetze leider noch viel zu wenig bekannt, bedauert Weber. Und das, obwohl Nah-Wärme auf lange Sicht deutlich günstiger sei als Öl und Gas, deren Preise stark schwankten bzw. immer mehr anstiegen. 

Neue Öl- und Gasheizungen: Nur eine Notlösung?

Allerdings erfordert eine kommunale Wärmeplanung auch einen größeren Planungsaufwand, was den Aufbau eines lokalen Wärmenetzes betrifft. „Jede Kommune muss vor Ort evaluieren, welche Wärmequellen sich möglicherweise nutzen lassen.“ Mal eigne sich die Abwärme von Industrieanlagen, mal die aus Steh- oder Fließgewässern. Auch Geothermie sei eine Option, ebenso wie Bio-Gase aus Blockheizkraftwerken. Dass viele Ahrtaler trotzdem auf Öl und Erdgas setzen und sich neue Heizungen einbauen lassen, sei verständlich und bedauerlich zugleich. „Jetzt zählt, dass die Menschen nicht frieren müssen. Aber diese Anlagen können nur Provisorien sein, weil Rheinland-Pfalz längst entschieden hat, in fünf bis zehn Jahren auf fossile Energien zu verzichten.“ Spätestens dann müssten Neu-Besitzer von Öl- und Gasheizungen für ihre „Fehlinvestitionen“ kompensiert werden, prognostiziert Weber. Das gelte auch für diejenigen, die lieber heute als morgen auf nachhaltige Energieerzeugung umsteigen würden, aber mangels Alternativen zum Kauf herkömmlicher Anlagen gezwungen sind. „Wenn sich deren Kommune ein, zwei Jahre später doch noch für Wärmenetze entscheidet, muss auf lokaler Ebene eine Lösung gefunden werden, damit die Leute nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben.“

Streit um Sichtachsen: Wieviel Windräder verträgt die Landschaft?

Um den Übergang zur Klimaneutralität bis 2040 effektiv zu gestalten, seien neben finanziellen Anreizen aber auch partizipative Dialog- und Beratungsprozesse nötig. Denn auch der Ausbau von Sonnenenergie und Windkraft benötige die Zustimmung der breiten Bevölkerung. Schließlich müssten im Landkreis jährlich sechs bis zehn Windkraftanlagen errichtet und 35 Hektar an Freifläche für Photovoltaik-Anlagen bebaut werden, abgesehen von Solarwärme-Kollektoren an Dächern und Hangflächen: Eingriffe in den öffentlichen Raum, die die Lebensqualität ebenso veränderten wie die erforderliche Einführung von klimafreundlicher Mobilität. Im touristisch bedeutenden Ahrtaler Weinanbau- und Wandergebiet führe das durchaus zu Gegenwind, sagt Weber. „Umso wichtiger, dass alle Kommunen beim Thema Raumplanung ohnehin mitentscheiden – auch über die Gestaltung neuer Sichtachsen.“ Weber vertritt die These: Auch ein verändertes Landschaftsbild samt Windrädern und Sonnenkollektoren kann eine starke Strahlkraft haben, „als Symbol für eine vorbildliche Energieregion“. 

Energienetze der Zukunft: Ein Geben und Nehmen

Dieser Begriff umreißt den Anspruch, innerhalb eines landesweiten Bilanzkreises möglichst viel selbst produzierten Wind- und Solarstrom zu verbrauchen, damit die niedrigen Strompreise direkt beim Verbraucher ankommen. „Das funktioniert, weil alle Energie einspeisen und zugleich entnehmen. Auf diese Weise können sie sich dem wechselnden Angebot flexibel anpassen.“ 



Und wie begegnet er grundsätzlichen Einwänden von Menschen, die im Ahrtal zurzeit existenzielle Sorgen umtreiben? Die Herstellung von Sicherheit und Normalität sei ein vordringliches Ziel, räumt Weber ein; dennoch dürfe dieses legitime Interesse der Betroffenen politisch nicht gegen das langfristige Ziel einer Energiewende in Rheinland-Pfalz ausgespielt werden: „Für das SolAHRtal brauchen wir einen langen Atem. Man muss jetzt damit anfangen, um in zehn Jahren dort zu sein, wo wir in Sachen nachhaltiger Energieerzeugung langfristig hinwollen!“ 

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