Verhärtete Fronten bei der Energiewende lassen sich nach Einschätzung des Konfliktforschers Adam Kahane nicht allein durch mehr Fakten aufbrechen. In gesellschaftlichen Konflikten bewerten Menschen Informationen unterschiedlich und gewichten etwa Ökosysteme, Versorgungssicherheit, Arbeitsplätze oder regionale Identität verschieden. Kahane empfiehlt deshalb, die eigene Rolle im Konflikt zu hinterfragen, die Beweggründe des Gegenübers zu verstehen und gemeinsam einen größeren Zusammenhang in den Blick zu nehmen.
Verständnis bedeutet dabei nicht, eine andere Position zu übernehmen. Die Energiewende ist für Kahane ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel, für den es selten einen fertigen Masterplan gibt. Fortschritt erfordert daher Mut zum Handeln, gemeinsames Lernen und die Bereitschaft, den eingeschlagenen Kurs bei Bedarf zu korrigieren.
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Wenn die Fronten so verhärtet sind, dass ein Dialog unmöglich scheint, schlägt die Stunde von Adam Kahane. Der kanadische Organisationsberater, Konfliktlöser und Bestsellerautor gilt weltweit als einer der führenden Experten für die Bewältigung scheinbar unlösbarer gesellschaftlicher und politischer Krisen.
Berühmt wurde Kahane Anfang der 1990er-Jahre in Südafrika: Als Ermöglicher der legendären „Mont-Fleur-Szenarien“ brachte er führende Köpfe des Apartheid-Regimes und des African National Congress (ANC) an einen Tisch, um gemeinsam die Zukunft des Landes zu planen – ein Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie. Im März 2026 ist sein neuestes Buch „Mit Feinden verhandeln“ in Deutschland erschienen.

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Herr Kahane, wenn Sie heute einen Workshop mit Gegnern und Befürwortern der Energiewende moderieren würden: Welche einfache Regel oder Übung hilft, aus verhärteten Rollen auszubrechen?
In festgefahrenen Konflikten denken Menschen oft, dass sich vor allem die anderen ändern müssten. Das ist verständlich, führt aber selten weiter. Eine meiner Übungen besteht darin, die eigene Rolle im System zu betrachten: Wie trage ich selbst zu der Situation bei, die ich kritisiere? Wenn wir erkennen, dass das Verhalten eines Systems das Ergebnis vieler einzelner Beiträge ist, entsteht eine andere Perspektive.

Dann lautet die Frage nicht nur: „Wie bringe ich die anderen dazu, sich zu ändern?“, sondern auch: „Was kann ich selbst anders machen, damit sich etwas bewegt?“ Ebenso wichtig ist es, Menschen zunächst als Menschen zu begegnen und nicht nur als Vertreter einer Position. Wer versteht, was dem Gegenüber wichtig ist und warum jemand handelt, wie er handelt, muss dessen Sichtweise nicht übernehmen. Aber das Verständnis eröffnet neue Möglichkeiten für Zusammenarbeit. Der erste Schritt aus dem Schützengraben besteht oft nicht darin, den anderen zu überzeugen, sondern darin, die gemeinsame Situation besser zu verstehen.

Viele Akteure der Energiewende sagen: „Die Fakten liegen doch auf dem Tisch.“ Warum reicht das in komplexen gesellschaftlichen Konflikten oft nicht aus?
Klingt plausibel, greift aber zu kurz. Konflikte entstehen selten deshalb, weil Informationen fehlen. Oft geht es darum, welche Informationen Menschen für besonders wichtig halten. Die einen betrachten vor allem die Fakten zur Belastbarkeit der Ökosysteme. Andere legen größeren Wert auf Versorgungssicherheit, Arbeitsplätze - oder regionale Identität. Wenn jede Seite nur auf „ihre“ Fakten schaut, entsteht schnell der Eindruck, die andere Seite sei irrational oder verweigere sich der Realität.

Tatsächlich betrachten die Beteiligten oft unterschiedliche Ausschnitte derselben Realität. Deshalb hilft es wenig, einfach mehr Daten auf den Tisch zu legen. Entscheidend ist vielmehr, ein gemeinsames Verständnis des größeren Zusammenhangs zu entwickeln. Da gibt es diese schöne Parabel von den blinden Männern und dem Elefanten: Jeder ertastet einen anderen Teil und zieht daraus seine eigenen Schlussfolgerungen. Fortschritt aber entsteht dann, wenn wir versuchen, das gesamte Bild zu erkennen. Genau das ist in gesellschaftlichen Transformationsprozessen wie der Energiewende erforderlich.

Sie sagen, Konflikte müsse man nicht sofort „lösen“, sondern gemeinsam einen Weg durch Unsicherheit finden. Was bedeutet das für die Energiewende als Großprojekt?
Wir sprechen bei der Energiewende nicht über ein technisches Problem mit einer bekannten Lösung, die nur noch umgesetzt werden muss. Wir sprechen über einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, bei dem unterschiedliche Interessen, Erwartungen und Unsicherheiten aufeinandertreffen. In solchen Situationen gibt es selten einen fertigen Masterplan. Der chinesische Reformpolitiker Deng Xiaoping beschrieb seinen Ansatz einmal mit den Worten: „Wir überqueren den Fluss, indem wir nach den Steinen tasten.“

Genauso verstehe ich auch die Energiewende. Sie erfordert Mut zum Handeln, die Bereitschaft zum Lernen und die Fähigkeit, Kurskorrekturen vorzunehmen. Und sie gelingt eher, wenn wir diesen Lernprozess gemeinsam gestalten, statt in getrennten Lagern auf die Fehler der jeweils anderen Seite zu warten.

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