Vertrauen in das Gelingen der Energiewende ist nach Einschätzung von Manfred Fischedick eine zentrale Voraussetzung für die weitere Transformation in Deutschland. In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch verfünffacht und liegt bei über 55 Prozent; zugleich wurden die Treibhausgasemissionen seit 1990 etwa halbiert. Für das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045 sind weitere Veränderungen auch in Gebäuden, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft erforderlich.
Fischedick betont dafür verlässliche politische Rahmenbedingungen, eine gerechte Verteilung von Chancen und Lasten sowie breite gesellschaftliche Beteiligung. Akzeptanz könne insbesondere entstehen, wenn Menschen vor Ort einen Nutzen erfahren und demokratische Gestaltungsmöglichkeiten erhalten. Die Energiewende verbindet er zudem mit Versorgungssicherheit, geringerer Abhängigkeit von fossilen Energieimporten sowie Investitionen und Innovationen.
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Die Umsetzung der Energiewende schreitet voran – viel schneller als viele gedacht haben. In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch verfünffacht und liegt jetzt bei über 55 Prozent. Die Treibhausgasemissionen konnten seit 1990 in etwa halbiert werden. Das kann sich sehen lassen, auch international. Gemessen an der Zielsetzung, bis 2045 treibhausgasneutral werden zu wollen, ist das Glas aber gerade einmal halb voll – nun muss die zweite Hälfte in einem deutlich kürzeren Zeitraum „nachgeschenkt“ werden. Doch dieser entscheidende Schritt erfolgt in einer Zeit, in der sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben.

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Wir erleben derzeit eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Krisen: den fortschreitenden und auch in Deutschland immer mehr spürbaren Klimawandel mit gesundheitlichen Folgen für vulnerable Bevölkerungsgruppen und immer größeren wirtschaftlichen Schäden, geopolitische Konflikte auf nahezu allen Kontinenten, wirtschaftliche Unsicherheiten durch verschärften globalen Wettbewerb – und eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung.
Gerade die aktuellen geopolitischen Konflikte haben in Politik und Gesellschaft zu einer deutlich veränderten Risikowahrnehmung geführt. Für viele Menschen – und Institutionen – entsteht aus dieser Gemengelage ein Gefühl permanenter Unsicherheit und Überforderung.
Akute Reaktionen, lange Linien
In einer solchen Situation richtet sich die Aufmerksamkeit verständlicherweise auf das jeweils Dringendste. Politik muss auf akute Krisen reagieren (Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit, Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit), gesellschaftliche Debatten fokussieren auf kurzfristige Veränderungen wie ökonomische Entlastungen. So geraten langfristige Zukunftsaufgaben leicht aus dem Blick.

Das Ausblenden zukünftiger Herausforderungen ist jedoch hochproblematisch. Einerseits nimmt man sich die Möglichkeit, sich proaktiv darauf vorzubereiten; andererseits – mindestens genauso problematisch – übersieht man, dass in jeder Veränderung auch Chancen stecken können.
Das gilt auch für die Energiewende: In einer Zeit großer Umbrüche müssen wir nicht nur deutlich machen, in welchen Bereichen Veränderungen notwendig sind, sondern vor allem auch, mit welchem Nutzen diese verbunden sind. Und diesen Nutzen gibt es ja: Die mit der Energiewende verbundene Verringerung der Importströme fossiler Energieträger erhöht die Versorgungssicherheit, verringert die Abhängigkeit von volatilen Energieträgerpreisen, die Energiewende führt zu einer erhöhten Investitions- und Innovationsdynamik und schafft mehr Möglichkeiten zur Teilhabe und partizipativen Gestaltung. Die Energiewende ist also keine zusätzliche Aufgabe, die wir uns in ruhigeren Zeiten „leisten“ können. Sie ist Teil moderner Daseinsvorsorge – und damit auch Teil einer vorausschauenden Sicherheits- und Resilienzpolitik.
Vertrauen in das Gelingen als zentrale Voraussetzung
Was es jetzt mit Blick auf die globale und nationale Großwetterlage mehr denn je braucht, ist eine gemeinschaftliche Anstrengung. Das klingt nach einer Binsenweisheit, ist in der Praxis jedoch herausfordernd. Die große Frage ist: Wie können wir einen gemeinschaftlichen Aufbruch erreichen? Die Antwort: Wir müssen dafür in einem zentralen Punkt deutlich besser werden – dem Vertrauen in das Gelingen der Energiewende, in die Machbarkeit.
Ich denke, es braucht dafür eine Kehrtwende in der Art und Weise, wie wir heute über die Energiewende sprechen. Der aktuelle Diskurs ist weitgehend geprägt durch negative Nachrichten und Schlagzeilen wie dem vielzitierten „Heiz-Hammer“ oder auch dem vermeintlichen „deutschen Sonderweg“. Das war nicht immer so. Es muss und darf auch nicht so bleiben. Es braucht mehr positive, mitnehmende Erzählungen über das, was im Kleinen und im Großen gelingt – von der Errichtung innovativer großer Flusswärmepumpen bis hin zu Bürgernahwärmeprojekten.

Vertrauen in das Gelingen der Energiewende steht und fällt aber auch mit dem Vertrauen in die Politik und die demokratischen Gestaltungsmöglichkeiten für derart große strukturelle Veränderungen. Politik muss den Mut aufbringen, einen kontinuierlichen Pfad vorzugeben und dadurch Planungssicherheit zu schaffen und Gestaltungslust zu wecken. Verantwortungsvolle und auf Vertrauen ausgerichtete Politik darf auch dann keinen Rückzieher machen, wenn die Widerstände zunehmen. Und das geschieht zwangsläufig, wenn die Energiewende näher heranrückt an die Lebenswirklichkeit der Menschen – an die Heizung im Keller oder das eigene Mobilitätsverhalten.
Die Umsetzung der Energiewende war bisher für viele Menschen eher etwas Abstraktes, geprägt durch den Wechsel von fossilen Großkraftwerken zu erneuerbaren Energien. Die Klimaziele umfassen aber alle Emissionen - auch aus den Sektoren Gebäude, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft. Motivation für das Mitgestalten der Energiewende kommt dann, wenn der private und gesellschaftliche Nutzen der Transformation besser erklärt und die verbundenen Chancen deutlicher herausgestellt werden. Helfen kann dabei auch, die Bezugsgröße richtig zu setzen: Die Alternative zur Energiewende ist nicht ein „Weiter wie bisher“, sondern eine Welt mit immensen Kosten für die Anpassung an den Klimawandel und die Regulierung der Schäden. Anders gesagt: Nichthandeln wird sehr teuer.
Gerechte Lastenteilung ist entscheidend
Vertrauen heißt aber auch Vertrauen in eine gerechte Verteilung der Chancen und Lasten. Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass die Lasten des Wandels ungleich verteilt sind oder ihre Sorgen nicht ausreichend gehört werden, entstehen Frustration und Misstrauen. Gesellschaftliche Unsicherheit übersetzt sich dann häufig unmittelbar in politische Spannungen.
Dass wir ein Problem mit der Verteilungsgerechtigkeit und der Möglichkeit haben, Chancen wahrzunehmen, macht der aktuelle Armutsbericht der Bundesregierung deutlich. Erstmals widmet er dem Klimawandel ein eigenes Kapitel und warnt vor weiteren sozialen Verwerfungen.

Zum richtigen Umgang mit der Energiewende gehört aber auch, offen mit möglichen Konflikten umzugehen, diese früh zu antizipieren und mit passenden Diskursformaten darauf zu reagieren. Im Moment beobachten wir eher das Gegenteil: Debatten werden stärker moralisiert und emotionalisiert geführt. Die Bereitschaft, unterschiedliche Positionen auszuhalten und Kompromisse zu finden, nimmt ab.
Akzeptanz, Zuversicht und Beteiligung als zentrale Eckpfeiler
Wenn wir über die Umsetzung sprechen, sprechen wir auch über Zufriedenheit und Zuversicht als wichtige Treiberfaktoren und Grundvoraussetzung für Vertrauen: Vertrauen in demokratische Verfahren, in die Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen, in Mitmenschen – aber auch an die Möglichkeiten, gemeinsam etwas bewegen zu können. Und nicht zuletzt das Vertrauen darauf, dass das eigene Engagement einen Unterschied machen kann.
Eine gute Strategie genügt nicht. Entscheidend ist, ob es gelingt, Menschen auf diesem Weg mitzunehmen – ob die Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass sie sich beteiligen können, Verantwortung übernehmen und erleben, dass ihr Engagement etwas bewirkt und Multiplikatoreffekte auslöst.
Resilienz und Zusammenhalt entstehen dort, wo Menschen gemeinsam handeln und Verantwortung übernehmen. Breite Beteiligung ist deshalb weit mehr als ein „Extra“. Echte Akzeptanz wächst durch Vor-Ort-Nutzen und echte Demokratie bei der Umsetzung. Die Energiewende braucht Vertrauen, weil sie tief in unser tägliches Leben eingreift. Sie verdient dieses Vertrauen aber auch, weil ihr Gelingen wesentlich ist für eine sichere, bezahlbare und nachhaltige Zukunft. Wenn Politik, Wirtschaft und Bevölkerung diesen Weg gemeinsam als Partnerschaft begreifen, wird aus dem Notwendigen eine Erfolgsgeschichte.
Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick
ist Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer am Wuppertal Institut, außerdem seit 2008 außerplanmäßiger Professor des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Schumpeter School of Business and Economics an der Bergischen Universität Wuppertal.
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