Simon Schnetzer: „Dieser Vertrauensverlust ist hausgemacht.“

Jugendforscher Simon Schnetzer über schwindendes Vertrauen, eine glaubwürdige Energiewende und die Erwartungen junger Menschen.

Porträt von Simon Schnetzer in Schwarz-Weiß, umgeben von abstrakten Formen in Rot, Blau und Türkis auf dunklem Hintergrund.

© Robert Albrecht / BDEW

 

Jugendforscher Simon Schnetzer führt den über Jahre gewachsenen Vertrauensverlust junger Menschen unter anderem darauf zurück, dass sie in Krisen und bei der Gestaltung ihrer Zukunft nicht ausreichend beteiligt werden. Für eine glaubwürdige Energiewende sind aus seiner Sicht sichtbare Fortschritte, funktionierende Lösungen und das Zusammenspiel der verschiedenen Bereiche wichtig. Finanzielle Sorgen können nachhaltiges Verhalten erschweren, obwohl die Sorge um den Klimawandel unter jungen Menschen kaum gesunken ist.

Unternehmen empfiehlt Schnetzer, stärker auf Mitarbeiterbindung, glaubwürdige Arbeitsbedingungen, neue Formen der Zusammenarbeit und Offenheit für Quereinsteiger zu setzen. Von der Politik fordert er mehr Beteiligungsmöglichkeiten und Freiräume auf lokaler Ebene, etwa in Schulen, Kommunen und Regionen.


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Herr Schnetzer, Sie haben für Ihre Jugendstudie rund 2.000 junge Menschen befragt. Was hat Sie positiv überrascht – und welches Ergebnis erfüllt Sie mit Sorge?
Positiv überrascht mich immer wieder die hohe Leistungsbereitschaft junger Menschen. Sie ist keineswegs geringer als bei älteren Generationen. Das widerspricht dem Klischee, die Jungen wollten nicht mehr arbeiten. Natürlich haben sie teilweise ein anderes Verständnis von Arbeit. Wenn die Arbeitszeit um 17 Uhr endet, sagen Jüngere eher: „Ich habe mein Soll für heute erfüllt, jetzt gehe ich.“ Daraus entstehen manche Missverständnisse.

Was mir Sorge bereitet: Wir haben erstmals gefragt, wo junge Menschen künftig leben wollen. Mehr als 40 Prozent überlegen, ins Ausland zu ziehen, 21 Prozent der 14- bis 29-Jährigen planen dies konkret. Auch wenn nicht alle Deutschland dauerhaft verlassen wollen, ist das angesichts des demografischen Wandels alarmierend: Bis 2036 werden rund 19,5 Millionen Babyboomer das Rentenalter erreicht haben, während nur 12,5 Millionen Jüngere nachrücken. Wenn so viele junge Menschen ihre Zukunft nicht in Deutschland sehen, wird das für Unternehmen, Branchen und Regionen zum Problem.

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Die Studie zeichnet das Bild einer Generation, bei der sich unter der Oberfläche einiges an Frust aufgestaut hat. Erleben wir einen grundsätzlichen Vertrauensverlust der jungen Menschen?
Es ist kein plötzlicher Vertrauensverlust, sondern eine Entwicklung, die sich über Jahre aufgebaut hat. Zum Beispiel Corona: Schulen, Hochschulen und Ausbildungsstätten waren zeitweise geschlossen oder stark eingeschränkt. Junge Menschen hatten bei den Entscheidungen kaum Mitsprache, obwohl die Folgen ihren Alltag unmittelbar betrafen. Die Politik bestimmte plötzlich darüber, ob man seine Freunde oder seine Freundin sehen konnte. Viele junge Menschen gerieten psychisch in ein tiefes Loch.

Zitat Simon Schnetzer: „Zur Zukunftsgestaltung gehört immer eine ordentliche Prise Experimentierfreudigkeit.“

Es kamen weitere Krisen: der Ukrainekrieg, der Krieg im Nahen Osten. Gleichzeitig hören junge Menschen immer wieder: „Ihr müsst leisten, arbeiten, zur Verteidigungsfähigkeit und zur Zukunft des Landes beitragen“. Viele fragen sich aber: „Was tut ihr für uns?“ Das Kernproblem ist, dass junge Menschen in Krisen nicht ausreichend beteiligt werden. Statt gemeinsam mit ihnen eine Zukunftsvision zu definieren, präsentieren wir ihnen eine und sagen: Ihr müsst jetzt dazu beitragen, sie zu erfüllen. Dieser Vertrauensverlust ist hausgemacht.

Die Energiewende ist eines der größten Zukunftsprojekte Deutschlands. Wie gewinnt man junge Menschen dafür?
2019 und 2021 stand der Klimawandel auf Platz 1 der größten Sorgen junger Menschen. Mittlerweile liegt er nur noch auf Rang sechs. Doch der Anteil derjenigen, die sich um den Klimawandel sorgen, ist kaum gesunken. Es sind lediglich fünf andere Sorgen hinzugekommen, die noch stärker wiegen. Krisen kommen und verschwinden nicht mehr. Gerade finanzielle Sorgen beschäftigen viele junge Menschen stark. Wer glaubt, sich kein richtiges Leben leisten zu können, fragt sich natürlich, wie viel zusätzlichen finanziellen Spielraum er noch für Nachhaltigkeit hat. Das ist eine Barriere für die Energiewende.

Zitat Simon Schnetzer „Krisen kommen – und verschwinden nicht mehr.“

Wie kann man dem begegnen?
Nachhaltiges Verhalten sollte stärker sichtbar und positiv besetzt werden. Beim Elektroauto funktioniert das beispielsweise über das E-Kennzeichen und damit verbundene Vorteile. Wichtig ist außerdem, Fortschritte sichtbar zu machen. Was ist unser großes Ziel? Welche Zwischenziele haben wir erreicht? Glaubwürdigkeit entsteht auch dadurch, dass die Energiewende funktioniert. Wenn erneuerbarer Strom wegen Netzengpässen abgeregelt werden muss, beschädigt das die Geschichte, die wir erzählen wollen. Eine Energiewende, bei der die verschiedenen Bereiche tatsächlich ineinandergreifen, ist glaubwürdiger.

Was müssen Unternehmen angesichts des Fachkräftemangels jungen Menschen heutzutage bieten, um für Berufe in der Energieinfrastruktur attraktiv zu sein?
Mitarbeiterbindung ist viel wichtiger als Recruiting. Bevor ich versuche, nach außen attraktiv zu wirken, sollte ich dafür sorgen, dass die, die bereits bei mir arbeiten, abends nach Hause gehen und anderen sagen: „Das ist ein guter Arbeitgeber, da arbeite ich gern“. Zufriedene Mitarbeitende sind die stärkste Werbung. Wenn jemand indes über eine großartige Kampagne zum Praktikum kommt und merkt: Werbung und Realität passen überhaupt nicht zusammen – dann ist diese Person schnell wieder weg.

Zitat Simon Schnetzer: "Glaubwürdigkeit entsteht auch dadurch, dass die Energiewende funktioniert."

Unternehmen müssen deshalb wissen, warum Menschen gern bei ihnen arbeiten – und ebenso ehrlich erkennen, wo Anspruch und Realität noch auseinanderliegen. Gerade ältere Führungskräfte oder Ausbilder tun sich manchmal schwer mit jungen Mitarbeitenden. Es braucht mehr Verständnis und neue Methoden der Führung und Zusammenarbeit.

Hinzu kommt die generelle Verunsicherung. Es gibt junge Menschen, die ihr Studium abgeschlossen haben und anschließend noch eine Ausbildung beginnen, weil sie keinen Job finden. Andere suchen lange erfolglos nach einer Stelle. Unternehmen sollten sich stärker für Quereinsteiger öffnen. Und sie können Sicherheit und Perspektiven vermitteln: Gerade in diesen Zeiten schauen junge Menschen, ob ein Beruf und ein Arbeitgeber ihnen auch langfristig eine Zukunft bieten können.


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Welchen Rat geben Sie der Politik mit, damit das Vertrauen der Jugend in unser politisches System wieder wachsen kann?
Vor allem sollte sie nicht versuchen, alles in Berlin zu bündeln. Viele Entscheidungen, die die Lebenswelt junger Menschen betreffen, werden nämlich vor Ort getroffen. Die Politik sollte Beteiligung und Partizipation ermöglichen, zugleich aber mehr Freiräume zulassen. Mein Credo: Probiert Dinge in Schulen, Kommunen und Regionen aus! Zur Zukunftsgestaltung gehört immer eine ordentliche Prise Experimentierfreudigkeit. Das heißt nicht, überall alle Regeln abzuschaffen. Man kann jedoch gezielt Experimentierflächen schaffen – Freiräume, in denen Menschen neue Ideen entwickeln und erproben können.

Herr Schnetzer, vielen Dank für das Interview.

Simon Schnetzer

ist Jugendforscher, Leadership-Coach und Speaker. Der Diplom-Volkswirt und Master of Science ist Co-Autor und Studienleiter der Trend­studie „Jugend in Deutschland“.

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