Gasversorgung: Der Füllstand ist nur ein Teil der Wahrheit

Wie sicher ist Deutschlands Gasversorgung? Warum der Speicherstand wichtig ist – aber längst nicht alles entscheidet.

Grafische Weltkugel als Gasspeicher über einer stilisierten Skyline in Blau, Türkis und Korallrot.

© Robert Albrecht / BDEW

 

Deutschlands Gasversorgung hängt nicht allein vom Füllstand der Gasspeicher ab, sondern vom Zusammenspiel aus Pipelineimporten, Speichern, Flüssigerdgas (LNG), Infrastruktur und Gasnachfrage. Die Speicher gleichen saisonale Unterschiede zwischen Angebot und Nachfrage aus, während gleichzeitig kontinuierlich Gas importiert und teilweise in Nachbarländer weitertransportiert wird. 2025 importierte Deutschland 1.031 Terawattstunden Gas; 44 Prozent kamen aus Norwegen, 24 Prozent über die Niederlande und 21 Prozent über Belgien.

Für den 1. November 2026 gelten für die meisten Speicher Füllstandsvorgaben von 80 Prozent, für sechs Anlagen von 45 Prozent. Über alle deutschen Speicher entspricht dies rechnerisch rund 70 Prozent. Niedrigere Speicherstände bedeuten daher nicht automatisch, dass physisch zu wenig Gas verfügbar ist.

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Es gehört inzwischen so zuverlässig zum Herbst wie fallende Kastanien und buntes Laub: Deutschland blickt auf die Gasspeicher. Seit der Energiekrise des Jahres 2022 sind ihre Füllstände zum viel beachteten Barometer der deutschen Gasversorgung geworden. Doch ein Barometer zeigt eben nur einen Wert an – es ersetzt nicht den Wetterbericht.

Dennoch fällt der Blick in diesem Jahr besonders kritisch aus: Mitte September waren die deutschen Speicher nur zu rund 56 Prozent gefüllt – knapp 20 Prozentpunkte weniger als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres und ungewöhnlich wenig für diese Jahreszeit. Trotzdem bewertet die Bundesnetzagentur die Gasversorgung derzeit als stabil und die Gefahr einer angespannten Versorgung als gering. Wie das?

„Entscheidend für die Versorgungssicherheit ist das Zusammenspiel von Pipelineimporten, Speichern, LNG-Importen, Infrastruktur und Nachfrage“, sagt Sascha Grüner, Referatsleiter für Versorgungssicherheit und Gastransportnetzen bei der Bundesnetzagentur.

Warum Gas noch immer so wichtig ist

Trotz Energiewende wird in Deutschland weiterhin viel Gas zum Heizen benötigt, immerhin heizt jedes zweite Wohngebäude mit Gas. Im Neubau ändert sich das Bild zwar rasant – 2025 wurden bereits knapp drei Viertel der neuen Wohngebäude hauptsächlich mit Wärmepumpen beheizt. Der Gebäudebestand indes verändert sich langsamer. Und: 2025 entfielen 60 Prozent des deutschen Gasverbrauchs auf Industriekunden. Eine sichere Gasversorgung ist deshalb nicht allein eine Frage warmer Wohnstuben, sondern auch eine Standortfrage.

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Deutschland verbraucht jedoch inzwischen deutlich weniger Gas als vor der Energiekrise. 2025 lag der Verbrauch mit 864 Terawattstunden zwar leicht über dem Vorjahr, aber immer noch knapp zwölf Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021. Auch das gehört also zur Rechnung: Was nicht verbraucht wird, muss weder importiert noch gespeichert werden.

Infografik mit Deutschlandkarte und Gasnetz sowie Zuflüssen aus dem Ausland und Abflüssen zu Verbrauchern und Exporten.

Das Bild muss stimmen

Wer auf die Speicher schaut, sollte sie sich deshalb nicht wie einen Heizöltank im Keller vorstellen, dessen Inhalt im Winter allmählich zur Neige geht. „Deutschlands Gasversorgung ist ein dynamisches System, das permanent in Bewegung ist“, sagt Franziska Holz, Forschungsbereichsleiterin Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Während Gas aus den Speichern entnommen oder in andere Staaten weitertransportiert wird, strömt gleichzeitig laufend neues Gas ins Land.“

Das Rückgrat dafür bildet ein rund 40.000 Kilometer langes Fernleitungsnetz mit 47 Gasspeichern. Es transportiert große Gasmengen quer durch die Republik und über ihre Grenzen – zusammen mit den fein verzweigten regionalen und lokalen Verteilnetzen mit einer Gesamtlänge von etwa 560.000 Kilometern. So ist Deutschland Teil eines europäischen Systems: Gas, das etwa aus Norwegen nach Europa gelangt, kann über Grenzen hinweg dorthin fließen, wo es benötigt wird.

Liniendiagramm zur Entwicklung der Gasimporte nach Herkunft von 2020 bis 2025, darunter GUS, Norwegen, LNG und Niederlande.

Wie stark dieses System im Wandel begriffen ist, zeigen die erheblichen Verschiebungen der Importwege seit 2022. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war Deutschland in hohem Maße von russischem Pipelinegas abhängig. „Heute hat die Gasversorgung deutlich mehr Flexibilitätsoptionen als früher“, sagt Sascha Grün von der Bundesnetzagentur. 2025 importierte Deutschland insgesamt 1.031 Terawattstunden Gas. 44 Prozent der Importe kamen aus Norwegen, 24 Prozent über die Niederlande und 21 Prozent über Belgien. Über die deutschen LNG-Terminals wurden 106 Terawattstunden eingeführt – gut zehn Prozent der gesamten Importe. „Das ist gut so“, sagt Franziska Holz. „Wir haben inzwischen eine so diversifizierte Landschaft an Zulieferern, dass das Gesamtsystem sehr robust und resilient ist.“

Zudem wurden 221 Terawattstunden im Jahr 2025 weiter in Nachbarländer exportiert, vor allem nach Österreich, Tschechien und in die Schweiz. Die Bundesrepublik ist also Verbraucher, Importeur und Transitland – eine Drehscheibe im europäischen Gasmarkt.

Was der Speicherstand verrät – und was nicht

Die Speicher haben in diesem System eine wichtige Aufgabe: Sie gleichen den saisonalen Unterschied zwischen Gasangebot und -nachfrage aus. Im Sommer wird typischerweise eingespeichert, in der Heizperiode ausgespeichert. Dabei gilt jedoch: Die gesetzlichen Zielwerte, geregelt in der Gasfüllstandverordnung, unterliegen Veränderungen.

Zum 1. November 2026 gelten für die meisten Speicher 80 Prozent, für sechs Anlagen lediglich 45 Prozent. Über alle deutschen Speicher entspricht das rechnerisch einem Ziel von rund 70 Prozent. Zum 1. Februar 2027 gelten grundsätzlich 30 Prozent; für vier bayerische Speicher sind 40 Prozent vorgeschrieben.

Zwei Kreisdiagramme zur Herkunft deutscher LNG-Importe 2025 und 2026: Der größte Anteil stammt jeweils aus den USA.

„Ein pauschaler Vergleich mit den ungewöhnlich hohen Speicherständen der Krisenjahre kann in die Irre führen“, sagt Sascha Grüner – auch deshalb, weil die nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine geschaffene Füllstandsverordnung im Jahr 2027 ausläuft.

Einkauf nach den Regeln des Marktes

Gas wird von Unternehmen beschafft und gespeichert. Ob es attraktiv ist, im Sommer große Mengen einzulagern, hängt entscheidend von den Preisen ab. Ist der erwartete Winterpreis höher als der Sommerpreis und deckt die Differenz die Kosten der Speicherung, lohnt sich das Geschäft. Ist dieser sogenannte „Sommer-Winter-Spread“ gering oder sogar negativ, sinkt der wirtschaftliche Anreiz zur Befüllung.

Niedrigere Speicherstände können daher aus Sicht einzelner Händler das Ergebnis rationaler Beschaffungsentscheidungen sein – und bedeuten nicht automatisch, dass physisch zu wenig Gas verfügbar ist. Ob diese Marktlogik zugleich ausreichend Vorsorge für außergewöhnlich kalte Winter schafft, ist allerdings umstritten.

„Speicher sind auch ein Instrument des Marktes“, sagt Franziska Holz vom DIW, „und die aktuellen Preisprognosen für den Winter zeigen, dass die Marktakteure bisher keine Knappheit befürchten; andernfalls würden Unternehmen jetzt Gas einlagern, um am Verkauf im Winter zu profitieren.“


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Dass die Bundesregierung inzwischen zusätzliche Anreize für die Einlagerung schaffen will, zeigt allerdings auch die Grenze dieser Logik. Mitte September kündigte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) an, die Ausschreibung sogenannter Long-Term-Options auszuweiten. Händler erhalten dabei Geld dafür, bestimmte Gasmengen für einen späteren Bedarfsfall vorzuhalten. Zusätzlich sollen laut Medienberichten die bundeseigenen Unternehmen SEFE ihre Möglichkeiten zur Einspeicherung stärker nutzen. Einen direkten staatlichen Großeinkauf wie 2022 plant die Bundesregierung derzeit nicht.

Auf diese Stellschrauben kommt es an

Für die Frage, ob Deutschland sicher durch einen Winter kommt, müssen also mehrere Faktoren gleichzeitig betrachtet werden: Wie viel Gas fließt kontinuierlich aus Norwegen und anderen Ländern durch die Pipelines? Welche LNG-Mengen stehen in Deutschland zur Verfügung? Welche Lieferungen erhält die Bundesrepublik aus anderen europäischen Staaten, die – wie beispielweise Italien und die Niederlande – ihrerseits eigene LNG-Terminals haben. Mit Blick auf Europa: Wie leistungsfähig sind also Terminals und Netze? Wie hoch ist der Verbrauch? Und vor allem: Wie kalt wird der Winter?

Genau deshalb lohnt sich der Blick über die Speicher hinaus. Sie bleiben ein wichtiger Puffer. Aber ob Deutschland warm durch den Winter kommt, entscheidet sich nicht an einem einzigen Prozentwert, sondern am Zusammenspiel eines europäischen Versorgungssystems, das seit 2022 über deutlich veränderte Importwege und zusätzliche Flexibilitätsoptionen verfügt.

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