Der Standort Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlich schwierigen Phase, entwickelt aber zugleich neue Investitionsschwerpunkte rund um Energiewende und Netzausbau. Während das verarbeitende Gewerbe und besonders energieintensive Branchen Produktion verlieren, investieren Stromnetzbetreiber Milliarden in neue Infrastruktur. Dadurch wächst die Nachfrage nach Kabeln, Transformatoren, Schaltanlagen, Speichern und Steuerungstechnik.
Unternehmen wie NKT und Siemens investieren unter anderem wegen der Nähe zu diesem Absatzmarkt, der industriellen Kompetenz und qualifizierter Fachkräfte in Deutschland. Standortnachteile wie hohe Energiekosten, Bürokratie, Fachkräftemangel und langsame Planungsprozesse bleiben bestehen. Ob die neuen Investitionen dauerhaft verlorene Wertschöpfung und Beschäftigung ersetzen können, ist offen und hängt auch davon ab, wie Deutschland seine strukturellen Standortprobleme angeht.
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Deutschlands Industrie steckt in einer schwierigen Phase: Die Automobilbranche baut Stellen ab, energieintensive Unternehmen klagen über Kosten und Bürokratie. Wer näher hinsieht, stellt jedoch fest: Die Krise in einzelnen Kernbranchen ist real und tiefgreifend, aber nicht flächendeckend.
2025 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt nach zwei Rezessionsjahren lediglich um 0,2 Prozent. Im verarbeitenden Gewerbe sank die preisbereinigte Bruttowertschöpfung zum dritten Mal in Folge, diesmal um 1,3 Prozent. Besonders Automobilindustrie und Maschinenbau hatten zu kämpfen.

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In den energieintensiven Branchen ist die Entwicklung besonders deutlich: Zwischen Februar 2022 und März 2026 sank ihre Produktion um 15,2 Prozent, in der Chemieindustrie sogar um 18,1 Prozent. Die Gründe liegen jedoch nicht nur in den Energiepreisen, sagt Tomaso Duso, Leiter der Abteilung Unternehmen und Märkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), in einem SPIEGEL-Interview: „Die seit Jahren andauernden politischen Diskussionen über den richtigen Kurs erzeugen große Unsicherheit und machen Investoren sehr unwillig, zu investieren. Aber Verantwortung liegt auch bei den Unternehmen selbst: Sie trauen sich nichts mehr.“
Investitionsschwäche – und neue Schwerpunkte
Trotz der gesamtwirtschaftlichen Investitionsschwäche wachsen die Investitionen in einzelnen Bereichen deutlich. Besonders sichtbar wird das dort, wo neue Infrastrukturen entstehen. Die deutschen Stromverteilnetzbetreiber investierten im Jahr 2024 laut Monitoringbericht der BNetzA rund 8,9 Milliarden Euro in ihre Netze – ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Übertragungsnetzbetreiber investierten weitere 16,5 Milliarden Euro.

Die Energiewende erzeugt Nachfrage nach Kabeln, Transformatoren, Schaltanlagen, Speichern, Steuerungstechnik und Dienstleistungen. Für Zulieferer kann die Nähe zu diesem wachsenden Absatzmarkt deshalb selbst zum Standortvorteil werden.
Ein Beispiel liefert der dänische Kabelhersteller NKT. Anders Jensen, Executive Vice President und CTO des Unternehmens mit rund 6.500 Mitarbeitern sagt: „Deutschland verfügt über eine starke industrielle Basis, weltweit anerkannte Ingenieurskompetenz und hochqualifizierte Arbeitskräfte. Hinzu kommen die ambitionierten Pläne des Landes zum Ausbau der Stromnetze.“ Dieses Zusammenspiel mache Deutschland für NKT zu einem attraktiven Standort für langfristige Investitionen.
Für rund 100 Millionen Euro erweitert NKT seit 2024 die Produktionskapazitäten seines Kölner Hochspannungswerks. Hintergrund sind unter anderem Großaufträge des Übertragungsnetzbetreibers Amprion.
Die Transformation als Markt
Auch Siemens investiert in diesen Markt. Der Konzern kündigte im Juli 2026 Investitionen von 300 Millionen Euro in Frankfurt und Offenbach an. Das bestehende Schaltanlagenwerk in Frankfurt soll erweitert, in Offenbach ein neues Zulieferwerk aufgebaut werden. Gefertigt werden Systeme für Energieverteilung, Rechenzentren, E-Mobilität und industrielle Anwendungen.
NKT und Siemens zeigen, dass sich parallel zur Krise traditioneller Industriezweige neue Investitionsschwerpunkte herausbilden. Ob dadurch verlorene Wertschöpfung und Beschäftigung in vergleichbarem Umfang ersetzt werden können, ist offen. Doch entscheidend für die Standortdebatte ist die Frage, warum Unternehmen trotz hoher Kosten und viel beklagter Bürokratie hier investieren. Warum Unternehmen dennoch in Deutschland investieren, zeigt NKT: Entscheidend sind die Nähe zum Absatzmarkt, industrielle Kompetenz und qualifizierte Fachkräfte.

Nicht zuletzt ist die deutsche Stromversorgung sehr zuverlässig: 2024 waren Stromkunden in Deutschland durchschnittlich lediglich 11,7 Minuten von ungeplanten Versorgungsunterbrechungen betroffen. Damit zählt das deutsche Stromnetz laut Bundesnetzagentur weiterhin zu den zuverlässigsten in Europa.
Kein Grund zur Selbstzufriedenheit
Deutschland konkurriert mit Ländern, die niedrigere Energiekosten, geringere Abgaben, schnellere Genehmigungsverfahren oder großzügige Subventionen bieten. Auch Fachkräftemangel, langsame Planungsprozesse und regulatorische Anforderungen bleiben Standortnachteile.
Genau darin liegt die Ambivalenz. Wer große Mengen günstiger Energie benötigt und im internationalen Preiswettbewerb steht, bewertet den Standort anders als beispielsweise ein Hersteller von Hochspannungstechnik, dessen Kunden gerade Milliarden in neue Netze investieren.
Die Energiewende beseitigt die Schwächen des Standorts Deutschland also nicht. Sie schafft aber Märkte, in denen andere Standortfaktoren stärker ins Gewicht fallen: technische Kompetenz, industrielle Netzwerke und die Nähe zu einer Infrastruktur, in die über Jahre Milliarden fließen werden. Ob daraus dauerhaft neue Wertschöpfung entsteht, hängt auch davon ab, wie schnell Deutschland seine bekannten Standortprobleme angeht.

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