Ungarns Energiewende zwischen Solarboom und russischem Erbe

Ungarn ist Solar-Spitzenreiter, setzt auf Kernkraft, bleibt aber teils von Russland abhängig. Kann sich das ändern?

Illustration zur Energieinfrastruktur Ungarns mit Windkraft, Photovoltaik, Kraftwerksanlage und der Budapester Kettenbrücke.

© Robert Albrecht / BDEW

 

Ungarns Energiewende ist von einem starken Ausbau der Photovoltaik, einer weiterhin großen Bedeutung der Kernenergie und fortbestehenden energiewirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland geprägt. Solarstrom erreichte 2025 laut Beitrag einen Anteil von 29 Prozent an der Stromerzeugung, während das Kernkraftwerk Paks knapp 45 Prozent der Nettostromerzeugung liefert. Zugleich begrenzen ein überaltertes Stromnetz und Investitionsstaus die Integration erneuerbarer Energien.

Nach der Lockerung der Abstandsregeln soll auch die Windkraft wieder deutlich ausgebaut werden. Für die Modernisierung der Übertragungs- und Verteilnetze sowie neue Energieprojekte können sich Chancen für deutsche Unternehmen ergeben. Voraussetzung sind nach Einschätzung der zitierten Fachleute verlässliche Rahmenbedingungen, transparente Vergabeverfahren und Investitionen in die Netzinfrastruktur.

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In der Nacht auf den 4. August 2026 geriet Ungarns Energieversorgung in eine ernste Lage. „Morgens gegen halb zwei waren wir nur wenige Millimeter von der vollständigen Abschaltung des Atomkraftwerks Paks entfernt", schrieb Ministerpräsident Peter Magyar auf seiner Facebook-Seite. Zum Glück stieg der Pegel der Donau bis zum Vormittag um anderthalb Zentimeter, andernfalls hätten die Sicherheitsvorschriften der über 40 Jahre alten Anlage gefordert, Paks zeitweilig vom Netz zu nehmen – denn die Kühlung der Reaktoren durch das Donauwasser wäre dann nicht mehr gesichert gewesen. Seit dem 26. August laufen alle vier Reaktoren vorerst wieder auf Höchstleistung, die Notlage wurde knapp abgewendet. Zur Stabilisierung trug auch bei, dass die Regierung Industrie und Haushalte zum Stromsparen aufrief – und der Verbrauch in den Spitzenstunden deutlich sank.

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Das Ereignis offenbart die paradoxe Situation in Ungarn. Auf der einen Seite hat sich das Land zu einem der dynamischsten Photovoltaik-Märkte Mitteleuropas entwickelt – auch unter der Mitwirkung deutscher Unternehmen wie beispielsweise Uniper: Während der Solarstromanteil 2011 noch bei null und 2016 bei lediglich 4,4 Prozent lag, erreichte er im vergangenen Jahr 29 Prozent – was Ungarn zu einem europäischen Spitzenplatz in Sachen Solarstrom verhilft. Auf der anderen Seite steckt die ungarische Energieinfrastruktur in historisch gewachsenen, tiefen Abhängigkeiten fest, die sich nicht einfach per Regierungsdekret auflösen lassen: Knapp 45 Prozent der Nettostromerzeugung entfallen auf Atomkraft und 21 Prozent auf Erdgas – mit langfristigen politischen und finanziellen Abhängigkeiten von Russland.

Karte der wichtigsten Energie-Hotspots Ungarns mit Solarparks, Windkraftausbau und dem Kernkraftwerk Paks sowie Leistungsangaben.

Außenpolitisch hingegen bricht die neue Regierung von Ministerpräsident Magyar mit dem vorherigen Amtsinhaber Orbán. So bezeichnete Magyar Russland Ende August als „Bedrohung“ – und wirft damit Fragen nach den tatsächlichen Handlungsspielräumen des Landes auf . „Das ist ein ziemliches Dilemma“, sagt Kirsten Grieß, Ungarn-Korrespondentin bei Germany Trade & Invest (GTAI), und verweist auf die historischen Verflechtungen zwischen Ungarn und Russland.

Das ungarische Kernkraftwerk Paks wurde mit sowjetischer Technologie errichtet. Das gilt auch für das von langer Hand geplante Erweiterungsprojekt Paks II mit zwei neuen VVER-1200-Reaktoren. Bauherr ist der russische Staatskonzern Rosatom, finanziert werden soll das Vorhaben über russische Kredite in Höhe von 10 Milliarden Euro. Derzeit steht das Projekt zwar auf dem Prüfstand. „Andere Länder wie etwa Frankreich oder die USA jetzt für den Ausbau ins Boot zu holen, wäre aber ein rechtlicher und finanzieller Kraftakt“, sagt Grieß. Ob unter diesen Umständen auf absehbare Zeit eine Unabhängigkeit von Russland erreichbar ist, scheint unklar.

Der Solarboom und das Nadelöhr im Stromnetz

Eine weitere Paradoxie zeigt sich bei den Erneuerbaren. Während Solar boomt, herrscht bei der Windkraft Flaute: Anfang der 2010er Jahre kam der ungarische Windkraftausbau mangels neuer Ausschreibungen fast vollständig zum Stillstand. Enorme Hürden schuf die 2016 beschlossene Abstandsverordnung, die Standorte innerhalb eines Zwölf-Kilometer-Radius um Wohnsiedlungen verbot und neue Projekte faktisch blockierte. Die Trendwende kam erst 2024: Durch die Herabsetzung des Mindestabstands auf 700 Meter schuf die Regierung wieder die gesetzlichen Grundlagen für den Bau neuer Windparks.

Infografik zur Nettostromerzeugung in Ungarn 2025 und zum starken Ausbau der Photovoltaik mit wachsender Zahl und Leistung von Solaranlagen.

Und da gibt es noch ein Problem: Der gewaltige PV-Boom offenbart immer wieder Schwachstellen in der Infrastruktur, denn das nationale Stromnetz (Livedaten zum Energiemix) ist überaltert. Die Probleme in der Versorgungsqualität des ungarischen Stromnetzes sind auch in der Position des Landes im europäischen SAIDI-Index erkennbar. Der Index gibt an, wie viele Minuten Verbraucher pro Jahr durchschnittlich von ungeplanten Versorgungsunterbrechungen betroffen sind. Ungarn lag im Berichtsjahr 2024 europaweit auf dem drittletzten Platz mit 154 Minuten - nur Kroatien (198 Minuten) und Rumänien (185 Minuten) wiesen schlechtere Werte auf. Zum Vergleich: Für das Stromnetz in Deutschland wies die BNetzA im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Ausfallzeit von knapp zwölf Minuten aus – ein europäischer Spitzenwert.


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Der Grund für die Anfälligkeit des ungarischen Netzes sind vor allem massive Investitionsstaus. Abhilfe schaffen könnten Milliardenbeträge aus dem postpandemischen Wiederaufbau- und Resilienzplan der Europäischen Union. Mehr als zehn Milliarden Euro waren über Jahre hinweg aufgrund von Rechtsstaatskonflikten mit der Europäischen Kommission in Brüssel eingefroren worden. „Die Freigabe dieser Mittel könnte ein wichtiger Impuls sein, um das Netz mit intelligenten Steuerungssystemen und modernen Umspannwerken fit für die Erneuerbaren zu machen“, sagt Kirsten Grieß. Alexander Radunz vom Institut der deutschen Wirtschaft ist ebenfalls vorsichtig optimistisch: „Potenziale liegen nicht nur in staatlich geförderten Großprojekten, sondern in einer grundsätzlichen Entpolitisierung des Standorts: Europäische Unternehmen können insbesondere beim Infrastrukturausbau gegenüber inländischen, zuvor politisch begünstigten Konkurrenten wieder wettbewerbsfähig werden - und Erneuerbare Energien für die Verbraucher erschwinglicher werden.“

Zukunftspläne und deutsche Beteiligung

Neben bereits geltenden Klimazielen wie dem geplanten Kohleausstieg bis 2029 hat sich die Regierung Magyar vorgenommen, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2040 zu verdoppeln. Hierzu soll vor allem der Ausbau der heimischen Windkraft beitragen. Bis 2030 soll die derzeit installierte Windkraftkapazität von 330 Megawatt auf 3.000 bis 4.000 Megawatt verzehnfacht werden. Damit einhergehend müssen Übertragungs- und Verteilnetze ausgebaut und modernisiert werden. Neben bereits angesiedelten deutschen Großplayern wie E.ON, Uniper und Siemens Energy könnten perspektivisch auch andere deutsche Unternehmen profitieren, so Kirsten Grieß: „Zuerst wird die neue Regierung jedoch verlässliche Rahmenbedingungen schaffen müssen. Die Zuständigkeit für das Thema Energie liegt jetzt im Wirtschaftsministerium. Nun geht es darum, dort transparente Ausschreibungen und Vergabeverfahren für Zulieferunternehmen sicherzustellen.“

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