Vertrauen in die Energiewende entsteht nach Einschätzung des Soziologen Armin Nassehi vor allem dann, wenn neue Technologien im Alltag zuverlässig funktionieren, bezahlbar sind und sich vertraute Routinen entwickeln. Veränderungen erzeugen Unsicherheit, weil bei neuen Lösungen wie Elektroautos oder Wärmepumpen Erfahrungen und eingeübte Abläufe zunächst fehlen. Sachargumente allein reichen nach Nassehi nicht aus, um Zweifel zu überwinden.
Eine wichtige Rolle spielen deshalb Preise und der direkte Kontakt zu Akteuren vor Ort. Genossenschaftsmodelle können dazu beitragen, dass Menschen unmittelbar von Infrastrukturprojekten profitieren. Zugleich besteht ein Zielkonflikt: Neue Technologien sollen wirtschaftlich attraktiv sein, während die Transformation zunächst hohe Investitionen erfordert. Entscheidend ist für Nassehi, dass die Energiewende für die Menschen konkret funktioniert und sich für sie rechnet.
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Herr Nassehi, warum ringen wir als Gesellschaft so sehr um das Vertrauen in die Energiewende?
Weil dort sehr unterschiedliche Logiken gleichzeitig vorkommen. Die Energiewende muss sich in Preisen niederschlagen, die akzeptabel sind, sie muss rechtssicher und technisch sicher sein. Und sie muss sogar kulturell darstellbar sein. Man verkauft ja nicht einfach Energie, sondern gewissermaßen auch eine Lebensform. Denken Sie an die Diskussion um die Wärmepumpe: Da ging es gar nicht darum, ob und wie sie technisch funktioniert. Sie wurde vor allem zum Symbol für eine andere Art des Heizens als das kleine Feuer im Keller, das die Menschen seit Jahrzehnten kennen.
Die Energiewende selbst ist mit Unsicherheiten verbunden. Verlangt die Politik den Menschen zu viel ab, wenn sie einem System vertrauen sollen, das sich gerade grundlegend verändert?
Veränderungen machen sichtbar, wie voraussetzungsreich unser Alltag eigentlich ist. Der schöne Witz lautet ja: Wir brauchen keine Energiewirtschaft, bei uns kommt der Strom aus der Steckdose. Das ist nur ein halber Witz, denn im Alltag kommt der Strom tatsächlich einfach aus der Steckdose. Was alles nötig ist, damit das funktioniert, läuft normalerweise im Hintergrund. Bei neuen Technologien ist das anders. Niemand fragt beim Kauf eines Benzinautos: Wird es morgen noch Tankstellen geben? Bei einem Elektroauto fragt man plötzlich: Gibt es genügend Ladesäulen? Auch eine Gasheizung funktioniert manchmal nicht – aber selbst für ihr Nichtfunktionieren gab es eingeübte Routinen. Man wusste, wen man anruft. Bei etwas Neuem fehlen diese Routinen. Das macht die Menschen unsicher.

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Vertrauen entsteht langsam, während die Transformation unter erheblichem Zeitdruck steht. Ist das ein grundsätzliches Dilemma?
Ja. Vertrauen würden wir soziologisch daran erkennen, dass man gerade nicht genauer hinschaut, als man muss. Wenn ich in ein Flugzeug steige, gehe ich davon aus, dass vorne zwei Piloten sitzen und nicht zwei Soziologen. Ich lasse mir nicht ihre Lizenzen zeigen und frage anschließend, wer diese Zertifikate ausgestellt hat. Vertrauen heißt, davon auszugehen, dass die Dinge heute ungefähr so funktionieren wie gestern. So ähnlich erleben wir es derzeit gesellschaftlich: Man schaut an jedem Punkt genau hin und fragt, ob die Dinge wirklich funktionieren. Dabei sind wir permanent auf Vertrauen angewiesen. Moderne Gesellschaften können ohne dieses sogenannte Systemvertrauen gar nicht funktionieren.

Ist die Energiewende damit auch Teil eines größeren gesellschaftlichen Vertrauensproblems?
Das spielt eine große Rolle. Eine Demokratie ist aber darauf angewiesen, dass es ein Grundvertrauen in bestimmte Strukturen gibt – zum Beispiel darin, dass ein Regierungswechsel legitim und friedlich stattfindet. Was bei der Energiewende so schwierig ist, hat deshalb viel weniger nur mit Energie zu tun, als man zunächst denkt. Es hat mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun, unter denen Transformationen heute stattfinden.
Müssen die Menschen die Energiewende überhaupt gutheißen – oder genügt es am Ende, wenn sie funktioniert?
Das ist die 1-Million-Euro-Frage! Vertrauen wird vor allem dadurch aufgebaut, dass Dinge funktionieren. Das gilt sogar für Dinge und Themen, denen Menschen gleichzeitig skeptisch gegenüberstehen. Alle reden über Datenschutz und benutzen trotzdem Smartphones, obwohl sie damit permanent Datenspuren hinterlassen. Warum? Weil Smartphones funktionieren. Bei der Energiewende ist es genauso. Vertrauen in Neues entsteht vor allem dadurch, dass das Neue funktioniert. Die Paradoxie besteht darin, dass man jene Phase überstehen muss, in der es noch nicht selbstverständlich funktioniert und man die Menschen deshalb überzeugen möchte.

Dabei überschätzen wir gern die Bedeutung von Sachargumenten. Wenn man Menschen, die zweifeln, immer mehr gute Argumente liefert, können sie darin sogar eine Bestätigung ihres Zweifels sehen: Die Eliten würden sich schließlich nicht so viel Mühe geben, alles zu erklären, wenn sich die Sache von selbst erklären würde.
Deshalb müssen neue Lösungen möglichst schnell praktisch überzeugen. Ökonomisch gibt es dafür einen starken Mechanismus: den Preis. Wenn neue Technologien besonders günstig angeboten werden können, lassen sie sich leichter in den Markt bringen. Das Problem ist nur: Gerade während einer Transformation muss besonders viel investiert werden. Eigentlich steigen die Kosten also zunächst. Das ist ein erheblicher Zielkonflikt.
Gerade im ländlichen Raum werden neue Stromtrassen und Windparks unmittelbar sichtbar. Nutzen und Belastungen erscheinen vor Ort oft ungleich verteilt. Wie lässt sich dort Vertrauen schaffen?
Entscheidend ist die Frage: Haben die Menschen vor Ort etwas davon? Es gibt etwa Genossenschaftsmodelle, bei denen Menschen unmittelbar profitieren können. Ich glaube, dass es über Geschäftsmodelle funktionieren muss – und über Akteure, die vor Ort präsent sind. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass irgendein Konzern, der weiß der Henker wo sitzt, eine neue Technologie installiert und die Menschen das Gefühl haben, sie werde ihnen aufgezwungen.

Warum waren Sparkassen und Raiffeisenbanken in der Fläche so erfolgreich? Weil dort Akteure saßen, die dieselbe Sprache sprachen wie die Menschen, denen sie einen Hauskredit verkauften. Es war eben nicht irgendeine weit entfernte Bank, deren Namen man nur aus der Fernsehwerbung kannte. Ich glaube, dass man viele Dinge nur vor Ort lösen kann.
Was wäre also Ihr Rat an Politik und Energiewirtschaft, damit die Energiewende gesellschaftlich tragfähig bleibt?
Lebensweltlicher Kontakt und Preise – das sind für mich die beiden entscheidenden Vehikel. Natürlich muss sich das Ganze rechnen. Aber Anwesenheit spielt ebenfalls eine enorme Rolle. Je größer und ferner ein Konzern erscheint, desto eher ähnelt er jenen Elitestrukturen, gegen die viele Menschen ohnehin opponieren.
Deshalb sind lebensweltlicher Kontakt und der Preis so wichtig. Menschen müssen erleben können, dass etwas funktioniert – und dass es sich für sie rechnet. Märkte sind schließlich nicht nur Probleme, sondern auch Problemlöser. Entscheidend ist am Ende: Die Energiewende muss im Alltag funktionieren. Denn genau dort entsteht Vertrauen.
Herr Nassehi, vielen Dank für das Interview.
Prof. Dr. Armin Nassehi
lehrt Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, an der er zudem die Vizepräsidentschaft für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie das Amt des stellvertretenden LMU-Präsidenten ausübt. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten befasst er sich intensiv mit Entscheidungsprozessen unter komplexen Bedingungen und analysiert das Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Kultur.
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