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Globales Stromnetz: Kann Strom über Kontinente fließen?

Erneuerbare Energie von Marokko nach Deutschland oder von Australien nach Singapur schicken – Vision oder bald Realität?

Illustration Welt als Glühbirne Global Grid

© Robert Albrecht / BDEW

 

Warum über Windräder in der eigenen Gemeinde streiten, wenn diese auch am anderen Ende der Welt stehen könnten? Es ist eine einfache Idee: Strom erneuerbar dort produzieren, wo es im Überfluss möglich ist, und dann dorthin leiten, wo er gerade gebraucht wird. Doch wie realistisch ist der Traum vom Kontinente übergreifenden Stromsystem?

Visionen und konkrete Projekte

In den Nullerjahren bescheinigten Studien, dass Solarkraftwerke aus Nordafrika bis 2050 circa 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken könnten. Das Projekt Desertec weckte große Hoffnungen, scheiterte jedoch. Heute ziehen ähnliche Projekte das Interesse von Investoren auf sich. Warum?

Ein Grund ist, dass in den letzten Jahren die Preise für Photovoltaik massiv gesunken sind. Dazu werden Megaprojekte inzwischen mit Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) geplant, die sich für den Stromtransport über größere Distanzen gut eignet. Der Grund: Verglichen mit der Wechselstromtechnik entstehen dabei geringere Verluste.

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Dabei wird nicht nur über Solarenergie nachgedacht. Mit dem Megaprojekt „Nato-L“ wollen die Initiatoren Strom aus Wasserkraft und Wind aus der kanadischen Provinz Quebec ins Vereinigte Königreich schicken. Erneuerbare Energie aus Europa könnte außerdem in die andere Richtung geleitet werden, wenn gerade ein Überschuss besteht. Die Zeitverschiebung hätte einen entscheidenden Vorteil: Angebot und Nachfrage könnten über verschiedene Zeitzonen hinweg besser ausgeglichen werden.

Gleichzeitig wird auf der anderen Seite der Welt das Projekt „Australia-Asia Power Link“ geplant. Die Firma Sun Cable will mit einem 4.300 km langen Unterseekabel Strom aus Solaranlagen von Nordaustralien nach Singapur transportieren.

Auch Nordafrika bleibt ein Hoffnungsträger für erneuerbare Energie. Aktuell stecken vier konkrete Megaprojekte im Anfangsstadium, die grünen Strom aus Nordafrika nach Europa bringen wollen: eines davon – Sila Atlantik, das Marokko mit Deutschland verbinden soll.

Wie Stromautobahnen funktionieren

Wie genau kann ein solches Projekt technisch funktionieren? Beispiel Sila Atlantik: In Marokko sollen hierfür Photovoltaikanlagen und Windräder mit 15 Gigawatt Leistung installiert werden. Konverterstationen wandeln den Strom in Gleichstrom um. Ein 4.800 km langes, zweisträngiges Unterseekabel soll mit 1,8 Gigawatt Kapazität pro Strang Strom übertragen. Dieses HGÜ-Kabel wäre nebenbei das längste Unterseestromkabel der Welt.

Infografik Global Grid verschiedene Stromleitungen über Kontinente hinweg

Laut einem Handelsblatt-Bericht lägen die Kosten der Leitung allein bei 14,5 Milliarden Euro. Ein Meter Kabel wiegt über 70 kg. Die Leitung müsste später aus Sicherheitsgründen permanent überwacht werden. 26 Terawattstunden (TWh) Strom sollen dadurch pro Jahr nach Deutschland fließen – das wären etwa fünf Prozent des jährlichen Strombedarfs. So futuristisch das klingt: Mit NordLink und NorNed existieren bereits heute Stromverbindungen, die Norwegen mit Deutschland und den Niederlanden verbinden. Anders gesagt: Die Technik funktioniert.

Standort Deutschland: Interesse trotz Hürden

Anfang dieses Jahres machte sich die deutsche Bundesregierung bei der marokkanischen Regierung für Sila Atlantik stark.  Energiekonzerne wie Eon interessieren sich als potentielle Investoren für das Projekt. Für Detailfragen sei es aber zu früh, sagt eine Sprecherin von Eon.

Laut Medienberichten liegen die gesamten Investitionskosten für Sila Atlantik bei 30 bis 40 Milliarden Euro. Selbst wenn die Finanzierung stünde, gäbe es noch einige Hürden zu überwinden. Bevor ein gigantischen Unterseekabel verlegt werden kann, braucht es Genehmigungen von den Ländern, deren maritime Hoheitsgebiete es durchkreuzt. Auch in Deutschland müsste die Leitung mehrstufige Genehmigungsverfahren durchlaufen.

Wie realistisch ist ein globales Stromnetz?

In den 1950er-Jahren entstand schrittweise das europäische Verbundnetz. Stromnetze miteinander verbinden, ist grundsätzlich sinnvoll. „Je größer wir dieses Netz machen, umso stabiler und resilienter ist es. Ich muss mich aber auf meine Partner verlassen können“, sagt Prof. Martin Wolter, Lehrstuhlinhaber der Professur für Vernetzte Energiesysteme an der TU Dresden.

Wenn es eine Störung im Netz gibt, hat das Auswirkungen für alle Beteiligten. Gerade in der aktuellen weltpolitischen Lage sind verlässliche Partner daher entscheidend. „Daher sehe ich politische Unsicherheiten als die allergrößte Hürde, weil sich keiner mehr so abhängig machen möchte“, so Prof. Wolter.

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Auch wirtschaftlich stellt sich die Frage nach dem Vorteil eines globalen Netzes. Laut einer 2024 veröffentlichten Studie schwedischer Forscherinnen und Forscher reduziert ein globales Stromnetz die Systemkosten um maximal 6,5 Prozent, während regionale Netzerweiterungen dreimal effektiver seien. Die Verbindung von 18 Zeitzonen könnte sogar dazu führen, dass weniger in  Solarenergie investiert wird, weil die hohen Übertragungskosten die Vorteile teilweise aufheben. Die Studie bezieht sich auf die Idee vom Global Super Grid, das sechs große Regionen von Australien bis zu den USA miteinander verbindet – eine Vision, die die One Sun One World One Grid (OSOWOG)-Initiative vertritt.

Bei Einzelprojekten wie den anfangs genannten Verbindungen könnten trotzdem die Vorteile überwiegen. Was davon umgesetzt wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Ein umspannendes, globales Netz ist in der aktuellen Weltlage auf absehbare Zeit eher nicht realistisch. Einzelne internationale Stromautobahnen hingegen könnten perspektivisch hingegen ein Teil der Energiewende werden.

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