Zur Person
Aurélie Alemany ist die CEO der enercity AG. Sie hat den Vorsitz des Vorstandes des Energieunternehmens zum 1. Juli 2024 übernommen. Ihre wichtigste Aufgabe sieht sie darin, die digitale Energiewende in Deutschland – und ganz besonders in der Region Hannover – entscheidend voranzubringen.
Alemany ist nach einigen Jahren in der Chemiebranche seit nunmehr 13 Jahren in der Energiewelt erfolgreich. Zuletzt war sie CEO des Energielösungsanbieters Senec GmbH. Davor verantwortete sie als Geschäftsführerin die Yello Strom GmbH und war in verschiedenen weiteren Führungspositionen des EnBW-Konzerns tätig. Nach dem Studium der Verfahrenstechnik an der École Supérieure des Sciences Economiques et Commerciales (ESSEC) in Paris schloss die Diplom-Verfahrenstechnikerin ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Mannheim Business School mit dem Executive MBA erfolgreich ab.
Welche Rolle spielt das Thema der CO2-neutralen Wärmeversorgung für die enercity im Kontext der Energiewende? Wie definieren Sie den Beitrag, den ein großer kommunaler Versorger heute leisten muss, um die Klimaziele einer Stadt wie Hannover tatsächlich erreichbar zu machen?
Die Wärmewende ist die unterschätzte Schwester der Energiewende – und sie ist das Rückgrat der urbanen Resilienz. In einer Zeit großer Unsicherheit auf den globalen Energiemärkten geben wir als großes Energieunternehmen mit kommunalen Wurzeln Orientierung durch die konsequente Umsetzung der Energie- und Wärmewende. Unser Beitrag besteht darin, strategische Klarheit zu haben und sie konsequent mit zur klimaneutralen Technologie umzusetzen. Damit bauen wir heute die Infrastruktur von morgen.
Wir haben uns bewusst gegen fossile Brückentechnologien entschieden, die uns nur in neue Abhängigkeiten führen würden. Stattdessen emanzipieren wir uns, indem wir auf regionale Kreislaufwirtschaft setzen. Wir nutzen das, was vor Ort ohnehin vorhanden ist. Regionale Rohstoffe und Strom aus Erneuerbaren sind unsere Basis für echte Energiesouveränität.
enercity leistet heute also weit mehr als die bloße Lieferung von bezahlbarer, klimafreundlicher Energie. Wir schaffen eine verlässliche Basis für den Standort Hannover. Wir sind der operative Anker, der die Klimaziele der Stadt in eine greifbare, resiliente Realität übersetzt – und damit Sicherheit und Bezahlbarkeit bietet.
Enercity hat gleich zwei spektakuläre Ankündigungen gemacht: Sie wollen einerseits bis übernächstes Jahr komplett aus der Kohle aussteigen, ohne den Zwischenschritt über Gaskraftwerke zu gehen und andererseits haben Sie sich dagegen entschieden, Wasserstoff im dezentralen Wärmemarkt einzusetzen. Kohle- und vor allem Gaskraftwerke sind heutzutage oft noch zentral für die Fernwärmeerzeugung. Enercity möchte zugleich die Fernwärmeversorgung ausbauen. Wie gelingt in Hannover die Dekarbonisierung der Fernwärme bei gleichzeitigem Ausbau des Wärmenetzes?
Der Verzicht auf die Brückentechnologie Erdgas als Ersatzanlage für unser Kohlekraftwerk ist die logische Konsequenz unserer Resilienz-Strategie. Wir investieren stattdessen rund 1,5 Milliarden Euro direkt in klimafreundliche Lösungen: Ein diversifizierter Technologiemix aus bis zu 13 erneuerbaren Anlagen, die Verdopplung unseres Fernwärmenetzes und die Verfünffachung der Hausanschlüsse. Dass uns das gelingt, liegt an drei entscheidenden Säulen:
Erstens stemmen wir den Großteil dieser Investitionen aus eigener Kraft – auch dank Unterstützung durch ein Gesellschafterdarlehen der Landeshauptstadt Hannover. Das macht uns unabhängiger von kurzfristigen Marktschwankungen, um Großprojekte wie unsere Großwärmepumpen oder die Biomasse-Anlage zeitnah zu realisieren.
Zweitens haben wir die gesamte Wertschöpfungskette – von der strategischen Planung bis zum Engineering – im eigenen Haus. In einer Zeit, in der Fachkräfte und Ressourcen am Markt knapp sind, verlassen wir uns nicht auf externe Kapazitäten. Wir setzen die Wärmewende gemeinsam mit unseren auf Wärme spezialisierten Tochterunternehmen enercity contracting und Danpower selbst um. Das sichert uns die Umsetzungsgeschwindigkeit, die wir für das Ziel 2028 brauchen.
Drittens erreichen wir Preisstabilität vor allem durch die konsequente Abkehr von fossilen Importen und die Einbindung der Bürgerinnen und Bürgern. Unsere Fernwärme basiert auf regionalen Ressourcen, die keinen direkten globalen Preisschocks unterliegen. Gepaart mit der gegenseitigen Anschlusspflicht schaffen wir eine Solidargemeinschaft, die die hohen Fixkosten fair verteilt und langfristige Planungssicherheit für unsere Kundinnen und Kunden garantiert.
Wir nutzen Abwärme aus der Abfallverbrennung, verwerten Klärschlamm und Altholz und erschließen im großen Stil Wärme aus dem Abwasser und der Leine.
Enercity treibt eine Vielzahl von Projekten voran – von Großwärmepumpen und Geothermie über Abwasserwärme bis hin zu Power-to-Heat. Welche dieser Projekte werden aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren den größten Einfluss auf die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung in Hannover haben – und warum?
Der größte Hebel für Hannover ist nicht die Suche nach der einen Wundertechnologie, sondern die konsequente Nutzung unserer regionalen Energie-Potenziale. Wir nutzen Abwärme aus der Abfallverbrennung, verwerten Klärschlamm und Altholz und erschließen im großen Stil Wärme aus dem Abwasser und der Leine. Schon im Jahr 2028 werden wir so bis zu 75 Prozent der Fernwärme klimaneutral erzeugen können.
Diese Quellen haben einen entscheidenden strategischen Vorteil: Sie sind bereits hier und müssen nicht teuer importiert werden. Sie machen uns und unsere Kundinnen und Kunden resilient gegen globale Preisschocks und instabile Lieferketten. Das ist gelebte regionale Kreislaufwirtschaft, die heute schon grüne Wärme liefert.
Was den Wasserstoff angeht, stehe ich für eine klare Wahrheit: Wasserstoff im dezentralen Wärmemarkt für B2C-Kunden ist eine Sackgasse. Dieses Molekül ist für die Transformation der Industrie zentral. Ihn stattdessen in der Fläche zu nutzen, wäre volkswirtschaftlich nicht gerade sinnvoll. Wer heute auf Wasserstoff im Heizungskeller wartet, entscheidet sich für eine teurere und unsichere Option der Zukunft. Wir investieren unsere Ressourcen lieber dort, wo sie heute schon einen echten Unterschied für das Klima und die Bezahlbarkeit machen.
Insgesamt dürfen wir den Hochlauf der Wärmewende nicht verschieben. Infrastrukturprojekte brauchen Zeit und die Wärme trägt 40 Prozent zu den CO2-Emissionen in Deutschland bei. In Hannover bauen wir keine teuren, ineffizienten Doppelstrukturen für Gas und Wärme. Wir setzen auf klare Lösungen, auf Wärmenetze und Wärmepumpen.
Sie setzen auf den Ausbau der Fernwärme und zugleich auf einen Anschluss- und Benutzungszwang, zumindest in einem Teil von Hannover. Wie sieht es mit der Zustimmung zu dieser Wärmeversorgungsoption in der Bevölkerung aus, gerade mit Blick auf die Diskussion über gestiegene Preise in der Fernwärme nach der Energiepreiskrise? Wie erklären Sie Bürgerinnen und Bürgern, warum dieses Instrument in bestimmten Fällen notwendig ist, und wie stellen Sie sicher, dass es gleichzeitig fair, nachvollziehbar und verhältnismäßig eingesetzt wird?
Worüber wir in Hannover sprechen, ist eine gegenseitige Anschlusspflicht. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Es ist ein Deal zwischen uns als Versorger und der Stadtgesellschaft: enercity verpflichtet sich, mit 1,5 Milliarden Euro massiv in Vorleistung zu gehen, um eine technologisch fortschrittliche, klimaneutrale Infrastruktur überhaupt erst zu bauen. Im Gegenzug verlassen wir uns auf die Abnahme der Kundinnen und Kunden.
Nur diese Verlässlichkeit ermöglicht es uns, die Wärmewende ökonomisch stabil zu kalkulieren. Ein Wärmenetz ist wie eine Schiene: Es ist nur dann hocheffizient und für alle bezahlbar, wenn es auch genutzt wird. Ohne diese Anschlusspflicht würden wir zulassen, dass Rosinenpickerei das Gesamtsystem für alle anderen verteuert. Das wäre weder fair noch sozialverträglich. Des Weiteren ist die Fernwärme ein einfaches Produkt für den Kunden, ohne Maintenance-Services oder weitere Investitionen in die Zukunft – eine Art „Rund-um-sorglos-Paket".
Die Menschen in Hannover verstehen diesen Solidargedanken sehr gut und sehen die Vorteile. Sie suchen nach dem Ausstieg aus der Preis-Wette gegen die Zukunft. Wer sich heute an unser Netz anschließt, entzieht sich den unkalkulierbaren Risiken globaler fossiler Märkte und den steigenden CO2-Preisen. Wir bieten nicht einfach ein immer klimafreundlicher werdendes Produkt an, sondern eine regionale Versicherung für den Immobilienwert, die Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit. Die gegenseitige Pflicht ist das Fundament dieser Sicherheit. Wir liefern die Infrastruktur, die Bürger sichern die Auslastung – so bauen wir ein resilientes Hannover.
Die größte Hürde ist derzeit nicht technischer Natur, sondern die massive Verunsicherung durch die politische Slalomfahrt der letzten Jahre.
Der Ausbau der Fernwärme ist technisch und organisatorisch anspruchsvoll. Welche Hürden erleben Sie aktuell am stärksten – etwa beim Netzausbau, bei Genehmigungen, Förderprozessen oder Fachkräften – und was würde den Ausbau aus Ihrer Sicht am meisten beschleunigen?
Die größte Hürde ist derzeit nicht technischer Natur, sondern die massive Verunsicherung durch die politische Slalomfahrt der letzten Jahre. Viele Kundinnen und Kunden zögern, weil ständig neue Förderbedingungen oder Gesetzesänderungen durch die Debatte getrieben werden. Dieses Klima des Abwartens ist nicht hilfreich für die Wärmewende. Wir halten als enercity dagegen, indem wir durch unsere gegenseitige Anschlusspflicht und eine klare Strategie die nötige Stabilität und Orientierung geben.
Gleichzeitig begegnen wir den handwerklichen Herausforderungen mit echtem Pioniergeist. Wir können nicht darauf warten, dass der klassische Tiefbau plötzlich schneller wird – wir müssen selbst revolutionieren. Ein Beispiel für unsere Innovationskraft sind Keller-zu-Keller-Verbindungen. Statt jede Straße Meter für Meter konventionell aufzureißen, suchen wir Wege, die Infrastruktur effizienter und mit weniger Belastung für die Anwohnenden direkt durch die Gebäude zu verlegen. Das spart Zeit, schont Ressourcen und erhöht die Akzeptanz.
Was wir jetzt brauchen, ist ein Ende der technologischen Debatten rund um das Gebäudemodernisierungsgesetz und eine verlässliche, langfristige politische Leitplanke. Nur wenn die Menschen sicher sein können, dass der heute eingeschlagene Weg auch in zehn Jahren noch politisch gewollt ist, kommt die nötige Geschwindigkeit in den Markt.
Die Diskussionen um das Gebäudeenergiegesetz bzw. seinen Nachfolger Gebäudemodernisierungsgesetz sorgen für viel Unsicherheit bei privaten wie auch gewerblichen Kunden. Welche Auswirkungen haben diese neuen und offenen politischen Rahmenbedingungen auf Ihre strategischen Entscheidungen und Investitionsplanungen?
Verlässlichkeit ist die wichtigste Währung für die Wärmewende. In Hannover haben wir deshalb die kommunale Wärmeplanung bereits im vergangenen Jahr verabschiedet und damit einen klaren Fahrplan für unsere Stadt geschaffen. Diese lokale Entscheidungssicherheit ist für uns die Basis, um unsere massiven Investitionen konsequent voranzutreiben. Wir brauchen einen nationalen Rahmen, der diesen kommunalen Vorreiterweg nicht verkompliziert, sondern flankiert.
Dazu gehört für mich untrennbar ein starker und verlässlicher CO2-Preis. Wir müssen den ETS 2 als das begreifen, was er ist: ein Fairness-Mechanismus. Er ist das Werkzeug, das Frontrunner wie enercity belohnt, die heute schon mutig in klimaneutrale Infrastrukturen investieren. Ein konsequenter CO2-Preispfad sorgt dafür, dass sich ökologische Vernunft und regionale Unabhängigkeit auch betriebswirtschaftlich auszahlt. Wir brauchen diesen marktwirtschaftlichen Anreiz, damit Nachhaltigkeit zum echten Wettbewerbsvorteil wird und die Investitionen dorthin fließen, wo sie die größte Wirkung entfalten.
Beim Blick auf das Gebäudemodernisierungsgesetz müssen wir darauf achten, dass wir die Komplexität im System nicht unnötig erhöhen. Besonders kritisch sehe ich Instrumente wie die ‚Biogastreppe‘. Wir laufen hier Gefahr, knappe und teure Ressourcen in Anwendungen zu lenken, die wir viel effizienter durch Fernwärme oder Wärmepumpen bedienen können. Biogas ist – ähnlich wie Wasserstoff – ein kostbares Gut, das wir gezielt dort einsetzen sollten, wo es keine technischen Alternativen gibt. Wir sollten knappe Rohstoffe schützen und den Weg für die effiziente Lösungen freimachen, die wir für die bezahlbare Dekarbonisierung ganzer Städte brauchen.
Wir bauen das Energiesystem der Stadt um und denken Wärme, Strom und Mobilität konsequent zusammen.
Wärmenetze und erneuerbare Wärmeprojekte erfordern lange Vorläufe und stabile Finanzierungsbedingungen. Was braucht ein Versorger wie Enercity aus Ihrer Sicht an verlässlichen politischen und finanziellen Rahmenbedingungen, um die Ausbauziele tatsächlich zu erreichen? Wie konnten Sie in Hannover die Finanzierung ihrer ehrgeizigen Ziele sicherstellen?
Ehrgeizige Ziele brauchen ein wirtschaftliches Fundament. In Hannover finanzieren wir die Wärmewende zu einem Großteil aus eigener Kraft – auch dank des Gesellschafterdarlehens der Landeshauptstadt Hannover. Diese operative Performance ist unsere wichtigste Währung, denn sie sichert unsere Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit. Aber klar ist auch: Ein Milliardenprojekt wie die Dekarbonisierung einer Großstadt braucht eine verlässliche Flankierung durch Förderprogramme.
Für die Zukunft müssen wir den Blick jedoch weiten: Die Wärmewende darf nicht als isoliertes Infrastrukturprojekt betrachtet werden. Wir bauen das Energiesystem der Stadt um und denken Wärme, Strom und Mobilität konsequent zusammen. Wärme ist der ideale Flexibilitäts-Puffer für das Stromnetz. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, brauchen wir einen regulatorischen Rahmen, der Systemflexibilität belohnt – etwa durch dynamische Netzentgelte oder Konzepte wie Nodal Pricing.
Mein Appell an die Politik ist daher: Mut zur technologischen Klarheit und Vertrauen in die marktwirtschaftliche Steuerung. Wenn wir aufhören, bereits getroffene Entscheidungen permanent zu hinterfragen, und stattdessen die Kopplung der Sektoren regulatorisch fördern, wird die Wärmewende zum Stabilitätsanker für das gesamte urbane Energiesystem. Wir in Hannover zeigen, dass es geht – wenn man langfristig denkt und konsequent handelt.