Vertrauen in die Energiewende entsteht, wenn Technik zuverlässig funktioniert, Regeln verlässlich sind und Beteiligung konkrete Folgen hat. Langfristige Entscheidungen für neue Anlagen, Netze oder Technologien setzen voraus, dass Akteure, Verfahren, Kosten und Nutzen als nachvollziehbar erlebt werden. Transparenz und Teilhabe können Vertrauen stärken, während enttäuschte Erwartungen und folgenlose Beteiligung Misstrauen fördern.
Beispiele aus dem Bus-Retrofit und der Stadt Haßfurt zeigen, wie praktische Erfahrung, erreichbare Verantwortliche und wirtschaftliche Beteiligung dazu beitragen können, neue Lösungen glaubwürdig zu machen. Vertrauen ersetzt dabei weder technische Qualität noch belastbare Regeln. Werden Zusagen eingehalten, Einwände ernst genommen und Vorteile erfahrbar, kann aus einem anfänglichen Vertrauensvorschuss langfristig tragfähige Erfahrung entstehen.
Diese Zusammenfassung wurde mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt. Haben Sie Fehler entdeckt? Dann weisen Sie uns gerne darauf hin.
Der schwere Geruch von Diesel und Motoröl strömte durch die kleine Werkshalle des GreenTEC Campus in Schleswig-Holstein. Motorenlärm in den Ohren, grau-schwarze Wolken bis zur Decke, Andreas Pfeffer und sein Team atmeten schwer, eingehüllt in die Abgase des MAN-Busses – damals, im April 2018.
Nur sechs Wochen später lag genau jener Motor, der die Halle zuvor in grau-schwarze Abgaswolken gehüllt hatte, groß wie ein Aktenschrank neben Getriebestrang und Aluminiumtank. Kurz darauf rollte zwar der gleiche Bus aus der Halle. Aber doch ganz anders: fast lautlos, bei klarer Sicht und vor allem: abgasfrei am Auspuff – dank Elektromotor. „Das war spektakulär“, sagt Andreas Pfeffer heute.
Retrofit, so lautet der Fachbegriff für den Austausch eines Verbrennungsmotors gegen einen Elektromotor. Und der studierte Maschinenbauer Pfeffer bietet mit seinem Unternehmen To Zero genau diese Umrüstung an. Was damals mit dem Prototyp auf dem Testgelände im Norden nahe der dänischen Grenze begann, findet seit 2023 mit seinem Start-up in einer Backsteinhalle eines Industriegebiets am Rande von Erfurt seine Fortsetzung.
Alte Hafencontainer in Orange oder Türkis dienen als Büroräume, stapeln sich in der Firmenzentrale übereinander. In den Hallen sei Platz für den Umbau von jährlich 100 Bussen, so Pfeffer. Und zählt die Vorteile aus Unternehmenssicht auf: Eine Umrüstung spare Material, koste ein Drittel einer Neuanschaffung und dauere nur ein bis zwei Wochen. So hat Pfeffer eigentlich alles parat für den großen Durchbruch: Platz, Kapital und Technik sind vorhanden. Doch ausgerechnet das Entscheidende fehlt: Kunden.
Bislang hat To Zero zwanzig Busse umgerüstet. Darin zeigt sich im Kleinen ein Problem, das viele Entscheidungen der Energiewende prägt: Technische Machbarkeit allein führt noch nicht zum Handeln. Wer eine Wärmepumpe einbaut, in ein Windrad investiert oder ein kommunales Wärmenetz ausbaut, trifft eine Entscheidung für viele Jahre. Bleiben Förderungen bestehen? Die Kosten tragbar? Und der Nutzen fair verteilt? Kurz: Kann man den Rahmenbedingungen vertrauen?
Vertrauen als Vorschuss
Vertrauen beginnt dort, wo Wissen endet, eine Entscheidung aber trotzdem getroffen werden muss. Sozialwissenschaftlich erfüllt Vertrauen eine konkrete Funktion: Es schafft Erwartungen an künftige Verlässlichkeit und ermöglicht damit Entscheidungen, obwohl die Zukunft unsicher bleibt. Vertrauen ist wie ein Vorschuss – doch Vertrauen kann umschlagen: Werden Erwartungen wiederholt enttäuscht, wächst der Bedarf an Kontrolle und Absicherung.
Dieser Vorschuss ist derzeit keineswegs selbstverständlich. Die Energiewende findet dabei in einem schwierigen gewordenen gesellschaftlichen Umfeld statt. Laut einer Forsa-Umfrage vom Juli 2026 trauten nur 17 Prozent dem Staat grundsätzlich zu, seine Aufgaben zu erfüllen. Zugleich ist nach Daten der Bertelsmann Stiftung die Zustimmung zur Energiewende in den vergangenen fünf Jahren von 69 auf 60 Prozent gesunken. Die Mehrheit unterstützt sie weiterhin – doch Zustimmung zur Energiewende und Vertrauen in ihre konkrete Umsetzung sind nicht dasselbe. Soll also die Energiewende gelingen, braucht sie nicht nur neue Anlagen, Netze und Speicher. Sie braucht auch Vertrauen in Akteure, Regeln und Verfahren. Aber wie entsteht dieses Vertrauen?

Mehr große Geschichten bei Zweitausend50
Europas neue Energienetze: Die Systemfrage der Energiewende – Wie Strom, Fernwärme und Wasserstoff Europas Energiesysteme verbinden. Zum Beitrag
Alles zusammenrücken, bitte! - Wie die Energiewende Fläche, Technik und Politik auf engstem Raum bündelt. Mehr erfahren
Von Servern, Flüssen und Geothermie - Die Wärmewende nimmt Fahrt auf: Berlin, Köln und Bruchsal zeigen, wie Zukunftsenergie schon heute funktioniert. Zum Artikel

Bei To Zero hat Andreas Pfeffer eine Idee. Er erklärt die Zurückhaltung potenzieller Kunden unter anderem mit mangelndem Verantwortungsgefühl: „Wir könnten die Motoren viel schneller umrüsten und so Tonnen an C02-Ausstoß vermeiden“, sagt er. „Doch viele denken, dass die Spritpreise wieder sinken und alles beim Alten bleiben könne.“ Dazu gebe es eine eingeübte Wegwerfmentalität: „Schmeiß weg, kauf neu.“ Nach acht Jahren sei ein Bus abgeschrieben und werde häufig ersetzt, obwohl er technisch noch viele Jahre fahren könnte. Der Neukauf folgt einer vertrauten Logik. Hersteller, Wartungsverträge, Garantien und Wiederverkaufswerte seien bekannt. Wer sich dagegen für die Umrüstung entscheidet, bindet sich über Jahre an ein junges Unternehmen und ein Verfahren, für das es bislang nur wenige Referenzen gibt.
Bildergalerie: Diesel raus, Elektro rein
Damit wird aus einer technischen eine andere Frage: Wie weit kann der Kunde dem Unternehmen vertrauen? Verkehrsbetriebe müssen nicht allein davon überzeugt sein, dass ein umgerüsteter Bus heute funktioniert. Sondern auch, dass er in Zukunft zuverlässig fährt, Ersatzteile verfügbar bleiben, Garantien greifen und To Zero in einigen Jahren noch existiert. Für Verkehrsbetriebe stellt sich damit neben dem unmittelbaren Nutzen auch die Frage nach langfristiger Sicherheit. So berichtet Martin Schmitz, Geschäftsführer Technik beim Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), gegenüber der ZEIT im Sommer 2026 von drei Sorgen: Reichweite, Haftung, aber vor allem: Mechanik. Was nutze ein neuer, sauberer Antrieb, wenn die Karosserie des Busses rostet und auseinanderfällt?
Pfeffer sieht die Lösung in seiner Werkstatt. Es gelte: „Product first“. Wer komplexe Fahrzeuge erfolgreich umrüste, Belastbarkeit beweise und die Busse im Alltag bestehen lasse, dem wird am Ende auch vertraut. Vertrauen ersetzt die Prüfung nicht. Aber es wächst daraus.
Vertrauen braucht mehr als Technik
Bei einem Bus lassen sich Qualität, Garantie und technische Funktion relativ konkret prüfen. Bei der Energiewende treffen dagegen unterschiedliche Interessen, Kosten und politische Entscheidungen aufeinander. Vertrauen betrifft deshalb nicht nur Technik, sondern auch Verfahren. Wissenschaftler wie Prof. Dr. Bernd Hirschl sind auf der Suche nach Antworten.
Am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung leitet Hirschl das Projekt BEWEGT, das die Begleitforschung zum Förderschwerpunkt „Energiewende und Gesellschaft“ im Energieforschungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung bildet.
Hirschl untersucht, wie sich die technologischen Möglichkeiten der Energiewende mit ihren gesellschaftlichen Herausforderungen in Einklang bringen lassen. Ob Workshops, Umfragen oder projektübergreifende Analysen – Formate wie diese sollen klären: Wo entstehen die Konflikte? Welche sozialen Veränderungen löst die Energiewende aus? Wie könnten Lösungen aussehen?
Hirschl räumt zunächst mit einer einfachen Gleichung auf: Örtliche Proteste gegen die Energiewende bedeuten nicht automatisch Misstrauen. Vielmehr finde Klimaschutz in der Gesellschaft weiter breite Unterstützung. Eine Bürgerinitiative ist vielleicht ein Warnsignal. Aber kein Beleg dafür, dass eine Region die Energiewende ablehnt. Entscheidend sei etwas anderes: Hat die Beteiligung Einzelner konkrete Folgen? Finden geäußerte Sorgen Gehör?

Hirschl nennt wiederkehrende Fehler: Vergabeverfahren blieben undurchsichtig. Beteiligung sei nicht mit entsprechenden Entscheidungen verbunden oder Bürger bekämen den Eindruck, dass die Ergebnisse des Dialogs vorab feststünden. Dann werde aus Unsicherheit Frust, aus schlechter Erfahrung Misstrauen. Für Hirschl steht fest: „Vertrauen wird eng mit Transparenz, Teilhabe und demokratischer Gestaltung verknüpft.“
Damit geht es nicht nur um die Technik der Energiewende, sondern um Entscheidungsprozesse, Verfahren und die Verteilung von Kosten und Nutzen. Wer ein Windrad vor Augen hat, will wissen, warum es dort steht. Wer verdient? Welcher wirtschaftliche Nutzen bleibt vor Ort erhalten? Glaubwürdigkeit wächst, so Hirschl, wenn für die Bürger Antworten nachvollziehbar sind, wenn Belastungen und lokaler Nutzen nachvollziehbar gegeneinander abgewogen werden und Teilhabe mehr ist als eine späte Informationsveranstaltung.
Beteiligung muss Folgen haben
„Finanzielle Beteiligung oder Bürgerenergie können dafür sorgen, dass ein Teil der Wertschöpfung vor Ort bleibt. Das kann die Akzeptanz konkreter Projekte fördern“, sagt Hirschl. Gerade ländliche Kommunen verfügen zwar oft über Flächen, nicht aber über Geld und Personal für eigene Projekte. So brauche es zusätzliche Beratung, passende Finanzierungskonzepte samt sozialer Abfederung und besonders: verlässliche Regeln. Sonst bleibe Beteiligung ein bloßes Versprechen - ohne handfestes Werkzeug.
Was Hirschl als Bedingungen für Vertrauen beschreibt, lässt sich im bayrischen Haßfurt seit mehr als zwei Jahrzehnten beobachten. Die kleine Stadt mit gut 13.000 Einwohnern erzeugt bilanziell deutlich mehr erneuerbaren Strom, als vor Ort verbraucht wird. Windkraft, Photovoltaik und Biogas gehören zum lokalen Erzeugungsmix. Eine Power-to-Gas-Anlage kann überschüssigen erneuerbaren Strom in Wasserstoff umwandeln und damit Flexibilität bereitstellen. Autark ist Haßfurt dennoch nicht: Die Stadt bleibt in das überregionale Stromsystem eingebunden. Bemerkenswert ist aber, wie früh die Stadt ihren Umbau begann – und wie sie mit den Konflikten darum umging.
Als das dortige Stadtwerk die Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umstellen wollte, damals, Ende der 1990er-Jahre, stießen die ersten Überlegungen auf deutlichen Widerstand. Windräder würden doch das Landschaftsbild zerstören, für Fundamente müssten Bäume weichen, Tiere könnten leiden. So lauteten die Sorgen in der ländlich geprägten Region. Andere fürchteten um die kommunalen Finanzen. Was, wenn Projekte wie Solarstrom oder Windkraft zum Millionengrab würden?
Felix Zösch kennt die Debatten aus den Erzählungen seines Vaters Norbert, der das Stadtwerk damals führte. Heute ist er der Geschäftsführer.
Dieser Wandel, so Zösch heute, war kein Moment, sondern ein Prozess – untrennbar verbunden mit zwei Gesichtern vor Ort: seinem technisch versierten Vater und einem Bürgermeister, der Finanzierung verstand, die Möglichkeiten neuer Energien erkannte, aber vor allem: an der grundsätzlichen Richtung festhielt. Und seine Kollegen im Stadtrat mit Argumenten und Geduld überzeugte.
Ein abstraktes Ziel verband sich für die skeptischen Bürger so mit zwei konkreten Gesichtern. Und gewann Glaubwürdigkeit. „Der Erfolg unserer Wende stand und fiel damit“, sagt Zösch. In kleinen Städten kennen die Bürger ihre Verantwortlichen eher, treffen sie im Alltag, erinnern sich an deren frühere Entscheidungen und können ihnen so Vertrauen entgegenbringen.

Während Vater Zösch die technische Seite der Pläne erklärte, nahm der Bürgermeister Gremien und Parteien mit auf den Weg. Doch vertraute Gesichter allein reichten nicht. Die Fragen der Bürger seien ernst genommen und Einwände konkret beantwortet worden, so Zösch. Wie viel Prozent der Fläche werden gerodet? Wo wird wieder aufgeforstet? Welche Tiere werden geschützt? Immer lautete die Botschaft: Verantwortung endet nicht mit der Genehmigung.
Doch die Bürger bekamen mehr als Informationen. Wer wollte, bekam dank Bürgerbeteiligung einen eigenen Anteil am Windpark. Einwohnerinnen und Einwohner konnten ihr Kapital einbringen, Anteile kaufen und so Rendite erhalten. Die Gewinne aus der Stromerzeugung landeten bei ihnen, für die Beteiligten wurde aus einem abstrakten Infrastrukturprojekt damit auch ein eigenes wirtschaftliches Engagement.
Sie sahen erst Rotoren, später Rendite und das abstrakte Ziel bekam lokalen Nutzen. Als die ersten Vorhaben funktionierten, fiel das nächste leichter, so Zösch, und aus den verschiedenen Projekten wuchs Vertrauen.
Wie Erfahrung Vertrauen in die Energiewende stärkt
Zösch kennt also einige Faktoren für den Erfolg einer Energiewende vor Ort. Haßfurt machte mit lokalen Persönlichkeiten ein politisches Ziel zur gemeinsamen Erfahrung. Doch Zösch weiß auch: Je abstrakter die Zusammenhänge, desto schwerer lässt sich Vertrauen schaffen. So mögen sich Windräder vor der eigenen Tür drehen und Solaranlagen auf den Dächern liegen, dennoch bleiben die Ausgaben hoch. Warum? Fragen wie diese, so Zösch, würden das Vertrauen der Bürger in den Nutzen der Energiewende untergraben, auch wenn das Stadtwerk per Kundenmagazin den Zusammenhang von jahrelanger Abzahlung der Anlagen und erst dann möglicher günstiger Nutzung von lokaler Energie immer wieder erklären.
Übertragbar auf die Energiewende ist daher weniger der technische Bauplan aus Haßfurt als das lokale Prinzip: Verantwortliche müssen erreichbar sein, ihre Entscheidungen vertreten, Gegenwind aushalten und offene Fragen nachvollziehbar beantworten. Erst wenn Bürgerinnen und Bürger die Energiewende als eigenes Projekt erleben, erleichtert Vertrauen den nächsten Schritt. Es wird brüchig, wenn Worte und Handlungen nicht zusammenpassen, Risiken verschwiegen und Vorteile nur versprochen werden. Dann verflüchtigt es sich.
Vertrauen beginnt als Vorschuss. Werden Zusagen eingehalten, Einwände beantwortet und Vorteile erfahrbar, wird daraus Erfahrung. Und mit dieser Erfahrung fällt der nächste Schritt leichter. Vertrauen ersetzt weder gute Technik noch belastbare Regeln.
Aber es ist ein unsichtbares Fundament, das langfristige Entscheidungen tragfähig macht.

Zurück zum Magazin-Schwerpunkt „Vertrauen“
