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Windkraftanlagen a.D.: Zweites Leben für die Energiewende

Was passiert mit Windkraftanlagen, deren Weiterbetrieb sich nicht mehr rechnet? Zwischen recyclen und verkaufen – ein Überblick

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© Foto: Adobe Stock

Als die Bundesregierung 2011 ihr neues Energiekonzept vorlegte, hatte das für Bernd Weidmann Signalwirkung. Der Digitalunternehmer, der zuvor einen Onlinemarktplatz für Pferdeliebhaber aufgebaut hatte, entschloss sich zum Quereinstieg in die Energiebranche: mit einer Plattform für gebrauchte Windenergieanlagen. "Ich habe gemerkt: Bei Erneuerbaren Energien geht es jetzt voran, das ist eine Zukunftsbranche. Das Unglück in Fukushima brachte auch Deutschland zum Umdenken. Da wollte ich dabei sein", sagt er rückblickend. 

Seit der Übernahme eines niederländischen Mitbewerbers 2016 ist Weidmanns Portal windturbine.com der größte Handelsplatz weltweit für Windkraftanlagen aus zweiter Hand; das Handelsvolumen 2019 geben die Betreiber mit 2,7 Milliarden Euro an. Ein Großteil der Angebote auf dem Portal stammt aus Deutschland, Gesuche und Käufer kommen aus aller Welt. Wurden die ersten Windräder der günstigeren Logistik wegen vor allem nach Polen und Osteuropa verkauft wurden, wächst das ­Interesse mittlerweile auch auf dem Balkan und in den Maghreb-Staaten. Bis nach Lateinamerika werden regelmäßig Anlagen verschifft. "Wir hätten am Anfang nicht gedacht, dass das so international werden würde", sagt Weidmann.

Ruhe vor dem Sturm

Vor allem die ersten Windkraftanlagen im Norden Deutschlands kommen in die Jahre. Für sie läuft die 20-jährige Förderung nach dem ersten Erneuerbare-Energien-Gesetz aus dem Jahr 2000 aus. Dann gilt es, die Optionen gut abzuwägen: zum Beispiel online verkaufen oder weiterbetreiben? Auf Repowering setzen oder ganz demontieren? Auf einer Karte der Industrievereinigung Repowering, Demontage und Recycling von Windenergieanlagen, kurz RDRWind e. V., signalisieren gelbe Punkte vor allem an den Küsten und in Niedersachsen diese Standorte. "Derzeit ist in Deutschland mehr als jede zweite der rund 30.000 Windkraftanlagen älter als zehn Jahre, fällt also bis 2030 aus der Förderung. Bereits 2021 betrifft das mehr als 5.000 Anlagen", so der RDRWind-Vorsitzende Martin Westbomke. 

Wir hätten am Anfang nicht gedacht, dass das so international werden würde. Bernd Weidmann, windturbine.com

Im Prinzip wisse aber niemand genau, wie sich die Betreiber entscheiden und wann in den nächsten Jahren wie viele Anlagen zurückgebaut werden: Schließlich kostet allein ein Weiterbetriebsgutachten mehrere Tausend Euro. Viele Betreiber beschäftigt außerdem die Frage nach der künftigen Wirtschaftlichkeit, wenn die Erlöse vor allem von den Preisen am Spotmarkt der Strombörse abhängen. Auch politische Entscheidungen, etwa zu Abstandsregelungen und Boni, spielen eine Rolle. Allerdings registriere die Branche vermehrt Angebotsanfragen für 2021. Westbomke ist sich daher sicher: "Wir erleben jetzt die Ruhe vor dem Sturm – höchste Zeit, Standards zu schaffen." Noch im Sommer will die RDRWind daher gemeinsam mit Partnern eine entsprechende DIN-Richtlinie vorlegen.

Weltweite Standards für den Rückbau

Die in der Vereinigung engagierten Entsorgungsunternehmen sehen dem erwarteten Rückbau-Ansturm gelassen entgegen. Größere Herausforderungen gebe es keine: Die Bremer Firma Neocomp beispielsweise verwertet heute – je nach Material und Verfahren – bis zu 60 Prozent eines Rotorblatts stofflich, vor allem als Sandersatz in der Zementindustrie. Bis zu 40.000 Jahrestonnen an zerkleinerten Rotorblättern aus Faserverbundkunststoffen kann die Anlage schaffen. Auch im Bereich Betonrecycling und Recyclingbeton wird geforscht. Für den reibungslosen Abbau binden die Entsorger zudem oft dieselben Unternehmen ein wie beim Aufbau. Gleichzeitig setzt sich die RDRWind für eine lückenlose Dokumentation der Pläne und verbauten Materialien ein. Die DIN-Richtlinie macht daher Vorschläge, welche Dokumente Betreiber beim Abbau bereithalten sollten. 

Wir wollen zeigen, dass Betreiber und Industrie ihre Verantwortung ernst nehmen, auch beim Rückbau. Annette Nüsslein, RDRWind e.V.

Auch die Gefahren des unsachgemäßen Zerlegens auf Baustellen sind ein Thema. "Die Richtlinie ist betreiberorientiert. Sie gibt Hinweise, wie man nachhaltig demontiert und dafür das richtige Unternehmen findet", so Westbomke. Das sei auch für Kommunen und ihre Behörden wichtig. "Nach Lesen der DIN wissen die, was zu tun ist." Und Stellvertreterin Annette Nüsslein ergänzt: "Wir wollen mit dieser DIN zeigen, dass Betreiber und die Industrie ihre Verantwortung über den gesamten Lebenszyklus der Anlagen ernst nehmen, auch beim Rückbau. Damit setzen wir nicht nur europaweit, sondern weltweit Standards. Deutschland war Vorreiter der Energiewende. Mit der DIN schaffen wir erneut ein Best Practice." Das könne dazu beitragen, das Vertrauen in die Windkraft nachhaltig zu stärken, und in Zukunft bei der Suche nach Rückbaupartnern wie ein Gütesiegel funktionieren.

B2B-Plattform mit Mehrwert

Die Erneuerbaren Energien voranzubringen und die Position der deutschen Windbranche international zu stärken, hat sich auch Bernd Weidmann mit seinem Onlinemarktplatz auf die Fahnen geschrieben. "Über Plattformen kann man Einkäufer und Verkäufer schnell zusammenbringen. Auch Schwellenländer können dadurch diese saubere Energieform nutzen und günstig in die Energiewende einsteigen", sagt er. Die meisten Second-Hand-Anlagen können erfahrungsgemäß am neuen Standort noch einige Jahre laufen. "Für die Hersteller ist das eine Chance, dort im Anschluss neue Technologien zu verkaufen und neue Märkte zu erschließen – auch über unsere Plattform", so die Vision. 


Windabbau

Dafür will Weidmann die Verkaufsplattform künftig zu einer digitalen Dienstleistungsplattform ausbauen, über die auch Neuanlagen, Projektbegleitung und weitere Services angeboten und vermittelt werden. Schon heute suchen dort beispielsweise Windparkbetreiber Partner für den Rückbau. Seit 2019 kooperiert das Portal zudem mit dem Start-up Nefino und integriert dessen "Windparkcheck". Mithilfe detaillierter Standortdaten und auf Basis künstlicher Intelligenz können Betreiber ihre Optionen nach Ende der EEG-Förderung prüfen. "Wir eröffnen damit eine Schnittstelle zu externen Anbietern", so Weidmann. "In Zukunft wollen wir noch mehr nützliche Tools und digitale Helferlein an das Portal andocken. Davon leben erfolgreiche Plattformen." Im internationalen Markt der boomenden B2B-Plattformen wolle man so von Deutschland aus mitspielen. "Die Idee, die Leistungen der deutschen Windindustrie über die Plattform in die Welt zu tragen, stößt in der Branche auf reges Interesse – zumal Messen und Events aufgrund der Corona-Krise ausfallen." 

Text: Christiane Waas


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